Kann die neue Darmkrebsvorsorge trotz gebietsweiser Terminengpässe erfolgreich sein?

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Werden die Ärzte im Fall steigenden Terminbedarfs der Nachfrage noch gerecht werden können? © iStock/robertprzybysz

Seit Juli laden die gesetzlichen Krankenkassen zur Teilnahme am Darmkrebs-Screening ein. Wie viele Anspruchsberechtigte dem Aufruf tatsächlich folgen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Dann wird auch deutlich, ob die Ärzte überhaupt genügend Termine für die Koloskopie bereitstellen können.

Laut Neuregelung der „Richtlinie für organisierte Krebsfrüherkennungsprogramme“ können Männer seit Juli bereits ab dem Alter von 50 Jahren und Frauen ab 55 Jahren zweimal eine Darmspiegelung machen lassen, ergänzend zum Okkultbluttest. Werden bei der ersten Darmspiegelung keine Auffälligkeiten gefunden, ist eine zweite Darmspiegelung dann 10 Jahre nach der ersten möglich. Und seit 1. Juli laden die Krankenkassen ihre Versicherten schriftlich zum Screening ein.

Manche warten jetzt schon monatelang auf Termine

Wie viele Patienten der Einladung zur Koloskopie folgen werden, bleibt abzuwarten. Sicher ist aber, dass es schon jetzt nicht überall in Deutschland zeitnah einen Termin für die Koloskopie gibt. Monatelange Wartezeiten werden etwa von Patienten aus Sachsen berichtet. Und auch in der Hauptstadt – genauer: im Ostteil – sind Termine Mangelware. Ist eine Versorgung von deutlich mehr Screeningpatienten unter diesen Gegebenheiten überhaupt machbar?, wollte Medical Tribune von den Magen-Darm-Ärzten wissen.

Dr. Dagmar Mainz ist Sprecherin des Berufsverbandes der Niedergelassenen Gastroenterologen Deutschlands (bng) und niedergelassene Internistin in Saarlouis. Sie zeigt sich optimistisch: „Wir Magen-Darm-Ärzte haben lange für das Einladungsverfahren gekämpft, wir geben unser Bestes.“ Aber die Vorsorge sei bereits seit 2002 Kassenleis­tung, und die Patienten würden im Abstand von fünf Jahren eingeladen werden – sie rechne also weniger mit einer Riesenwelle.

Dabei geht man von etwa 180 000 durch das Screening vermiedenen Karzinomfällen und 40 000 im Frühstadium entdeckten Dickdarmkarzinomen aus. Diesen Wert hat das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg gemeinsam mit dem Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung auf Basis von Koloskopiedaten von 2003 bis 2012 berechnet. Betrachtet wurden 4,4 Mio. Früherkennungs-Koloskopien und 5 Mio. standardisiert erhobene Befunde. Der Haken: Seit Einführung der Koloskopie ins Krebsfrüherkennungsprogramm von den 55- bis 74-Jährigen haben gerade einmal 2 bis 2,5 % pro Jahr die Leistung in Anspruch genommen.

32 % Steigerung sind immer noch Wenige von Wenigen

Die Studie „Saarland gegen Darmkrebs – Machen Sie mit!“ hatte dann gezeigt, dass sich mit Einladungsschreiben für die Vorsorgekoloskopie die Teilnahmerate innerhalb eines Jahres um 32 % (5,9 % versus 4,4 %, p < 0,001) erhöhen lässt. Dr. Mainz relativiert das: „Wenn man bedenkt, dass die Teilnahmerate in Deutschland schlecht ist, bedeuten 30 Prozent auch nur Wenige von Wenigen.“

Aus ihrer eigenen Praxis sei ihr die Problematik der Terminvergabe natürlich bekannt. Bei einem Einzugsgebiet von knapp 150 000 Menschen sei es manchmal mit Terminen schwierig. „Wenn aber jemand etwas Dringendes hat – und unter dringend verstehe ich z.B. Durchfall mit Blut, Gewichtsverlust, Blutarmut –, dann bekommen Patienten einen zeitnahen Termin von mir.“ Zeitnah hieße dann, in ein bis drei Wochen.

Letztendlich komme es aber immer auf die Problematik an und auch, wie sich der Hausarzt ins Zeug lege. Die Internistin kritisiert u.a., dass Patienten zugewiesen werden, deren Behandlung eigentlich der Hausarzt übernehmen könnte. Das betrifft beispielsweise den 80-Jährigen, der schon drei Darmspiegelungen hatte und unter Verstopfung leidet. „Ein solcher Patient erhält dann einen Termin, den ein anderer dringender benötigt. Dabei sollte der Hausarzt in der Lage sein, mit verfügbaren Mitteln die Verstopfung zu behandeln.“

Nicht jede Darmspiegelung ist medizinisch notwendig

Problematisch sind Situationen, in denen die Menschen Untersuchungen einfordern, die nicht notwendig sind. „Da gerät der Hausarzt unter Druck“, weiß die Fachärztin. Patienten mit den gleichen Oberbauchbeschwerden über Jahre würden dann mehrfach zur Magenspiegelung überwiesen. „Wenn die früheren Magenspiegelungen keine Ursache finden konnten, dann wird dies auch mit der dritten oder vierten Untersuchung so sein. Das ist oft schwierig zu vermitteln.“

Was leider immer wieder vorkomme, so die Ärztin, seien Stuhltests nach unauffälligen Koloskopien oder wenn der Patient sowieso in einem koloskopischen Überwachungsprogramm sei. „Wenn der Test dann positiv ist, was dann? Der Stuhltest war nicht angezeigt, die Koloskopie ist es auch nicht, aber der Patient ist verunsichert.“ Auch hier könne man Kapazitäten schaffen. Die Lotsenfunktion des Hausarztes sei politisch ja durchaus gewünscht.

