Schwierige Ermittlungen zum Zytostatika-Betrug

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Ärzte und Krebspatienten verlassen sich darauf, dass der Apotheker bei der Herstellungvon Zytostatika korrekt vorgeht. © fotolia/benicoma

Tumorpatienten haben die große Hoffnung, durch eine optimale Therapie geheilt zu werden oder zumindest langfristig ihre Erkrankung überleben zu können. Wenn jedoch der Apotheker die Zusammensetzung der Zytostatika aus Geldgier manipuliert, kann diese Hoffnung platzen.

Ende letzten Jahres deckte die Staatsanwaltschaft Essen nach detaillierten Hinweisen eines Insiders ein solches Vorgehen eines Apotheker aus Bottrop auf. Der Tatvorwurf, der letztlich zum Haftbefehl für den 46-jährigen Pharmazeuten führte, lautet: Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und gewerbsmäßiger (Abrechnungs-)Betrug. Hier besteht, wie die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Essen, Oberstaatsanwältin Anette Milk angibt, dringender Tatverdacht. Noch nicht ausreichend erhärtet sei der Vorwurf der Körperverletzung bis hin zum möglichen Tötungsdelikt.

Vorsorglich wurden Blutproben eingelagert

Dem Apotheker wird zur Last gelegt, seit 2012 – abweichend von ärztlichen Vorgaben – in mindestens 40 000 Einzelfällen Infusionen zur Krebsimmuntherapie mit zu niedrigen Anteilen der Arzneimittel zubereitet und dabei zudem die Regeln der Hygiene missachtet zu haben.

Ein Ermittlerteam der Polizei in Recklinghausen ist derzeit dabei, den Schaden für die Patienten zu ermitteln. Unterstützung kommt von medizinischen Spezialisten, darunter ein Onkologe und ein Gerichtsmediziner. Die Schadensermittlung ist äußerst schwierig, einerseits angesichts der großen Zahl an Fällen und des verstrichenen langen Zeitraums, andererseits, weil gerichtsfest nachzuweisen ist, dass ein bestimmter Patient zu wenig Medikation erhalten hat und dass dies seine Erkrankung negativ beeinflusst hat.

Laut Staatsanwaltschaft Essen sind hinsichtlich der Wirkstoffmanipulationen fünf Arzneimittel im Blick der Staatsanwaltschaft (siehe Kasten). Im Zusammenhang mit weiteren Medikamenten besteht der Vorwurf des Abrechnungsbetruges.

Die Ermittler haben mithilfe von Ärzten zehn Patienten ermittelt, bei denen sie jetzt exemplarisch den Schaden nachzuweisen versuchen. Es sind Patienten, die zum Zeitpunkt der Inhaftierung des Apothekers die betreffende Therapie abgeschlossen und noch keine neue begonnen hatten. Vorsorglich wurden Blutproben eingelagert. Derzeit wird allerdings noch geprüft, inwieweit eine Analyse der Parameter überhaupt Rückschlüsse auf eine defizitäre Therapie zulässt. Auch eine Exhumierung verstorbener Patienten wird in Erwägung gezogen: "Wir haben von einem Onkologen Hinweise bekommen, dass man bei zwei bestimmten Tumorarten, in Verbindung mit bestimmten Krankheitsverläufen und einem bestimmten Medikament, feststellen könnte, dass die Patienten zu wenig oder gar keine Medikation erhalten haben", so Milk. Auch hier suchen die Ermittler mithilfe der Ärzte nach Patienten.

Zytostatika-Betrug: Reaktionen aus der Ärzteschaft

Wir sind eigentlich nicht die geeigneten Ansprechpartner

  • Nur die Ermittlungen können verunsicherte Patienten aufklären:
    Ärzte sind nicht die geeigneten Ansprechpartner für verunsicherte oder vermeintlich betroffene Patienten in Zusammenhang mit den vermuteten Chemotherapie-Betrügereien eines Apothekers in Bottrop, ist Dr. Wolfgang-Axel Dryden überzeugt. Die Kollegen verfügten gar nicht über die notwendigen Informationen, so der Vorsitzende der KV Westfalen-Lippe. "Wir Ärzte wissen nicht, was die Patienten tatsächlich bekommen haben und wer das Therapeutikum hergestellt hat", kommentiert er Aussagen von Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Er hält es grundsätzlich für schwierig, die Patientenschicksale im Einzelnen aufzuklären.
  • Wir verlassen uns auf die Zuverlässigkeit der Apotheken:
    Auf die Frage, ob sich nachweisen lässt, ob ein Tumorpatient im Rahmen einer Krebstherapie zu wenig oder gar keinen Wirkstoff erhalten hat, erklärt Professor Dr. Bernhard Wörmann von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, es gebe Erkrankungen, bei denen dies kurzfristig ersichtlich werde, zum Beispiel bei Leukämien. Durch die Therapie lasse sich hier die Zahl der Leukozyten senken. Setzt die Therapie aus, steigt deren Zahl wieder an. "Bei der Mehrzahl der genannten Präparate jedoch lässt sich das so schnell nicht nachweisen, weil so schnell kein Rückfall in der Erkrankung erfolgt.


Wir müssen uns somit auf die Zuverlässigkeit der Apotheken verlassen." Prof.Wörmann verweist auch darauf, dass die angegebenen Präparate (siehe Kasten) in der Mehrzahl gar nicht als Einzelpräparate, sondern nur in Kombination mit anderen Mitteln eingesetzt werden. Das bedeutet, die Patienten erhalten obligat noch zwei bis drei andere Präparate, was den Nachweis der Wirksamkeit im Einzelnen erschwert.

Der Schaden für die gesetzlichen Krankenkassen wird von der Staatsanwaltschaft auf ca. 2,5 Mio. Euro geschätzt. Es besteht der Verdacht, dass die volle Menge an Arzneimitteln abgerechnet, jedoch nur einen Teil davon tatsächlich eingekauft und abgegeben wurde.

Auch klinische Studien könnten betroffen sein

Die Stadt Bottrop richtete kurz nach Bekanntwerden der Sachlage für ihre Bürger eine Telefon-Hotline ein. Wie Pressesprecher Andreas Pläsken erklärt, meldeten sich in den ersten Tagen zwischen 60 und 100 Personen, meist Betroffene und Familienangehörige. Informiert wurden die Anrufer darüber, ob der behandelnde Arzt oder das Krankenhaus von dem Bottroper Apotheker beliefert worden sind. Den Anrufern wurde ggf. geraten, sich schnellstmöglich mit dem behandelnden Arzt in Verbindung zu setzen.

Parallel dazu informierte die Amtsapothekerin Ärzte und Krankenhäuser zum Sachstand. Alarmiert ist auch das Bundesins-titut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Es bestehe der Verdacht, dass es bei Prüfpräparaten für klinische Studien zu Fehldosierungen gekommen sein könnte. Sponsoren klinischer Prüfungen, die Prüfpräparate in der betroffenen Apotheke haben herstellen bzw. rekonstitutieren lassen, sollten dies unverzüglich schriftlich oder per E-Mail an ct@bfarm.de unter Angabe des Zentrums und der EudraCT-Nummer anzeigen.

Quelle: Medical-Tribune-Bericht