Rettung aus Eis und Felsen – Mediziner bei der Bergwacht

Autor: Liesa Regner

Extreme Wetterbedingungen, unabsehbare Transportdauer und -wege sowie spezielle Krankheitsbilder erfordern eine Spezialausbildung für den Bergwacht-Notarzt. Extreme Wetterbedingungen, unabsehbare Transportdauer und -wege sowie spezielle Krankheitsbilder erfordern eine Spezialausbildung für den Bergwacht-Notarzt. © Carsten Janzer
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Ein verunglückter Skifahrer, ein Wanderer, der sich bei Einbruch der Dunkelheit verirrt hat – sie kann kein Rettungswagen erreichen. Hier sind die Retter der Bergwacht gefragt.

Es ist Samstagabend 21:30 Uhr, zwei Bergsteiger stecken an einem Klettersteig fest. Einer von ihnen ist gestürzt, mit offener Unterschenkelfraktur, meldet die Integrierte Leitstelle dem Bergwacht-Bereitschaftsdienst. Sogleich nimmt der Einsatzleiter des Teams Kontakt mit den Verunglückten auf. „Eigentlich wollten wir schon längst auf der nächsten Hütte sein, doch wir sind nur langsam vorangekommen“, erklärt der unverletzte Bergsteiger. „An einem Überhang ist mein Kollege beim Umhängen der Sicherung etwa sechs Meter tief gestürzt. Ich sehe, wie sein Knochen durch die Hose spießt!“ fügt er aufgebracht hinzu.

Sofort nach Beendigung des Gesprächs alarmiert der Einsatzleiter weitere aktive Einsatzkräfte der Bergwacht und erkundigt sich nach einem verfügbaren Hubschrauber. Trotz eines herannahenden Gewitters will das Team es versuchen. Keine 25 Minuten später steht der Hubschrauber im Depot bereit. In der Zwischenzeit sind zwölf aktive Einsatzkräfte eingetroffen, doch auch die Wetterfront hat sich bewegt und hängt mittlerweile direkt über der Unfallstelle.

Der Pilot kann die Mannschaft, bestehend aus den Einsatzkräften und dem Bergwacht-Notarzt, sowie deren Equipment nur bis zur Wolkengrenze, ca. 200 Höhenmeter unterhalb der Unfallstelle, transportieren. An einer sicheren Stelle wartet das Team das Gewitter ab und steigt schließlich zu dem verunglückten Kletterer auf.

Umgehend erfolgt die Gabe hochdosierter Schmerzmittel, die Schienung und Abdeckung des verletzten Beines sowie die Umlagerung des Patienten auf eine Gebirgstrage. Auf dieser wird er mittels eines Dyneema-Seilsatzes abgelassen. Währenddessen erfolgt eine dauerhafte klinische Überwachung durch den Bergwacht-Notarzt, der bei diesem Einsatz auf apparatives Monitoring verzichten muss.

Als schließlich die Wolkendecke aufreißt, kann der weitere Transport von Bergwacht-Notarzt und Patient mittels Hubschrauber erfolgen. Das restliche Team steigt über zwei Stunden mit der Ausrüstung in das Tal ab. Als sie zurückkommen, ist der verletzte Kletterer bereits auf dem Weg in die nächste geeignete Klinik. Mittlerweile sind sechs Stunden seit Eingang des Notrufs vergangen. Der Einsatz ist geschafft.

Körperliche Fitness und Sportkenntnisse sind Voraussetzung für den Bergwacht-Notarzt

Wer auf dem Klettersteig oder der Piste verunglückt, ist auf zeitnahe und professionelle Hilfe angewiesen. Diese wird unter anderem durch die Bergwacht, die für das entsprechende Gebiet zuständig ist, zur Verfügung gestellt. Ob in der Winter- oder Sommerzeit: Wenn die Berge Wanderer und Kletterer locken, stehen die hochausgebildeten Mitglieder bereit für die Rettung aus unwegsamem Gelände. Carsten Janzer ist einer von ihnen. Als Bergwacht-Notarzt und Bereitschaftsleiter gehört er zum Team der Bergwacht Memmingen in Bayern. Bereits seit vier Jahren ist er hier tätig. Hauptberuflich arbeitet Janzer als Internist mit der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. „Wer aktives Mitglied der Bergwacht werden möchte, muss einiges an körperlicher Fitness und Sportkenntnissen mitbringen“, erklärt Carsten Janzer. Hierzu gehören Skifahren, Skitourengehen und das Klettern im Gelände des vierten bis fünften Schwierigkeitsgrades. Die Ausbildung findet in mehrtägigen Kursen und im Rahmen von Ausbildungsabenden statt. Sie dauert ca. zwei bis drei Jahre. Je nach Bundesland ist der Ablauf unterschiedlich strukturiert. In Bayern, erklärt Janzer, erfolgt zunächst eine Eignungsprüfung für Sommer und Winter, an welche sich Ausbildungen in Bergrettung, Notfallmedizin, Luftrettung und Naturschutz anschließen. Sind auch diese abgeschlossen, gilt man schließlich als aktive Einsatzkraft. Doch nur durch ein jährliches Simulationstraining kann dieser Status aufrechterhalten werden. Weitere zusätzliche Ausbildungen bieten die Möglichkeit einer Spezialisierung. Für Ärzte und Ärztinnen besteht hier die Option der Fortbildung zum Bergwacht-Notarzt bzw. zur Bergwacht-Notärztin. Die höchste Form der Qualifikation setzt sich dabei aus drei international anerkannten Diplomen zusammen: Diploma in Mountain Medicine, Diploma in Mountain Emergency Medicine und das Diploma in Expedition and Wilderness Medicine. Wer alle drei Diplome abgelegt hat, erhält das Ehrendiplom: Diploma in Mountain Emergency Doctor, was der deutschen Bezeichnung des Bergrettungsnotarztes bzw. der Bergrettungsnotärztin entspricht.

