Krankenkassen sollten verpflichtet werden, elektronische Gesundheitsakten anzubieten

Interview Autor: Michael Reischmann

Dr. Jens Blaas (Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse) im Interview. © Andreas Friese

Innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung nimmt die Techniker Krankenkasse aufgrund ihrer Größe und Innovationsfreude eine führende Rolle ein. Mit ihrem Chef, dem Arzt Dr. Jens Baas, sprach MT-Redakteur Michael Reisch­mann über die Perspektiven der Digitalisierung, des Innovationsfonds und der Bundestagswahl.

Von der Digitalisierung wird allgemein Großes erwartet. Was glauben Sie, werden Medizin und Krankenkassen in fünf bis zehn Jahren leisten können?

Dr. Baas: Wir werden durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen eine Revolution erleben. Eine kluge und sichere Nutzung von Daten wird ganz entscheidend dabei helfen, Menschen gesund zu erhalten und Patienten besser als heute behandeln zu können. Auch in der Diagnostik wird uns das helfen – und damit den Arzt entlasten. Seine Verwaltungs- und Dokumentationsaufwände werden geringer. Ich hoffe, dass sich die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen insgesamt verbessert.
 

Was wünschen sich die Versicherten von ihrer Krankenkasse?

Dr. Baas: Die Kunden wünschen sich einen „smarten“ Umgang mit uns. Sie vergleichen uns nicht mit anderen Kassen, sondern mit Unternehmen, die ihren zunehmend digitaler werdenden Alltag prägen.
Wir wollen daher für jedes Anliegen den passenden Kommunikationskanal anbieten. Eine AU-Bescheinigung muss man nicht in der Kundenberatung abgeben, die kann man mit dem Handy fotografieren und uns schicken. Immer mehr wird man digital erledigen können. Aber wenn es zum Beispiel um einen pflegebedürftigen Angehörigen geht, möchte man vermutlich doch lieber persönlich mit einem Berater sprechen und nicht per App kommunizieren.
 

Wann wird es die TK-App geben, über die man wie mit einer Bank kommunizieren kann?

Dr. Baas: Noch in diesem Jahr. Was man damit machen kann, wird davon abhängen, was genehmigt wird. Die Situation heute ist ja: Faxen ist datenschutzrechtlich in Ordnung, aber bei der Kommunikation per App heißt es: „Oh, gefährlich!“

In eine elektronische Akte können Daten der Kasse zu Verordnungen und Klinikaufenthalten sowie Eintragungen des Versicherten einfließen. Bieten Sie das an?

Dr. Baas: Noch nicht, aber wir arbeiten intensiv daran. Ich finde, die Krankenkassen sollten per Gesetz verpflichtet werden, ihren Kunden eine elektronische Gesundheitsakte anzubieten.
Ganz wichtig ist zweier­lei: Zum einen muss sie technisch überall gleich sein, nur Zusatzfunktionen sollten wettbewerblich gestaltet werden können. Zum andern muss die Nutzung freiwillig sein, und der Versicherte muss alleiniger Herr seiner Daten sein. Er allein soll entscheiden können, wem er Einblick gewährt oder eben auch nicht. So kann er selbstverständlich auch seinen Arzt oder seine Krankenkasse außen vor halten.
Es sollten auch keine Tarife davon abhängig gemacht werden – nach dem Motto: Wenn du mir deine Daten gibst und ich sehe, dass du gesund bist oder dich gesund verhältst, wird es für dich billiger. Das wäre ein Kardinalfehler.
Mit der elektronischen Patientenakte würden wir in Deutschland einen großen Schritt machen. Probleme mit dem Verwalten und Suchen von Daten, mit Doppeluntersuchungen oder unnötigen Arzneiverordnungen ließen sich lösen.
Und die Regulierung, die ich ansonsten ja nicht sehr mag, ist hier ein Vorteil: Als Krankenkasse sind wir prädestiniert dafür, eine solche elektronische Gesundheitsakte anzubieten. Mit Sicht auf zehn Jahre würde ich mein persönliches Einkommen darauf wetten, dass wir diese Akte bekommen. Einfach weil sie so viele Vorteile hat und die Leute sie wollen. Die Frage wird nur sein: Wer bietet sie an und garantiert damit die Sicherheit der Daten?

Das Einkommen setzen Sie aber nicht darauf, dass das alles durch die Gematik umgesetzt wird?

Dr. Baas: (lacht) Nein! Für so dynamische Entwicklungen, wie wir sie derzeit erleben, sind die Strukturen der Gematik nicht die richtigen. Wenn wir die Digitalisierung vorantreiben und nutzen wollen, müssen wir weg von schwerfälligen Planungen – hin zu agilem Arbeiten.

Zur Person

Dr. Jens Baas (Jahrgang 1967) gehört seit dem 1. Januar 2011 dem Vorstand der Techniker Krankenkasse (TK) an, seit dem 1. Juli 2012 als Vorsitzender. Er arbeitete nach seinem Studium der Humanmedizin an der Universität Heidelberg und der University of Minnesota (USA) als Arzt in den chirurgischen Universitätskliniken Heidelberg und Münster. Seit 1999 war er bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group tätig; seit 2007 als Partner und Geschäftsführer. Bei der TK steht er an der Spitze einer Körperschaft öffentlichen Rechts mit 9,7 Millionen Kunden, gut 13 000 Mitarbeitern und einem Jahresetat von rund 31 Milliarden Euro.

Sie suchen auch mithilfe von Start­ups nach neuen Ideen?

