„Es könnte ja was Ernstes sein“ – ein Jahresrückblick

Kolumnen Autor: Dr. Jörg Vogel

Zuerst googeln, dann den Arzt aufsuchen – dieses Phänomen sieht man immer öfter. © fotolia/Andrey Popov

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Ein Jahresrückblick aus dem Praxisalltag.

Das Jahr 2017 betrachtend, fällt auf, dass zunehmend Leute die Praxis fluten, die von ihrem Alter her eigentlich wenig bei einem Arzt zu suchen haben. Die Rede ist von den jungen Erwachsenen, also Mitte Zwanzig bis Mitte Vierzig. Ich nenne sie die „Generation PC“. Denn diese Patienten besorgen sich ihre Diagnosen aus dem Internet.

Hat zum Beispiel Torsten Kopfschmerzen, dann nimmt er nicht etwa ASS – nein, er ist „GEGEN Tabletten“. Stattdessen besucht er im Internet einen Kopfschmerzchat. Dort erfährt er von Usern (oder Loosern?) wie „Birnekaputt64“ oder „Kopfup17“ alles über Hirntumoren, Aneurysmen und Schlaganfall. Am nächsten Tag sitzt er dann bei mir und fordert ein dringliches MRT, Termin vorgestern.

Oder wenn Susanne ein Leibwind plagt, dann schaut sie zuerst auf ihr Smartphone. Schließlich hat sie gestern wie immer ihr Essen fotografiert. Findet sie dabei nichts Auffälliges, besucht sie die Darmkrebsgruppe von „Rohrkrepierer38“ und vermutet zumindest ein Karzinom, wenn nicht gar eine Laktoseintoleranz. Und plötzlich ist es aus mit „Darm mit Charme“ und sie kommt vor Angst zitternd in die Praxis.

Auch habe ich mir noch nie so viele Insektenstiche anschauen dürfen wie in diesem Jahr. Patientenmund: „Meine Freunde haben gesagt, ich soll das lieber mal dem Arzt zeigen. Es könnte ja etwas Ernstes sein ...“ Ja, was denn bitte schön? Früher haben wir Spucke drauf gemacht! Im Ausnahmefall natürlich auch mal Prednisolonsalbe. Oft passiert es, dass wegen solcher Banalitäten die Notaufnahme unseres Krankenhauses aufgesucht wird. Insbesondere an den Wochenenden. Man las es doch im Internet: „Blutvergiftung nach Mückenstich!“

Am Montag sitzen dann diese Patienten mit den typischen mehrseitigen Briefen der geplagten Notärzte bei mir in der Praxis. Wenn ich sie hereinrufe, übergeben sie mir das Dokument mit der leidenden Miene eines japanischen Industriellen, der mit beiden Händen seine Visitenkarte überreicht, weil er notgedrungen einen Investor für seine bankrotte Firma sucht. So wird, kostenmäßig gesehen, tatsächlich aus einer Mücke ein Elefant. Die Gesundheitspolitiker haben dafür eine einfache Lösung: Die Ärzte sollen ihre Praxen wieder verstärkt an den Wochenenden öffnen und dadurch solche Scheinnotfälle abfiltern. Schließlich gibt es ja fette Honorarziffern dafür.

Man könnte das ja auch mal anders sehen. Zum Beispiel, indem man die Wurzel des Übels betrachtet. Die Menschen werden bereits in zweiter Generation von all den Medien regelrecht „krank geschrieben“. Gestresste nosophobe Leute im besten Alter bevölkern die Praxen, fordern mit Nachdruck kos­tenintensive Untersuchungen und sind selbst mit kleinsten gesundheitlichen Störungen überfordert. Und sie haben inzwischen Kinder, die selber schon die größte Zeit des Tages online sind. Oder macht auch nur eines dieser Kiddies allen Ernstes sein Smartphone tagsüber aus?

Mein häufigster ärztlicher Rat 2017 an diese Generation PC: „Einfach abschalten! Alles! Wettergerecht anziehen und rausgehen! Ohne Stöpsel im Ohr! Dem Körper mal wieder Bewegung gönnen und den Augen beruhigendes Grün statt Bildschirmgeflimmer.“ „Grün gönnen? Aber ich wohne doch in der Stadt ...“, jammerte Torsten. „Okay, dann latschst Du eben übern Supermarktparkplatz!“, entgegne ich. Selbst dort gibt es viel Komisches zu entdecken. Zum Beispiel, wie oft Frauen vor dem Supermarkt rückwärts einparken. Was machen die dann mit dem Eingekauften? Schmeißen sie es in den Motorraum? In diesem Sinne: Viel Spaß bei den Weihnachtseinkäufen und frohes Fest!