Extreme Wetterbedingungen, unabsehbare Transportdauer und -wege sowie spezielle Krankheitsbilder erfordern eine Spezialausbildung, in welcher die Teilnehmer/innen theoretisch sowie physisch auf ihre Einsätze vorbereitet werden. Themen wie Skitechniken, Hypothermie, Orientierung oder auch Überlebensstrategien im Gebirge stehen hier auf dem Lehrplan. „Im Fall eines Kletterunfalls kann ich beispielsweise den Landrettungsnotarzt nicht einsetzen, da allein das Erreichen des Rettungsortes für diesen, bei fehlender Ausbildung, eine Gefahr darstellt.“ erklärt Janzer. Er selbst hat eine umfassende Ausbildung absolviert, die ihn bestmöglich auf die Extremsituationen seines Alltags als Bergwacht-Notarzt vorbereitet. „Ärzte, die aktive Mitglieder der Bergwacht sind, können ihre medizinischen Fähigkeiten im Einsatz gut nutzen. Wer sich jedoch noch genauer auf Krankheitsbilder von Bergunfällen wie beispielsweise Kälteschäden spezialisieren möchte, für den ist die Ausbildung zum Bergwacht-Notarzt eine tolle Option“, sagt Janzer. Neben Theorie und Praxis sind es wie so häufig auch die alltäglichen Erfahrungswerte, die eine ständige Fortbildung darstellen. „Als Bergwacht-Notarzt lerne ich in jedem Einsatz mehr über mich selbst und kann mich weiterentwickeln“, so Janzer.

Bergrettung ist ein Ehrenamt

Wenn Carsten Janzer von gefährlichen Einsätzen berichtet, macht er damit deutlich, wie oft die Teammitglieder der Bergrettung ihr eigenes Leben in Gefahr bringen. Umso schwerer fällt die Vorstellung, dass die Tätigkeit der Bergwachtmitglieder rein ehrenamtlich ist. Nicht nur das: Je nach finanzieller Stellung der entsprechenden Bergwacht muss auch die eigene Ausrüstung anteilig privat gezahlt werden. Neben dieser finanziellen Belastung ist auch der zeitliche Aufwand, den die Mitglieder auf sich nehmen, nicht zu unterschätzen. Abgesehen von Diensten kommen hier regelmäßige Trainings- und Auffrischungskurse sowie Lehrgänge für neue Anwärter hinzu. Das gesellschaftliche Bewusstsein für das enorme Engagement, welches die Tätigkeit bei der Bergwacht fordert, ist leider nicht überall vorhanden. Häufig lernen erst Verunglückte, die harte Arbeit der Mitglieder zu schätzen. „Es ist zwar eine ungeheure Aufopferung, die man bringt, doch die Dankbarkeit, die man dabei von den Patienten erfährt, entschädigt zumindest mich persönlich ungemein“, erklärt Janzer. Auch das Gefühl der Kameradschaft, welches das Team durch die gemeinsame Ausbildung und das Durchstehen gefährlicher Situationen zusammenschweißt, macht die Arbeit für Carsten Janzer so wertvoll. Durch den zunehmenden Bergtourismus gibt es gerade in den Saisonzeiten einiges zu tun. So erfolgten 2018 über 8000 Einsätze der Bergwacht Bayern. 2019 waren es im Sommer bis zu 52 Einsätze am Tag, während es im Winter bis zu 159 Einsätze am Tag gab. Janzer freut sich zwar über das Interesse am Sport in der Natur, warnt jedoch vor der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, da viele seiner derzeitigen Einsätze hieraus resultieren. Im Winter wie im Sommer gilt es also, dem Bergsport mit Geduld und Vorsicht zu begegnen. Damit kommt man auf sicherem Weg hoch hinaus.

Liesa Regner lebt in Münster und steht kurz vor dem Ende ihres Medizinstudiums an der Universität des Saarlandes. Als Berufseinsteigerin schreibt sie für die Medical Tribune über Themen, die junge Ärztinnen und Ärzte bewegen.
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