Adipositas „Per Definition eine Krankheit, im Alltag ein Stigma“

Gesundheitspolitik Autor: Dr. Elisabeth Nolde

Nicht nur andere: Oft sehen auch Menschen
mit Adipositas die Ursache für ihre Erkrankung
ausschließlich bei sich selbst. Nicht nur andere: Oft sehen auch Menschen mit Adipositas die Ursache für ihre Erkrankung ausschließlich bei sich selbst. © iStock/gmast3r, iStock/ TopVectors
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Starkes Übergewicht wird von politischer Seite inzwischen zwar als Erkrankung anerkannt. Doch es bleibt viel zu tun, diese Erkenntnis auch im medizinischen Versorgungs­alltag umzusetzen.

Liest man die gängigen Definitionen von „Krankheit“, erfüllt die Adipositas im Grunde sämtliche Kriterien, so Prof. em. Dr. Dr. Arya­ M. Sharma­ von der University of Alberta, Edmonton. Demnach ist eine Krankheit eine Störung der Lebensvorgänge in Organen oder im gesamten Organismus mit der Folge von subjektiv empfundenen und/oder objektiv feststellbaren körperlichen, geistigen oder seelischen Veränderungen.1

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wiederum sieht Krankheit im engeren medizinischen Sinn als Behandlungs- und/oder Pflegebedürftigkeit. Hier wird der Krankheitsbegriff als ein Zustand definiert, der ärztliches Handeln auslöst oder auslösen sollte. Krankheit ist also ein praktisch-normativer Begriff, der soziokulturell bedingt ist und in verschiedenen historischen Phasen unterschiedlich definiert wurde. So sei Krankheit eigentlich weniger eine biomedizinische, sondern vielmehr eine soziopolitische Frage, resümierte Prof. Sharma.

Das „Prävalenz-Argument“ zählt hier nicht

Entscheidend sei somit der Krankheitswert. Die Prävalenz, Ätiologie, Vermeidbarkeit, Behandelbarkeit und die Kosten spielen bei der Definition keine Rolle. Doch genau diese Aspekte bergen bei der Adipositas reichlich Stoff für Diskussionen. „Häufig höre ich Argumente zur hohen Prävalenz: Wenn es jeder Dritte oder Vierte hat, kann es keine Krankheit sein, dann ist es ja gewissermaßen der Normalzustand“, berichtete der Mediziner. „Das ist völliger Unsinn und hat mit der Definition nichts zu tun.“

Auch kritische Stimmen zur Ätiologie und Vermeidbarkeit seien unüberhörbar. Irrelevante Argumentationen wie „Das tun sich diese Leute ja selbst an, sie bewegen sich nicht und essen zu viel“, „Ihr Übergewicht ist doch selbst verschuldet“ oder „Adipositas ist ein vermeidbarer Zustand, die Menschen werden doch nicht dick geboren“ verdeutlichen laut Prof. Sharma, dass trotz des politischen Durchbruchs, Adipositas als Krankheit anzuerkennen, es noch einer breiten gesundheitlichen Aufklärung bedarf. Das Ziel sei ein gesellschaftlicher Konsens über Adipositas als Erkrankung.

Viele Gemeinsamkeiten, große Unterschiede

Maßgeblich sei der Zustand der Betroffenen, der als behandlungsbedürftig eingestuft wird. Folglich hat Adipositas einerseits viel mit anderen anerkannten „Volkskrankheiten“ wie Hypertonie und Diabetes mellitus gemeinsam:

  • eine vielfältige, komplexe und heterogene Ätiologie
  • durch Verhaltensmaßnahmen zum Teil vermeidbar oder linderbar
  • Störungen der Lebensvorgänge in Organen oder im gesamten Organismus (bei Adipositas kann im Prinzip jedes Organsystem betroffen sein)
  • erhöhte Morbidität und Mortalität
  • Notwendigkeit und Nutzen medizinisch-therapeutischer Maßnahmen

Andererseits unterscheidet sich starkes Übergewicht in einigen wesentlichen Aspekten von anderen Krankheiten (s. Kasten). 

Eine Krankheit mit vielen Facetten

Adipositas unterscheidet sich laut Prof. Sharma von anderen sogenannten „Volkskrankheiten“ wie Diabetes mellitus oder Hypertonie u.a. in folgenden Aspekten:
  • Stigmatisierung und Verurteilung von Menschen mit Adipositas, ferner Voreingenommenheit
  • Vermischung ästhetischer und medizinischer Indikationen
  • kein tiefgehendes Verständnis der komplexen Ätiologie, Heterogenität und Chronizität
  • unrealistische Erwartung bezüglich des therapeutischen Erfolges von sogenannten Lifestyle-Interventionen
  • Diskriminierung durch gesetzliche Bestimmungen (z.B. § 34 SGB V), wonach u.a. Medikamente zur Abmagerung und Appetitzügelung grundsätzlich von der Erstattungs­fähigkeit ausgenommen sind
  • mangelnde Vertretung in Forschung und Lehre
  • unzureichende Lobbyarbeit der Fachgesellschaften, Patienten­verbände und der forschenden biomedizinischen Industrie

„An erster Stelle stehen die Stigmatisierung und Verurteilung von Menschen mit Adipositas. Dies gibt es zwar auch bei anderen Erkrankungen, aber nicht in dem Ausmaß wie bei der Adipositas“, sagte der Spezialist.

Meist fehlt ein tiefgehendes Verständnis der Adipositas

Typisch sei zudem eine Vermischung oder Quasi-Vermischung von ästhetischen Aspekten, die subjektiv für Betroffene sehr bedeutungsvoll sein können, und medizinischen Indikationen. „Dies vermischt sich bei Adipositas ganz anders als bei Dia­betes, Bluthochdruck oder erhöhten Cholesterinwerten. Denn ein ästhetischer Aspekt kommt bei diesen nicht hinzu“, verdeutlichte Prof. Sharma. „Außerdem haben wir das Pro­blem, dass die meisten von uns kein richtiges, tiefgehendes Verständnis der komplexen Ätiologie, Heterogenität und Chronizität der Adipositas haben. Noch immer ist dieses Krankheitsbild nicht richtig in der akademischen Medizin verankert.“ Es gebe eine mangelnde Vertretung in Forschung und Lehre. Ob die Adipositas in der Breite als Erkrankung anerkannt wird, hängt somit auch von soziokulturellen und -politischen Aspekten ab. Zu fordern ist laut Prof. Sharma eine Gleichstellung und Gleichbehandlung der Betroffenen in der medizinischen Versorgung. Bei Diabetes, Hypertonie oder Krebs wird in der Regel eine leitliniengerechte Behandlung eingeleitet. „Das ist bei der Adiposi­tastherapie ganz anders. Aber Betroffene sollten zumindest das gleiche Anrecht auf eine Behandlung haben wie Patienten mit anderen Erkrankungen auch“, lautete sein Appell.

1. pschyrembel.de/Krankheit/K0C8J

Quelle: Diabetes Herbsttagung 2021

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