Arzt als Bundespräsident? „Wir müssen die Lobbyisten unserer von Armut betroffenen Patienten sein“

Gesundheitspolitik Interview Autor: Isabel Aulehla

Auf der Straße, in der Tiefgarage, im Wald: Sozialmediziner Prof. Dr. Gerhard Trabert sucht wohnungslose Menschen dort auf, wo sie leben. Auf der Straße, in der Tiefgarage, im Wald: Sozialmediziner Prof. Dr. Gerhard Trabert sucht wohnungslose Menschen dort auf, wo sie leben. © Andreas Reeg
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Der Sozialmediziner Prof. Dr. Gerhard Trabert versorgt wohnungslose Menschen und andere Personen, die in Armut leben. Jetzt kandidiert er als Bundespräsident. Was will er erreichen? Und sollten mehr Ärzte in die Politik?

Gehen der Beruf des Arztes und ein soziales Gewissen für Sie miteinander einher?

Prof. Trabert: Ja, das ist schon meine Identität. Ich habe soziale Arbeit studiert und als Sozialarbeiter im Krankenhaus gearbeitet, bevor ich Humanmedizin studiert habe. Ich sage immer: Ich bin Sozialarbeiter mit speziellen Qualifikationen in Medizin. Für mich gehört die psychosoziale Situation eines Menschen zu unseren medizinischen Aufgaben. Virchow hat schon gesagt: Medizin ist eine soziale Wissenschaft.

Sie sind direkt auf der Straße aktiv, um wohnungslose Menschen zu versorgen. Was hat Sie bewogen, für ein politisches Amt zu kandidieren?

Schon als ich meine Dissertation zu obdachlosen Menschen in der Gesundheitsversorgung geschrieben habe – übrigens wie Steinmeier –, habe ich gedacht, ich muss etwas verändern. Menschen, die von extremer Armut betroffen sind, sind oft sehr krank, finden aber den Weg zum Arzt oder zur Ärztin nicht. Beziehungsweise, sie sammeln dort negative Erfahrungen, werden weggeschickt oder schlecht behandelt. Einige schämen sich, weil sie im Setting „Sprechstundenzimmer“ nicht klarkommen.

In Indien, in einem Leprakrankenhaus, habe ich gelernt, dass man nicht wartet, bis der Patient zum Arzt kommt. Deshalb sage ich heute: Wenn wir die Menschen nicht erreichen, müssen wir eben dorthin gehen, wo sie leben. Auf die Straße, in die Tiefgarage, in den Wald.

Ich mache das jetzt seit 28 Jahren. Ich erlebe aber, dass das soziale Netz immer grobmaschiger wird. Ich will nicht die Tafel der Gesundheitsversorgung sein. Das ist eine originäre Aufgabe unseres Versorgungssystems. Diesen Punkt möchte ich mehr in die öffentliche Diskussion bringen. Daher jetzt der Schritt, mich auf dieser politischen Einflussebene zu engagieren.

Was würden Sie als Bundespräsident anders machen als Ihre Vorgänger, um sich für Menschen in Armut einzusetzen?

Ich würde den Austausch mit den Betroffenengruppen intensiver fördern – ob es nun chronisch kranke oder wohnungslose Menschen oder Alleinerziehende sind. Ich würde mehr über ihre Erfahrungen und ihre Kompetenzen wissen wollen. Und ich würde annehmen, was sie sagen, was verändert werden muss. Ich würde aber auch versuchen, alle paar Wochen mit dem Arztmobil unterwegs zu sein. Außerdem würde ich mir das Recht herausnehmen, im Sommer im Mittelmeer mit einer zivilen Seenotrettungsorganisation aktiv zu sein. Dafür würde ich dann vielleicht bei dem ein oder anderen Empfang fehlen.

