Männer – zuckerdoof und bierselig

Kolumnen Autor: Dr. Jörg Vogel

Die Wampe wächst, der Diabetes entgleist und am Wochenende läuft die Harnsäure über. © iStock.com/creacart

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Das Feierabendbier lässt sich kein Patient gerne nehmen.

Es gibt Tage, da zweifelt und verzweifelt man. Ein rüstiger Pensionär sitzt vor mir, beleibt, gut gekleidet, mit einem stetig schlechter werdenden HbA1c. Er bekommt ein teures Kombinationspräparat mit Metformin, dazu ein Sartan und einen Lipidhemmer. Eine Insulinierung hat er abgelehnt. Auf meine Frage, ob er seine Diät einhält, guckt er mich überrascht an: „Welche Diät? Ich esse, was mir schmeckt.“

Bei so viel Ignoranz fehlen einem die Worte. Nein, natürlich kann er noch nichts über Zuckerkrankheit und Lebensstiländerungen gehört haben. Er ist ja auch erst zwanzig Jahre bei mir, und ich habe das mit ihm auch erst vier- oder fünfmal besprochen. Da kann ja nix hängen bleiben. Und auch in den Medien sieht und hört man nichts darüber – Tatortkommissare und Rennfahrer haben keinen Diabetes.

Eine Mitwirkungspflicht hat jeder – sollte man meinen

Was soll man dazu sagen? Ich nenne so etwas „zuckerdoof“. Und es betrifft hauptsächlich Männer. Eigentlich müsste man ihm sofort das teure Kombipräparat wegnehmen und nur das billige Metformin geben. Dann futtert er wenigstens nicht die Solidargemeinschaft arm! Am nächsten Tag kam ein Mann mit Gichtanfall an atypischer Lokalisation. Das Kniegelenk war düsterrot und heiß. Er hätte gestern Fußball ... geguckt (ha, wer dachte denn ge­spielt?) und gegrillt. Tja, seine letzten Gichtanfälle hatte er, wie sich das gehört, am Großzehengrundgelenk. Jetzt etwa auch im Knie? Und das unter Febuxostat 80 mg für 117 Mäuse im Quartal. Allopurinol hat er nicht vertragen.

Meine erste Frage ist die nach dem Bier. Das Erstaunen steht ihm ins Gesicht geschrieben: „Was denn? Ich soll kein Bier trinken?“ Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren! Wie oft haben wir über Ursachen, Folgen und notwendige Ernährungsumstellung bei Gicht gesprochen. Nicht auf Latein, sondern auf Deutsch. Nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Offensichtlich ohne Erfolg.

„Mein Bier zum Feierabend lasse ich mir nicht nehmen“, sagen die Männer immer wieder. Aber wer bitte hat denn Bier zum Pflichtgetränk des Abends erklärt? Meist bleibt es auch nicht bei einem. Das erste zum Abendbrot, ein weiteres zum Fernsehen ... Und siehe da: Der Körper nimmt’s an! Die Wampe wächst, der Diabetes entgleist chronisch und am Wochenende, wenn noch etwas draufkommt, läuft die Harnsäure über.

So hat die Natur wohl recht, wenn sie die Herren der Schöpfung sta­tistisch gesehen fünf Jahre eher aus dem Verkehr zieht als Frauen. Dass Männer heutzutage überhaupt 80 werden, grenzt schon an ein Wunder. Ein Wunder, das die Pharmaindus­trie vollbringt. Und wir. Indem wir all die Risikofaktoren mit Pillen wegknipsen. Genießen und einwerfen ist die Devise! Aber kann es das sein? Jeder, der krank ist und Mittel von den solidarisch finanzierten Krankenkassen in Anspruch nimmt, hat eine Mitwirkungspflicht. Denkt man.

Vielleicht sollten wir uns aber auch an die eigene Nase fassen. Manche Kollegen haben es aufgegeben, mit den Leuten darüber zu reden. Bringt sowieso nichts und wird kaum bezahlt. Ich mache es trotzdem. Ich verbiete nichts, sondern versuche, Alternativen aufzuzeigen. Zum Beispiel: Bier erst mal nur am Wochenende und nur eins oder zwei. In der Woche alkoholfrei bleiben – es geht. Im Selbstversuch bestätigt!

Ich beziehe auch die Frauen mit ein. Es ist ja nicht nur das Bier, das den „Zucker“ macht. Die tägliche kohlehydratarme Kost täte übrigens beiden gut. Manchmal ist es nicht einfach. So sagte neulich eine gestresste Ehefrau zu mir: „Mein Mann hört nicht auf mich. Soll er doch machen, was er will. Und wenn er stirbt, dann schnarcht wenigstens nachts keiner mehr!“ Auch wieder wahr.