Ernsthaft, 15 Semester?!

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Die einzige Chance, in einer medizinischenFakultät zu landen: den eigenen Körper der medizinischen Forschung zur Verfügung zu stellen. © fotolia/photog.raph

Die Wartezeit für ein Medizinstudium und fragliche Rekrutierungsmaßnahmen- in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Entscheidung über Ihren Zulassungsantrag zum Medizinstudium: Wartezeit des letzten ausgewählten Bewerbers (in Halbjahren): 15. Ihre bis jetzt erreichte Wartezeit: 8. Ergo, 7,5 Jahre Wartezeit zum Medizinstudium! Geht’s noch? Was mutet man jungen Menschen hier zu? Auch mit dem Losverfahren ist es wie auf dem Jahrmarkt – den großen Teddy gewinnen immer nur die anderen. Die Tochter einer Freundin hat mir kürzlich gesagt, ihre einzige Chance, in einer medizinischen Fakultät zu landen, sei es, ihren Körper der medizinischen Forschung zur Verfügung zu stellen. Eine bittere Bilanz.

Ich erspare mir, an dieser Stelle näher auf die mangelnde Sinnhaftigkeit der Abiturnote als ausschlaggebendes Kriterium zur Studienplatzvergabe einzugehen. Als ob die Abiturienten mit einer Gesamtnote von 1,0–1,1, die derzeit als NC für das Wintersemester gilt, dadurch besonders qualifiziert für das Medizinstudium wären – manch einer mag dabei sein.

"Manch einer war ein guter Auswendiglerner oder auch Lehrer-Analzäpfchen"

Es gibt aber auch jene, die einfach nur gut auswendig lernen konnten, Lehrer-Analzäpfchen waren oder nach dem Abitur nicht genau wussten, wohin ihre Reise geht, und sich aus Prestigegründen für die medizinische Fakultät entschieden. Oftmals sind die "Ärzte aus Berufung" eben jene, die kein 1,0-Abitur vorweisen können, die vielleicht ein paar Umwege gemacht haben, bevor sie bei ihrem Traumberuf gelandet sind. Einige haben erst eine Ausbildung als Pfleger oder MTA absolviert, andere zunächst ein ganz anderes Studium. Manch einer hat sein Abitur gar auf dem zweiten Bildungsweg erworben und dann mit großer Zielstrebigkeit seinen Traum verwirklicht.

Aber solche Biografien fallen durch das Raster der schematisierten und auf der Abiturnote basierten Selektion. Selbst die Auswahl durch die Universitäten beruht hauptsächlich auf der Abi-Note, auch wenn hier doch ein Spielraum zugunsten der persönlichen und fachlichen Eignung des Kandidaten vorläge ...

"Eine Körperspende scheint die einzige Möglichkeit zu sein, in den Präp-Saal zu kommen"

Siebeneinhalb Jahre. In dieser Zeit kann ein junger Mensch mit Abitur drei Ausbildungen abgeschlossen haben. Er kann also Rettungssanitäter, Pfleger und MFA sein. Vor einigen Jahren war es noch recht vielversprechend, sich ins Studium einzuklagen. Vorausgesetzt natürlich, die Eltern verfügten über entsprechende finanzielle Mittel. Doch mittlerweile haben die Universitäten juristisch nachgerüstet. Kaum eine Klage ist mehr erfolgreich. Derzeit liegt ein Antrag zur Prüfung der Rechtmäßigkeit der Wartezeit über der Dauer der Regelstudienzeit hinaus (12 Semester) beim Bundesverfassungsgericht. Auf das Urteil darf man gespannt sein.

Es wird Zeit, dass man antiquierten Rekrutierungsmethoden den Rücken kehrt, die jedem Personaler in der freien Wirtschaft die Fingernägel kräuseln lassen würden. Einige Universitäten haben höhere Ansprüche an ihre Studenten als ein Einser-Abi, etwa die Universität Witten-Herdecke. Persönlichkeit, Motivation, Kenntnisse und Erfahrungen bilden hier wichtige Auswahlkriterien. Und so erscheint vielen Verzweifelten der Gang ins Ausland oder an teure Privatuniversitäten als (letzte) Lösung. Aber auch hier sind die Plätze begehrt – und begrenzt. Warten also auf den Erfolg von Initiativen, den Missstand zu beheben – oder auf Godot.