Sieg Steinmeiers fast sicher

Am 13. Februar wird der Bundespräsident von der Bundesversammlung gewählt. Der Sieg von Frank-Walter Steinmeier (SPD) gilt als so gut wie sicher. Prof. Trabert wurde als parteiloser Kandidat seitens der Linken aufgestellt. Das CDU-Mitglied Max Otte, Vorsitzender der Werteunion, tritt als Kandidat der AfD an.

Welche Aspekte des Gesundheitssystems würden Sie verändern?

Selbst wenn ich Bundespräsident wäre, hätte ich die Möglichkeit der direkten Veränderung ja nicht. Aber ich gebe zu, ich bin ein Befürworter der Bürgerversicherung. Ich finde, wir haben eine Zwei- bis Dreiklassenmedizin. Viele Privatisierungen müssen zurückgefahren werden. Ich bin auch kein Freund der „Individuellen Gesundheitsleistungen“. Wenn wir Ärztinnen und Ärzte denken, dass eine Leistung wichtig ist, müssen wir noch mehr dafür kämpfen, dass sie in den Katalog der Krankenkassen aufgenommen wird. Ich würde auch darauf drängen, dass die sprechende Medizin besser honoriert wird. Wir müssen uns wieder mehr mit dem Patienten, der Patientin unterhalten.

Was muss sich ändern, damit Menschen ohne Versicherung wieder einen Zugang zur Medizin finden?

Man muss genau hinschauen, warum Menschen nicht versichert sind. Die Beratung unserer Ambulanz in Mainz schafft es, dass 40 % der Betroffenen wieder ein Versicherungsverhältnis bekommen. Ich habe das Gefühl, dass Krankenkassen, Sozial­ämter und Jobzentren nicht immer rechtskonform beraten oder manchmal nicht ausreichend informiert sind. Wenn jemand Beitragsschulden hat, sollte man nicht repressiv vorgehen, sondern proaktiv fördern. Man muss informieren über den Notlagentarif, den Basistarif und über Beitragssenkungen. Ich glaube, dass soziale Ungleichheit und der Zusammenhang von Armut und Gesundheit auch in der Ausbildung von Medizinern eine größere Rolle spielen müssen. Armut macht krank, Krankheit macht arm. Das Robert Koch-Institut sagt: Wenn man das reichste mit dem ärmsten Viertel vergleicht, sterben arme Frauen 4,4 Jahre und arme Männer 8,6 Jahre früher. Das ist für mich ein Skandal in so einem reichen Land! Die Charité hat vor zwei Jahren ihre onkologischen Patienten befragt, wovor sie am meisten Angst haben. Man dachte, es kommt am häufigsten die Antwort „vor dem Tod“. Die Antwort lautete aber „vor dem sozialen Abstieg“. Das überrascht, und zeigt, dass Menschen mit einer Krebserkrankung immer häufiger mit Verdienstverlusten konfrontiert sind. Krankheit ist mittlerweile der dritthäufigste Grund für eine Verschuldung in diesem reichen Land. Da muss sich was ändern.

Würde es helfen, wenn mehr Ärzte in die Politik gingen?

Ich glaube, es würde helfen, wenn wir Mediziner wieder nach unserem sozialen Bewusstsein handeln. Ich weiß, dass sehr viele – gerade niedergelassene Ärzte – engagiert sind und in ihren Praxen auch kostenlos Patienten behandeln. Aber wir müssen uns standespolitisch und politisch mehr vernetzen, um Entwicklungen zu skandalisieren und uns als Lobbyisten für unsere von Armut betroffenen Patienten einsetzen. Insofern: Ja, mit einem solchen Selbstverständnis wäre es hilfreich, wenn mehr Ärzte in die Politik gingen.

Die Linke hat Sie als Kandidaten für das soziale Gewissen aufgestellt. Ihre Zustimmung in der Bevölkerung liegt laut Umfragen aber nur bei 5 %. Heißt das, dass sich zu wenige Menschen für Fragen der sozialen Gerechtigkeit interessieren?

