Wenn Ärzte am Impfen zweifeln

Gesundheitspolitik Autor: Thomas Trappe

Mediziner unter den Impf­skeptikern können zum Problem werden. © Fotolia/Franz Massard

Die Impfgegnergemeinde wächst weltweit. Nicht immer sind die Protagonisten naive Patienten, sondern mitunter auch Mediziner. Das sei eine nicht zu unterschätzende Gefahr, sagt ein Experte der Weltgesundheitsorganisation.

Wissenschaftsskepsis oder gar -feindlichkeit erfährt weltweit gerade einen enormen Schub, das betrifft nicht zuletzt die Medizin. Immer mehr Menschen schwören z.B. auf Homöopathie. Noch gefährlicher ist der Glaube, Impfungen seien schädlich oder unnütz und könnten daher unterlassen werden. Das Phänomen wurde schon oft beschrieben, ein Aspekt scheint dabei aber unterbelichtet zu sein: Dass sich nicht nur schlecht informierte Patienten unter den Impf­skeptikern befinden, sondern auch Mediziner.

Das ist alles andere als ein Rand­aspekt, sagte Professor Dr. Claude Muller, Direktor des Europäischen Referenzzentrums für Masern und Röteln der Weltgesundheitsorganisation in Luxemburg, kürzlich bei einer öffentlichen Anhörung des Deutschen Ethikrats, der sich aktuell mit der Impfpflicht beschäftigt. „Impfverweigerer im Gesundheitsbereich sind ein sehr großes Problem“, warnte der Mediziner.

Und zwar deshalb, weil die Meinung dieser Multiplikatoren auf viele Patienten abstrahlen kann. Schließlich seien gestandene Impfgegner, die sich als „Eigenbrötler ihr Weltbild zusammentüfteln“, eine doch sehr kleine Gruppe, die man beruhigt vernachlässigen könne. Nicht aber die große Zahl der Patienten, die sich aus Zeitmangel, Unlust oder Verunsicherung Impfungen entzögen. Diese „opportunistischen Verweigerer“, wie Prof. Muller sie nannte, seien relativ leicht vom Impfen zu überzeugen. Geradezu fatal sei es dann aber, wenn die Ärzte vom Impfen abrieten.

Masern: nur in 37 von 54 Ländern eliminiert

Ein Drittel der Impfverweigerer in der Schweiz begründete seine Haltung mit entsprechenden ärztlichen Empfehlungen, berichtete Prof. Muller aus einer WHO-Umfrage. „Es gibt wenige, aber laute Impfgegner im Gesundheitsbereich, vor allem in der Alternativmedizin.“ Besonders hob er dabei die Berufsgruppe der Hebammen hervor. Aber mitunter seien etwa auch Frauenärzte dem Impfen gegenüber kritisch eingestellt, sehr selten sogar Kinderärzte. Ein Fall aus Luxemburg habe gezeigt, wie gefährlich solche Konstellationen seien: So habe es dort vor 20 Jahren in drei Gemeinden 96 Masernfälle gegeben, weil sich eine Kinderärztin geweigert habe zu impfen. „Seitdem traut sich so etwas in Luxemburg kein Arzt mehr.“

In Europa gebe es leider immer noch eine „vergleichsweise hohe Masernrate“, so Prof. Muller. Nur in 37 von 54 Ländern sei die Krankheit eliminiert, in den großen westlichen Staaten läge dieses Ziel aber noch in weiter Ferne. „Deutschland ist hier im schlechteren Mittelfeld.“ Noch bedenklicher sei die Lage in Frankreich – im vergangenen Jahr reagierte man dort mit einer Impfpflicht für elf Krankheiten in den ersten beiden Lebensjahren.

Wie in vielen Ländern konzentrierten sich auch in Deutschland Masernfälle auf bestimmte Regionen, sagte Prof. Muller. So seien 70 bis 80 % der Masernfälle der letzten Jahre in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Berlin ausgebrochen, wo aber weniger als die Hälfte der Bundesbürger lebt.

Kein Gehör bei Bibeltreuen und „Steiner-Gruppen“

Die Gründe für Impfverweigerung seien überall in Europa andere. In Deutschland stellte Prof. Muller die weit verbreiteten anthroposophischen Konzepte von „Steiner-Gruppen“ heraus. In den Niederlanden gebe es zum Beispiel den protestantischen „Bible-Belt“, in dem viele Impfverweigerer lebten. Diese umzustimmen sei nahezu unmöglich – aber bei einer sonst guten Impfquote verkraftbar.

Unzählige „verpasste Impf-Chancen“ in den Praxen

Der stellvertretende Leiter der Infektionsepidemiologie am Robert Koch-Institut, Dr. Ole Wichmann, nannte fehlendes Vertrauen vieler Menschen in die Gesundheitsbehörden und ihre Empfehlungen als Hauptursache für die immer noch nicht behobenen Impflücken. In den Arztpraxen gebe es dabei unzählige „verpasste Chancen“. Als Beispiel nannte Dr. Wichmann HPV-Impfungen, die bei Teenagern noch viel zu selten durchgeführt würden. Allerdings läge die Impfquote bei jungen Patienten, die direkt auf die Impfung angesprochen würden, bei über 90 %.

Der persönliche Kontakt in der Praxis „ist ganz entscheidend“, sagte Dr. Wichmann. Für viele Ärzte sei ein Impfgespräch oft aber zu aufwendig. Nur etwa 60 % der Haus­ärzte, das habe eine Umfrage des RKI gezeigt, würden ihre Patienten an ausstehende Impfungen erinnern. Wie der Deutsche Ethikrat bei der Impfpflicht plädieren wird, ist offen. Eine Richtung deutete aber der Ratsvorsitzende Peter Dabrock schon an. Der Eingriff ins Persönlichkeitsrecht von Patienten müsse gut begründet sein, sagte er. Ideal wäre es, würde man diese mit „Überzeugungsarbeit“ erreichen. Am Sinn von Impfungen, betonte er, zweifle im Rat aber niemand, „jedenfalls, soweit ich das weiß“.

Quelle: Deutscher Ethikrat – Öffentliche Anhörung