„SoulTalk“: Ärzte ohne Grenzen bringt Selbsthilfeprojekt nach Deutschland

Interview Autor: Heike Dierbach

Psycho­edukation statt Psychotherapie. Rechts: Alexandra Blattner, Leitende Psychologin des Projekts „SoulTalk“. © SoulTalk, Simon Tesar

Die „Peer-to-Peer-Beratung für Flüchtlinge“ wird von Ärzte ohne Grenzen mittlerweile weltweit in Flüchtlingslagern eingesetzt. Als 2015 Hunderttausende in Deutschland ankamen, suchte die Organisation nach einem Partner und fand das St. Josef Krankenhaus in Schweinfurt, das mittlerweile die alleinige Trägerschaft hat. Alexandra Blattner ist leitende Psychologin des Projekts „SoulTalk“.

SoulTalk ist ein Konzept aus der humanitären Nothilfe. Warum hat sich Ihre Klinik auf die Initiative von Ärzte ohne Grenzen gemeldet?

Alexandra Blattner: Das St. Josef Krankenhaus betrieb im Jahr 2015 eine medizinische Ambulanz in der Erstaufnahmeeinrichtung in Schweinfurt. Wir haben in der Behandlung schnell gemerkt, dass eine rein medizinische Versorgung nicht ausreicht. Viele körperliche Beschwerden von Flüchtlingen wie etwa Schlafstörungen haben auch psychische Ursachen. Wenn das niedrigschwellig aufgefangen und bei Bedarf weitergeleitet wird wie bei SoulTalk, ist es optimal.

Aber funktioniert es, wenn Laien hoch belasteten Menschen helfen sollen?

Blattner: Die Berater machen keine Psychotherapie, sondern nur Psychoedukation und bieten erste Beratungsgespräche. Das akute Problem sind oft gar nicht so sehr die Traumata, die die Menschen in der Vergangenheit erlebt haben, sondern die aktuellen Belastungen durch die Unsicherheit, ob sie hierbleiben können, die Trennung von der Familie und die Sorge um ihre Angehörigen in der Heimat. Für viele ist es eine große Entlastung, dass sie eine Möglichkeit haben, darüber zu sprechen, in der eigenen Sprache und mit jemandem, der selbst eine Flucht hinter sich hat und weiß, wie es sich anfühlt.

Welche Voraussetzungen muss ein Flüchtling mitbringen, der andere beraten möchte?

Blattner: Er oder sie muss nicht unbedingt eine soziale Ausbildung mitbringen, aber eine gewisse soziale Kompetenz und Interesse an der Arbeit im sozialen Bereich sollte vorhanden sein. Die Berater müssen auch selbst schon etwas in Deutschland angekommen sein, brauchen ausreichende Deutschkenntnisse und eine Arbeitserlaubnis. Aus Gründen der Psychohygiene dürfen sie auch nicht mehr selbst in der Unterkunft wohnen. Die Schulung findet dann in drei Blöcken statt, die zwischen vier und sechs Tage dauern. Wir vermitteln beispielsweise typische Stresssymptome, Techniken der Gesprächsführung, aber auch, wie man sich abgrenzt bei so vielen Schicksalen. Zwischen den Schulungen und auch danach arbeiten die Berater unter psychologischer Anleitung. Sie haben also ein kontinuierliches fachliches Backup.

Wie läuft eine Beratung dann praktisch ab?

Blattner: Die Beratungen finden direkt hier in der Einrichtung statt, um die Schwelle möglichst niedrig zu halten. Wir haben inzwischen eine gute Nachfrage, manche werden von ihrem Zimmernachbarn geschickt oder aus der medizinischen Ambulanz, die direkt nebenan ist. Wir beginnen mit einem oder zwei Erstgesprächen, dann folgen drei Gruppensitzungen. Viele Flüchtlinge entlastet es zu sehen, dass es anderen genau so geht wie ihnen und dass sie nicht verrückt sind. Wir vermitteln dann Wissen über Stress, damit die Betroffenen ihr eigenes Erleben und Verhalten besser verstehen können, nämlich als normale Reaktion. Im nächsten Schritt schauen wir, welche Ressourcen jemand hat, um die Belastungen zu bewältigen. Glaube und Familie werden hier oft genannt, aber auch kleine Dinge wie Fußballspielen und Musikhören.

Gibt es auch Fälle, in denen Sie nicht helfen können?

Blattner: Es kommt regelmäßig vor, dass Ratsuchende suizidgefährdet sind. Die Berater sind geschult, das zu erkennen, u. a. mithilfe von Fragebogen. Sie holen mich oder meine Kollegin dazu und wir schalten bei Bedarf eine Psych­iaterin ein, die einmal pro Woche zum Konsil kommt. Etwa zwei Flüchtlinge pro Monat überweisen wir auch in die Psychiatrie. Aber so bekommen sie überhaupt erst einen Zugang zu diesen stigmatisierten Hilfen. Wir bilden da eine Brücke ins reguläre Gesundheitssystem.

Welche Rolle spielt das Geschlechterverhältnis – möchten Männer nur mit einem Mann sprechen und Frauen nur mit einer Frau?

Blattner: Da sind viele Flüchtlinge offener als man denkt! Wir haben afghanische Männer, die einer iranischen Beraterin vertrauen. Für viele sind auch gemischte Gruppensitzungen kein Problem. Aber natürlich haben wir auch reine Frauengruppen.

Sehen Sie SoulTalk als Integrationsprojekt?

Blattner: Auf jeden Fall. Jemand, der ständig Flashbacks hat oder nachts nicht schlafen kann, wird sich auch im Deutschkurs nicht konzentrieren und nur schwer arbeiten können. Deshalb haben wir uns sehr gefreut, dass wir im Mai den dritten Platz beim Crowdfunding-Wettbewerb des Deutschen Integrationspreises 2018 erreicht haben. Eigentlich bräuchte es eine solche Beratung in allen Erstaufnahmeeinrichtungen. Wir finanzieren uns bisher ausschließlich aus Mitteln des Trägers, das Land stellt die Räume kostenlos zur Verfügung. Unsere Berater sind ja mit 75-%-Stellen fest angestellt und erhalten ein Gehalt. Das ist wichtig, um die Kontinuität zu sichern, denn die Peer-Beratung ist kein leichter Job und sicher kein Ehrenamt.