Ich denke, dass dies die Sensibilität vieler Bürger diesem Thema gegenüber nicht wirklich widerspiegelt. Ich bin viel zu unbekannt, da hat der amtierende Bundespräsident und langjährige Politiker Steinmeier natürlich einen großen Vorteil. Bei politischen Entscheidungsträgern sehe ich oft eine große Distanz zu den Lebensrealitäten der von Armut betroffenen Menschen. Bei uns ist das Parlament noch vorrangig besetzt von Politikern aus der oberen Mittel- oder Oberschicht. Insgesamt glaube ich schon, dass viele Menschen spüren, dass eine soziale Abwärtsspirale sehr schnell greifen kann. Wenn ich die Arbeit verliere und nach einer gewissen Zeit Arbeitslosengeld II bekomme, muss ich als Alleinstehender von 449 Euro im Monat leben. Ich glaube aber auch, dass das oft mit so viel Angst verbunden ist, dass man das Thema von sich wegschieben möchte.

Hat die Kandidatur in Ihren Augen schon etwas gebracht, um die Situation von Menschen in Armut zu verbessern?

Das wird die Bewährungsprobe sein. Es geht mir bei der Kandidatur nicht um meine Profilierung, sondern darum, dass etwas passiert. Zumindest habe ich den Eindruck, dass durch die vielen Medienberichte das Thema Armut stärker diskutiert wird. Das ist ja vielleicht schon ein kleiner Erfolg. Aber ein echter Erfolg ist es nur, wenn die Lebensbedingungen der von Einkommensarmut betroffenen Menschen sich verbessern.

Bekommen Sie von den Menschen auf der Straße Rückmeldung zu Ihrer Kandidatur?

Ja, gerade meine wohnungslosen Patienten sprechen mich an und sagen, dass sie das gut finden. Zum Teil höre ich aber auch: „Aber dann bist du gar nicht mehr hier. Wer fährt dann Arztmobil?“ Eine der schönsten Erfahrungen bei meinem Bundestagswahlkampf letztes Jahr als parteiloser Direktkandidat in Mainz: Viele wohnungslose Menschen haben mir gesagt, dass sie zum ersten Mal wählen gegangen sind. Das fand ich toll! Ich habe mich gefreut, dass sie ihre demokratischen Rechte wieder in Anspruch nehmen.

Ihnen wurde vorgeworfen, die Situation ausgegrenzter Menschen mit der Verfolgung der Juden in der NS-Zeit verglichen zu haben. Wie stehen Sie dazu?

Es hat mich sehr betroffen gemacht, wie ich fahrlässig oder bewusst fehlinterpretiert wurde. Ich habe nie einen Vergleich zwischen den Opfern des Nationalsozialismus und ausgegrenzten Menschen gemacht. Millionen Juden und Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, auch wohnungslose Menschen wurden ins KZ gebracht, ermordet oder zwangssterilisiert. Das ist mit nichts vergleichbar. Worum es mir ging: Der Nationalsozialismus ist nicht durch einen Putsch an die Macht gekommen. Er ist in einer Demokratie, der Weimarer Republik, entstanden. Und ein Element, das diese Entwicklung zumindest nicht verhindert hat, war das Wegschauen – das Wegschauen bei Stigmatisierung, Diskriminierung und Unrecht. Für mich ist es ein elementares Erbe, dass wir nie mehr wegschauen dürfen, wenn Menschen ausgegrenzt werden.

Was machen Sie nach der Wahl?

Ich fahre weiter Arztmobil und bin in unserer „Ambulanz ohne Grenzen“ aktiv. Für das nächste Projekt geht es wahrscheinlich Mitte März nach Afghanistan. Wir wollen eine Kooperation für die Gesundheitsversorgung eingehen. Es ist schwierig, aber auch diese Menschen darf man nicht im Stich lassen. Wir sondieren, wie wir vor Ort Unterstützung leisten können. Dann habe ich noch ein anderes Projekt: Ein Baumhaus zu bauen. Ich habe eine Enkeltochter, ein Enkelsohn kommt auch bald. Und die sollen mal ein Baumhaus haben.

Medical-Tribune-Interview

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