Dr. Baas: Ja. Wir schauen uns intensiv an, was in der Startup-Szene passiert. Die Frage ist allerdings: Können wir den Startups ein sozialverträgliches Geschäftsmodell anbieten? Wenn wir das nicht tun, werden sie andere Finanzierungsmöglichkeiten finden. Dann werden sie von der Industrie dafür bezahlt, dass sie helfen, Produkte zu verkaufen oder dafür, dass sie Daten liefern.

Haben diese Projekte einen Bezug zum Innovationsfonds – auf den derzeit viel projiziert wird. Mithilfe der Förderung sollen neue Dinge erprobt werden, die Potenzial für die Regelversorgung haben.

Dr. Baas: Startups und Innovationsfonds sind zwei Welten mit ganz unterschiedlichen Arbeitsweisen und Geschwindigkeiten. Ein Start-up stellt keine langen Anträge und wartet geduldig, bis sie die Gremien passiert haben und genehmigt sind, damit es zwei Jahre gefördert wird.
Aber natürlich beteiligen wir uns auch am Innovationsfonds, und zwar mit einer ganz breiten Themenpalette – ältere Menschen, psychische Erkrankungen, E-Health, Arzneimittelsicherheit oder auch seltene Erkrankungen. Unser wissenschaftliches Institut WINEG hat sich darüber hinaus mit Versorgungsforschungsthemen beteiligt.
 

Was erwarten Sie generell vom Innovationsfonds?

Dr. Baas: „Innovation“ und Begriffe wie „Ausschuss“, „Beirat“ oder „Richtlinien“ passen ja nicht natürlicherweise zusammen. Aber die Unternehmen und Organisationen des Gesundheitswesens sind nun einmal zu groß, um nur auf Innovation in Startup-Manier setzen zu können. Daher finde ich es gut, nun diesen neuen Ansatz zu probieren. Falsch finde ich, dass die private Krankenversicherung nicht beteiligt ist. Von den Ergebnissen wird ja auch sie profitieren.

Sprechen wir noch über die GKV-Finanzen. Es gibt von der KBV ein Konzept 2020, das verschiedene Tarife vorsieht sowie finanzielle Beteiligungen für Patienten, etwa fürs Aufsuchen von Notfall­ambulanzen während der Praxisöffnungszeiten. Wird das nach der Bundestagswahl 2017 eine Rolle spielen?

Dr. Baas: Darüber kann man grundsätzlich reden. Ich fürchte aber, dass dies ausschließlich unter dem Aspekt der Finanzierung, nicht dem der Patientensteuerung geschehen wird. In jedem Fall muss sichergestellt werden, dass Menschen mit wenig Geld nicht von notwendigen Arztbesuchen abgehalten werden. Denn es ist ja gerade eine große Errungenschaft unseres Gesundheitssystems, dass die Behandlung eines Patienten nicht von seinem Geldbeutel abhängt.

Was wird nach der Bundestagswahl noch ein wichtiges Thema sein: die Rückkehr zur paritätischen Beitragsfinanzierung?

Dr. Baas: Ja. Die SPD wird die paritätische Finanzierung – vielleicht in Kombination mit der Bürgerversicherung – im Wahlkampf thematisieren. Auch die Frage der mittelfristigen Finanzierbarkeit der gesetzlichen Krankenversicherung wird kommen. Momentan kleistern wir noch alles mit Geld zu.

Geld scheint doch genug da zu sein. Die Konjunktur läuft, höhere Tarifabschlüsse, Arbeitslosen- und Inflationsrate sind niedrig.

Dr. Baas: Noch sind Milliarden Euro auf der hohen Kante. Das viele Geld hat aber leider dazu verführt, in dieser Legislaturperiode auch viele teure Gesetze zu beschließen. Und das sind Verpflichtungen für die Zukunft. Dabei sehen wir jetzt schon: Trotz der guten Konjunktur steigen die Ausgaben stärker als die Einnahmen.

Wird es weiterhin einen Krankenkassen-Wettbewerb über den Preis, den Zusatzbeitrag, geben?

Dr. Baas: Ja, und das nimmt vermutlich noch zu. Aber ist es unvernünftig, nur auf den Preis zu schielen. Versicherte wechseln wegen 0,1 oder 0,2 Beitragssatzpunkten ihre Kasse – das sind bei einem Einkommen von 3000 Euro drei oder sechs Euro im Monat. Sinnvoller ist der Blick auf das Preis-Leistungs-Verhältnis.
Hinzu kommt, dass die Beitragssätze sehr verzerrt sind: Durch den gegenwärtigen Morbi-Risikostrukturausgleich bekommen die AOKen fast eine Milliarde Euro mehr als sie an Leistungsausgaben haben. Die Ersatzkassen haben eine Deckungslücke von über 600 Millionen Euro. Hier muss der Gesetzgeber ran.
Ein weiteres Problem des heutigen Finanzausgleichs ist seine Manipulationsanfälligkeit. Nach unseren Schätzungen wurde in den vergangenen Jahren eine Milliarde Euro ausgegeben, um letztlich die Kodierung zu beeinflussen – für Verträge mit Ärzten, aber auch für Beraterhonorare. Das heißt: Die Krankenkassen zahlen Geld dafür, damit die Versicherten auf dem Papier möglichst krank aussehen. Das ist eine Fehlsteuerung, die sich das System nicht auf Dauer leisten kann – der wir uns als Krankenkasse aber nicht entziehen können. Auch wir achten mittlerweile bei Verträgen darauf, ob es sich um Morbi-RSA-relevante Diagnosen handelt. So geht viel Geld drauf, das man besser für die Versorgung ausgeben sollte.