Schöne neue Welt oder „Digitale Demenz“?

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Die Ablenkungen durch das Internet stören die Konzentration. Man spricht auch von einer "Digitalen Demenz". © fotolia/Prostock-studio

Die Digitalisierung in der heutigen Zeit – in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Sie hatten es im Wahlkampf alle an mehr oder minder prominenter Stelle auf der Agenda: Das Thema Digitalisierung war in sämtlichen Parteiprogrammen vertreten und wurde von Politikern jeglicher Couleur auf die To-Do-Liste gesetzt. In besonderem Maße tat dies die alte (und neue) Kanzlerin. Nachdem sie noch 2013 mit Blick auf das Internet von „Neuland“ gesprochen hatte und danach bitterem Spott ausgesetzt war, wollte sie sich diesmal wohl eine neuerliche Blamage ersparen.

Größte Revolution seit Gutenberg oder eher ein Ruin der Gesundheit?

Und so schlägt Frau Merkel heute auch ganz andere Töne an. Die Digitalisierung sei ein solcher Umbruch wie die Zeit des Buchdrucks und die Zeit von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung, sagt sie jetzt. Es ist unstrittig, dass sich die Arbeitsprozesse in Zukunft stark verändern werden. Arbeitsplätze und ganze Industriezweige könnten dadurch bedroht werden, was letztendlich die ganze soziale Marktwirtschaft auf die Probe stellen würde. Deutschland muss sich daher schleunigst dem Fortschritt öffnen, um nicht abgehängt zu werden. Das wird nicht ohne Verbote und Regulierung gehen – Konflikte sind da programmiert.

Digitales Lernen soll klüger machen, ein digitales Fernstudium gebildeter. Der uneingeschränkte Zugang zu Informationen, die Schnelligkeit des Mediums und die globale Vernetzung sind gewiss wertvolle Errungenschaften unserer Zeit. Für den einen bedeutet dieser Wandel die größte Revolution des Bildungswesens seit Gutenberg. Der andere hingegen glaubt, die Digitalisierung ruiniere unsere Gesundheit und fordert daher eine radikale Einschränkung des Internet-Konsums vor allem für Jugendliche.

Wissenschaftler haben nämlich erkannt, dass die ständigen Unterbrechungen und Ablenkungen Leistungsfähigkeit und Konzentration erheblich beeinträchtigen. Sie behaupten, der Stirnlappen eines Internet-Süchtigen ähnele dem eines Demenzkranken und sprechen daher bereits vom Krankheitsbild der „Digitalen Demenz“. Auch diese Bedenken müssen in die Diskussion einfließen, denn allzu sorglos sollte man nicht in die „Brave New World“ eintauchen. Schließlich hat Aldous Huxley schon 1932 vor den Gefahren einer Entmenschlichung der Gesellschaft durch wissenschaftlichen Fortschritt gewarnt.

So darf man gespannt sein. Gespannt darauf, wie kontrovers das Thema in den nun anstehenden Verhandlungen zwischen höchst unterschiedlich gepolten Parteien (und Interessenvertretern) diskutiert und bewertet wird. Gespannt aber auch darauf, ob das im Wahlkampf doch recht stiefmütterlich behandelte Feld der Gesundheitspolitik nun wieder häufiger auf die Tagesordnung gesetzt wird. Daran hätte die deutsche Ärzteschaft nämlich ein höchst vitales Interesse!