Ein Hoch auf den Seniorenurlaub!

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Das Wandern ist des Arztes Lust! © Monkey Business – stock.adobe.com; MT

Jeder will gerne mal vom Alltag abschalten, oder? Bewegung in der freien Natur kommt auch der Gesundheit zugute. Eine Liebeserklärung an das Wandern.

Gerade sind mein Mann und ich von einem „Rentnerurlaub“ zurückgekehrt. Nein, nein, nicht was Sie denken. Ich habe meine Praxis weder weitergegeben noch geschlossen. Wir haben lediglich aus terminlichen Gründen unseren Urlaub nach Ende der Sommerferien-Saison angetreten. Und das machte sich bemerkbar: Die Hotelbetten in dem als „familienfreundliches Wanderparadies“ beworbenen Bergdorf waren nur noch zu zwei Dritteln ausgelastet, im örtlichen Lebensmittelmarkt und am Frühstücksbüffet gab es kein Gedränge. An den öffentlichen Orten tummelten sich Herrschaften, die man heutzutage der Kategorie „Best Ager“ zuordnet. Alles in allem blieb die Menge an Menschen überschaubar. „Rentnerurlaub eben“, bemerkte unser Ältester staubtrocken am Telefon.

Nach dem ersten kurzen Schock über diese Beschreibung kann ich aber sagen: Es waren wunderbare ruhige Tage. Auf den Wanderwegen im Tal und auf den Höhenpromenaden trafen wir gut gelaunte, fröhliche kontaktfreudige Menschen an, oberhalb der Baumgrenze hatten wir unsere absolute Ruhe. Wo keine Bergbahn die Menschen auf den Gipfel beförderte, begegneten wir niemandem mehr – welch eine Entspannung!

Und so konnte ich in meinem „Seniorenurlaub“ in Ruhe die Wanderer beobachten. Wie auffällig waren doch die Unterschiede in der körperlichen Fitness! Da gab es den drahtigen schlanken Endsechziger, der zügig und energisch den Berg hinaufstieg – manchmal, aber eher selten, in Begleitung einer ebenso fitten und drahtigen Ehefrau. Da war der leicht übergewichtige, aber immer noch sportliche Herr, den es nicht mehr auf den hohen Berg zog, der aber die Bewegung in frischer Luft schätzte und auch das kulinarische Angebot in der Almwirtschaft nicht verachtete.

Ins Auge sprang mir auch die munter voranschreitende Dame, die den Wanderweg mit Stöcken eher als Nordic-Walking-Parcours nutzte, und der „Bauchträger“. Ihm sah man an, dass er früher mal viel Sport gemacht hatte, sich aber mittlerweile mit seinen Wanderstöcken abmühen musste und seiner früheren Fitness nachtrauerte. Und nicht zu vergessen: die vielen glücklichen Hundebesitzer, die ihren Liebling beim Entdecken der Bergregion beobachteten.

Ich frage mich: Sind die Unterschiede im Gesundheitszustand, in dem der oder die Einzelne das Renten­alter erreicht, tatsächlich nur das Ergebnis von jahrelanger richtiger oder falscher Ernährung? Von Bewegungsarmut bzw. nie unterbrochenem Fitnesstraining? Von Rauchen, Saufen oder Abs­tinenz? Ich weiß es nicht, glaube aber, dass nicht nur die Epigenetik, sondern auch die Genetik eine große Rolle spielt. Schon unser Körperbau ist entscheidend dafür, ob wir Läufer bzw. Ausdauersportler oder eher Fußballer, Basketballer oder Turner sind. Und unser Stoffwechsel kennt Typen wie Nomaden und Ackerbauer.

Über die ungerecht verteilte Veranlagung kann man sich philosophisch und theologisch ereifern. In unseren Praxen ist sie tagtäglich Realität. Wir Hausärzte müssen jeden einzelnen Patienten mit seinem individuellen „Ballast“ bzw. seinem Schicksal begleiten und sofern möglich anleiten.

Zurück zum Wandern, zum Bewegen in frischer Luft, was uns allen gut tut. Nicht umsonst ist Pilgern wieder in Mode. Wir haben ein erreichbares Ziel vor Augen, das macht uns zuversichtlich und stolz. Wandern lässt uns den Alltag vergessen, hält schlank, beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor und hebt die Stimmung. Und genau das trifft auf alle diese älteren Leute, denen wir im Urlaub begegnet sind, zu. Es lebe die Prävention, ganz egal, ob primär, sekundär oder tertiär!