„Menschen, die zur Vorsorge-Darmspiegelung kommen, haben keine Beschwerden“, sagt Dr. Mainz. Daher ist eine Wartezeit von mehreren Monaten akzeptabel. Selbst wenn ein kleiner Dickdarmkrebs vorliegt, mache es keinen Unterschied für die Prognose der Erkrankung, ob die Diagnose einige Monate früher oder später gestellt werde.

Für die Vorsorge-Koloskopie kann der Versicherte ohne Überweisung in der Praxis vorsprechen. „Dafür bekommt er bei mir zurzeit einen Termin in vier Monaten“, so Dr. Mainz. In Gebieten mit vielen Gastroenterologen könne es aber auch sein, dass Versicherte schneller einen Termin für die Vorsorgekoloskopie erhielten.

Dr. Christa Maar, Geschäftsführende Vorständin der Felix Burda Stiftung und Präsidentin des Netzwerk gegen Darmkrebs, würde hohe Teilnahmeraten begrüßen. Dazu müssten die Zugangsbarrieren jedoch so niedrig wie möglich sein. In Deutschland fehle hierfür die „Präventionsintelligenz“, der G-BA sei ein „Verhinderungsverein“, schimpft Dr. Maar, deren Sohn im Alter von 33 Jahren an Darmkrebs verstorben ist.

Erfolg durch iFOBT – Laborärzte zufrieden über Fortschritte in der Darmkrebsprävention

Der Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL) zeigt sich zufrieden über Fortschritte bei der Darmkrebsprävention. Die Darmkrebsprävention stehe in Deutschland deutlich besser da als noch vor einem Jahr, erklären die Laborärzte 15 Monate nach Aufnahme des quantitativen immunologischen Stuhltests (iFOBT) in die Krebsvorsorgeprogramme der gesetzlichen Krankenversicherung. Weitere Impulse werden durch das im Juli gestartete Einladungsverfahren zur Darmkrebsvorsorge erwartet. Der BDL rechnet mit einer deutlichen Steigerung der Teilnehmerzahlen.

Die Einführung quantitativer immunologischer Stuhltests (iFOBT) für gesetzlich Krankenversicherte ab 50 Jahren bedeute „sowohl qualitativ als auch quantitativ einen erheblichen Fortschritt in der Patientenversorgung“, betont der BDL-Vorsitzende Dr. Andreas Bobrowski.

Der Berufsverband verweist darauf, dass die Testung in Deutschland ausschließlich in medizinischen Laboratorien durchgeführt wird, was eine hocheffiziente, zuverlässige Leistungserbringung mit den höchstmöglichen Qualitätsstandards garantiere. In der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen den Laborärzten und ihren Kollegen mit direktem Patientenkontakt (Vier-Augen-Prinzip) sei es beispielsweise auch gelungen, die Anzahl nicht verwertbarer Proben in vielen Labors auf unter ein Prozent zu drücken. Die festgelegten Analysezeiten würden zudem nicht nur eingehalten, sondern in den meisten Fällen sogar noch deutlich unterboten.

Positiv bewertet der Verband auch das Honorarsplitting zwischen Beratungsleistungen durch Haus- und Fachärzte sowie der Erbringungskosten durch die Fachärzte für Laboratoriumsmedizin. Dies sorge „für eine transparente, wenn auch äußerst knapp kalkulierte Vergütung“. Die gut durchdachte Struktur des Testes und die klare Verteilung der Verantwortlichkeiten seien Erfolgsgaranten des Darmkrebsscreenings in Deutschland und sollten beibehalten werden, so Dr. Bobrowski.

Quelle: BDL-Information

Expertin: Mehr Teilnehmer sind eh nicht „zu befürchten“

Kritisiert wird von der Themenpatin für die Arbeitsgruppe Prävention der Nationalen Dekade gegen Krebs, dass nicht wie in Holland dem Einladungsschreiben direkt der Stuhltest mit einem frankierten Brief ans Labor beigefügt wird. „Das würde leichter angenommen werden, als den Test erst beim Hausarzt abholen, dann die Probe einschicken und dann für das Ergebnis wieder zum Arzt.“ Dr. Maar kritisiert auch, dass die Vorsorgekoloskopie eine Leistung ausschließlich der niedergelassenen Spezialisten ist, von einigen Sondergenehmigungen für Kliniken abgesehen.

Sollte die Terminvergabe aber in bestimmten Regionen tatsächlich brisant werden, rät Dr. Maar, sich direkt an Minister Spahn zu wenden. Er trägt schließlich die Verantwortung.

Medical-Tribune-Bericht


Berufsverband der Niedergelassenen Gastroenterologen © privat