In Hessen entstehen Fortbildungsangebote zu medizinischen Apps und Künstlicher Intelligenz

Interview , e-Health Autor: Isabel Aulehla

Die Akademie lehnt Referenten ab, wenn Zweifel an deren Unabhängigkeit bestehen. Die Akademie lehnt Referenten ab, wenn Zweifel an deren Unabhängigkeit bestehen. © iStock/LeoWolfert

Digitalisierung lautet die Devise, nicht nur in der Coronakrise: Die Akademie für Ärztliche Fort- und Weiterbildung der LÄK Hessen entwickelt einen Kurs rund um Apps und KI für Ärzte. Ihr Vorstandsvorsitzender Professor Dr. Hans-Rudolf Tinneberg berichtet von dem neuen Angebot und dem 50-jährigen Jubiläum der Einrichtung.

Wie wirkt sich die Coronapandemie auf die Akademie aus?

Prof. Tinneberg: Massiv, wir mussten den Betrieb wegen des Kontaktverbots vorübergehend einstellen. Nun haben wir den Anspruch, möglichst schnell mehr Inhalte online anzubieten. Das bedarf allerdings erst weiterer Qualifizierungen des Personals und Umstellungen in der EDV. Qualifizierende Fort- und Weiterbildungen dürfen nicht ausschließlich online erfolgen. Digitale Inhalte dürfen maximal 40 % ausmachen. Für Ärzte, die in diesen Wochen eine Veranstaltung bei uns besuchen wollten, ist es natürlich eine unglückliche Situation. Ihre Planung ist nun hinfällig. Das kann ein echtes Karriere­hindernis sein.

Wo steht die Akademie in Sachen Digitalisierung?

Prof. Tinneberg: Verschiedene Kurse bieten wir als Kombination aus Präsenzveranstaltungen und E-Learning an. Man spricht von „Blended Learning“. Viele Teilnehmer empfinden es als angenehm, dass sie einen Teil der Inhalte zu Hause erarbeiten können. Ich merke aber auch: Ausgeteilte Materialien sind nach wie vor beliebt. Die Ärzte machen sich gerne Notizen.

Die Kurse der Akademie sind nicht kostenlos. Macht es das schwieriger, Teilnehmer zu finden?

Prof. Tinneberg: Den Eindruck habe ich nicht, die Ärzteschaft scheint sich unabhängige Fortbildungen zu wünschen. Das Geld ist natürlich immer ein Faktor, daher haben auch kostenlose, gesponsorte Veranstaltungen ihren Stellenwert. Diese Angebote unterscheiden sich aber grundlegend von unseren Lehrveranstaltungen, weil sie immer ein werbliches Interesse haben. Bei uns geht es dagegen darum, klar vorgegebene Inhalte strukturiert und unabhängig vorzutragen. Die Teilnehmer wissen das zu schätzen.

Die Referenten bekommen weniger Geld als bei privaten Anbietern. Ist ihr Interesse geringer?

Prof. Tinneberg: Es gibt durchaus Referenten, die sagen: „Zu euch komme ich nicht, das lohnt sich ja gar nicht.“ Die meisten sind aber gerne bereit, zu uns zu kommen, weil die Akademie einen guten Ruf hat. Es geht auch ums Renommee. Es ist unser Anspruch, die Interessenkonflikte der Vortragenden offenzulegen. Wenn wir aufgrund der Unterlagen eines potenziellen Referenten bezweifeln, dass er unabhängig ist, lehnen wir ihn ab. Einmal haben wir uns auch von einem Vortragenden getrennt, weil er sich im Kurs rassistisch geäußert hatte. Das tolerieren wir nicht.

Kann die Akademie ohne Sponsoring kostendeckend arbeiten?

Prof. Tinneberg: Prinzipiell ist die Akademie nicht gewinn­orientiert. Meist haben wir ein Defizit, das wir natürlich so gering wie möglich halten. Es wird mithilfe der Beiträge ausgeglichen, die jeder Arzt in Hessen an die Landesärztekammer zahlt. Aus der Ärzteschaft kommt immer wieder die Frage, ob es nicht preiswerter geht. Unsere Neutralität aufzugeben, kommt aber nicht infrage. Dann lieber der Zuschuss. Insofern ist der Zuschuss auch ein Statement der Ärzteschaft für die unabhängige Fortbildung.

Teilnehmerzahlen

Pro Jahr absolvieren mehr als 3000 Ärztinnen und Ärzte Kurse an der Akademie, Tendenz steigend. In den vergangenen 50 Jahren waren es schätzungsweise 100 000.

Gab es besondere Herausforderungen, die die Akademie bewältigen musste?

Prof. Tinneberg: Es kommt immer wieder vor, dass plötzlich neue Qualifizierungsanforderungen gestellt werden. Vor einigen Jahren wurde etwa beschlossen, dass Mediziner, die bei einer Pränataldiagnostik beraten, über die Qualifikation zur „fachgebundenen genetischen Beratung“ verfügen müssen. Es gab aber noch gar keine Angebote dafür. So wurde dann die Akademie vor die Aufgabe gestellt, schnell zu handeln. Das heißt, die Inhalte mussten abgestimmt und Referenten gesucht werden. Das hat gut funktioniert, binnen eines Jahres haben 800 Ärzte den Qualifikationsnachweis erbracht.

Vor welchen großen Aufgaben steht die Akademie in Zukunft?

Prof. Tinneberg: Wir wollen Angebote schaffen, die auf die digitale Transformation des ärztlichen Alltags vorbereiten. Wir sind in engem Austausch mit PD Dr. Sebastian Kuhn, einem Experten im Bereich der Digitalisierung und der Medizindidaktik. Mit ihm möchten wir ein Curriculum auf die Beine stellen, das folgende Inhalte abdeckt: Wie helfen neue Tools wie Apps und Künstliche Intelligenz? Wie kann ich sie nutzen? Einige Ärzte erschließen sich das vielleicht selbst, aber eine stratifizierte Weiterbildung fehlt bislang. Ursprünglich wollten wir den Kurs zur Jahreshälfte anbieten, aber das Coronavirus hat uns ausgebremst.

Sie sind auch Sektionsleiter in einer Klinik. Was motiviert Sie dazu, sich für die Akademie zu engagieren?

Prof. Tinneberg: Naja, ich bin Rentner. Meine Tätigkeit in der Klinik ist zeitlich begrenzt. Mit der Akademie bin ich schon seit zehn Jahren eng verbunden, als Kursleiter und Referent. Didaktisch und inhaltlich kann ich eine Menge geben. Außerdem habe ich ein großes Netzwerk. Ich freue mich, wenn ich das alles der Akademie zur Verfügung stellen kann.

Medical-Tribune-Interview


Prof. Dr. Hans-Rudolf Tinneberg; Gynäkologe und Vorstandsvorsitzender der Akademie für Ärztliche Fort- und Weiterbildung der LÄK Hessen Prof. Dr. Hans-Rudolf Tinneberg; Gynäkologe und Vorstandsvorsitzender der Akademie für Ärztliche Fort- und Weiterbildung der LÄK Hessen © Nordwest Krankenhaus