Reformpläne zum Medizinstudium: „Eine enorme Aufwertung der ambulanten Versorgung“

Gesundheitspolitik Autor: Isabel Aulehla

Neben klassischen Inhalten sollen auch Kompetenzen wie etwa Gesprächsführung vermittelt werden. Neben klassischen Inhalten sollen auch Kompetenzen wie etwa Gesprächsführung vermittelt werden. © New Africa – stock.adobe.com

Jens Spahn will die Approbationsordnung des Fachs Medizin erneuern, besonders zugunsten der Allgemeinmedizin. Professor Dr. ­Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, hofft, dass sich mehr Absolventen für eine Zukunft als Hausarzt entscheiden.

Was halten Sie vom Arbeitsentwurf, den das BMG vorgelegt hat?

Prof. Scherer: Der jetzt vorliegende Entwurf der Approbationsordnung ist ein großer Erfolg für das Fach Allgemeinmedizin und würde eine enorme Aufwertung für die ambulante Versorgung insgesamt bedeuten. Im Ergebnis ist hier vor allem hervorzuheben:

  • die longitudinale Verankerung der Allgemeinmedizin mit Blockpraktika im gesamten Studium
  • ein ambulantes PJ-Quartal in einer vertragsärztlichen Praxis
  • eine Pflichtprüfung in Allgemeinmedizin im abschließenden Staatsexamen für alle Studierenden

Die Punkte zwei und drei muss man zusammen sehen: Geschätzt 80 % aller Studierenden werden demnächst – auf der Basis einer freiwilligen Entscheidung – ihr PJ in einer Hausarztpraxis machen. Hieraus wird sich ein großer Motivationsschub für den allgemeinmedizinischen Nachwuchs ergeben.

Einige Verbände, etwa der Marburger Bund, halten die stärkere Gewichtung der Allgemeinmedizin für überzogen. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Prof. Scherer: Dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Es geht hier schließlich nicht um Partikularinteressen eines Fachs, sondern um die Sicherstellung der ambulanten Versorgung.
Zwar haben wir so viele Ärzte wie noch nie. Allerdings ballen sie sich zum Teil dort, wo sie am wenigsten gebraucht werden, nämlich in überversorgten wohlhabenden Stadtteilen. Schon in ärmeren Stadtteilen oder gar auf dem Land fehlt hausärztlicher Nachwuchs, um den wir uns dringend kümmern müssen.
Darüber hinaus entscheiden sich nach dem Studium noch immer zu viele für eine Weiterbildung zum Fachspezialisten. Das geht aber am tatsächlichen Bedarf vorbei.

Kann die stärkere Berücksichtigung der Allgemeinmedizin im Studium mehr Hausärzte generieren?

Prof. Scherer: Das ist unser großes Ziel, und erste Erfolge zeichnen sich ab. Wir gehen davon aus, etwaige Vorurteile bei den Studierenden bereits in der Ausbildung abbauen zu können und das Interesse für das Fach Allgemeinmedizin zu wecken.

Gibt es derzeit genug allgemeinmedizinische Lehrpraxen, in denen die Studierenden die verpflichtenden Blockpraktika und ihr Praktisches Jahr absolvieren können?

Prof. Scherer: Es ist bereits gelebte Praxis, dass ein lokales Institut für Allgemeinmedizin die Koordination, Schulung und Qualitätssicherung der Blockpraktika und des Praktischen Jahres bewerkstelligt. Wir sind sicher, dass wir mit entsprechendem Personal genügend motivierte Praxen für die allgemeinmedizinische Lehre gewinnen können. Schon heute haben wir bundesweit rund 6000 Lehrpraxen, im Mittel sind es 163 je Hochschulstandort.

Was wünscht sich die DEGAM über die Reform hinaus für das Medizinstudium?

Prof. Scherer: Wir wünschen uns vor allem, dass innovative Ansätze auch weiterhin möglich sind. Die aktuelle Reform ist erstmal ein großer Wurf, mit dem wir sehr glücklich sind.
Gleichwohl ist sie mit erheblichem Mehr-Aufwand wie etwa Kosten für Unterkunft, Fahrt oder Verpflegung sowie einem erhöhten Zeitaufwand in allgemeinmedizinischen Instituten und Praxen verbunden. Eine ausreichende Refinanzierung ist daher auch hier eine zwingende Vor­aussetzung für die Umsetzbarkeit.

Interview: Isabel Aulehla


Prof. Dr. Martin Scherer; Präsident der DEGAM Prof. Dr. Martin Scherer; Präsident der DEGAM © Felizitas Tomrlin