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Eigene Praxis und schwanger: Welche Strategien der Medizinerin nun helfen

Niederlassung und Kooperation Autor: Anouschka Wasner

Wer die Spielräume der Selbstständigkeit zu nutzen weiß, kann Familie und Beruf besser vereinbaren. Wer die Spielräume der Selbstständigkeit zu nutzen weiß, kann Familie und Beruf besser vereinbaren. © iStock/fotostorm
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Eigene Praxis und Schwangerschaft, wie passt das zusammen? Eine Steuerberaterin erzählt, was Ärztinnen fürchten und welche Strategien sich in ihrer Beratungspraxis als sinnvoll erwiesen haben.

Viele Ärztinnen stellen sich ein Leben mit Kindern vor – doch wenn die Schwangerschaft dann eintritt, kommt sie oft „ganz überraschend“. Die auf das Gesundheitswesen spezialisierte Steuerberaterin Dominique C. Pontani, Wiesbaden, weiß das aus beruflicher Erfahrung. Als Beispiel erzählt sie von einer Hausärztin im Alter von Ende dreißig aus dem Rhein-Main-Gebiet. Auch diese hat die Nachricht so unvorbereitet erreicht, dass sie große Angst hatte, die Zeit bis zu den einschneidenden Veränderungen durch die Geburt könnte nicht reichen, um ihre Praxis und ihr Leben neu zu organisieren.

„Die meisten Menschen reagieren erst, wenn die Veränderung schon eingetreten ist“, so die Erfahrung der Steuerberaterin. Sie rät niedergelassenen Ärztinnen mit Kinderplänen, sich ganz bewusst frühzeitig umzuhören, um „im Ernstfall“ zu wissen, wo Ansprechpartner und Beratungsstellen zu finden sind. Gerade als Selbstständige könne man sonst vor dem riesig erscheinenden Berg an Dingen, die zu organisieren sind oder Probleme bereiten könnten, schon mal zurückschrecken, erklärt die Steuerberaterin, die einige Klientinnen in dieser Situationen erlebt hat. Für manche Frauen sei die Angst, es nicht zu schaffen, sogar ein Grund, sich gegen Kinder zu entscheiden.

Die Angst vor dem Berg an Herausforderungen

Die 39-jährige Hausärztin hatte erst drei Jahre zuvor eine kleine Praxis übernommen und dafür eine Finanzierung aufgenommen. Patientenzahlen und Umsatz seien von Beginn an kontinuierlich gestiegen, sie musste sich keine Sorgen machen. Eine Schwangerschaft schien ihr aber ein Risiko, diese positive Entwicklung auszubremsen. Und das würde nicht nur für sie zum Problem: Den größeren Teil der Elternzeit sollte ihr Mann übernehmen, die Rolle der Hauptverdienerin also bei ihr liegen.

„Eine Schwangerschaft birgt für eine Unternehmerin zwar einige spezielle Probleme – aber gleichzeitig auch viele Möglichkeiten, selbst zu gestalten“, betont Pontani. Sind einem die eigenen Möglichkeiten bewusst, lassen sich Familie und Beruf sogar viel besser vereinbaren als in einem Angestelltenverhältnis. Denn Unternehmerinnen müssen nur Rücksicht auf Patienten und Finanzen nehmen – Angestellte müssten oft auch dem Arbeitgeber gegenüber Loyalitätsgefühle erfüllen.

Im Beratungsgespräch versucht die Steuerberaterin – selbst Mutter von fünf Kindern – aus der gefühlten Unmenge an Schwierigkeiten kleinere Herausforderungen zu formen. Einiges ließe sich leichter lösen, als man denke, sagt sie. So unterschätzten die Ärztinnen, die in ihrer Unternehmerinnenposition an Verantwortung gewöhnt sind, dass sich die meisten Patienten einfach über die Schwangerschaft mit freuen können und dabei nicht an drohende Ausfallzeiten denken.

Genauso sind auch die Angestellten in den meisten Fällen verständnisvoll. Zumal in den Praxen überwiegend Frauen arbeiten, die sich leicht in die Situation hineindenken können. Auf jeden Fall sei es gut, so früh wie möglich alle ins Boot zu holen. „Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich darauf einstellen, dass sich die Organisation in der Praxis verändern wird. Und sie müssen so früh wie möglich den Grund für eventuelle Leistungseinbußen oder Stimmungsschwankungen kennen. “

Das Gute an einer Schwangerschaft, so die Steuerberaterin, sei ja schließlich, dass sie so lange dauere, dass man alle anstehenden Fragen genau überdenken kann. So zum Beispiel:

  • Kann ich alle meine Patienten behalten oder sogar wie bisher meine Scheinzahl steigern?
  • Kann und darf ich meine Sprechzeiten ändern?
  • Wo könnte ich mich weiter reduzieren, wenn ich finanziellen Druck rausnehmen will?
  • Wie sorge ich z.B. für eine Grippewelle vor oder wenn das Kind oder ich selbst krank werden?
  • Wie sichere ich die tägliche Kinderversorgung – über Mann, Eltern, Kita, Haushaltshilfe, Tagesmutter oder einen Au-pair-Dienst?
  • Hilft es, meine Mitarbeiter fortzubilden, um mehr delegieren zu können? Was kann ich überhaupt alles delegieren? Kommen auch Dienstleister oder die Familie als Helfer infrage?

Wer kann mich in meiner Funktion als Ärztin entlasten?

Auch eine Entlastung bei der ärztlichen Tätigkeit selbst ist in Absprache mit der KV möglich.

  • Bis zu sechs Monate können sich Niedergelassene nach der Geburt in der eigenen Praxis vertreten lassen.
  • Längere Zeiträume lassen sich über einen Sicherstellungsassistenten überbrücken. Hier kann manchmal die Einbindung für den begrenzten, aber eben doch nicht ganz kurzen Zeitraum schwierig sein – jedes neue Teammitglied bringt bestehende Systeme erst mal durcheinander. Das kann die Patienten irritieren und die MFA fordern.
  • Ein Assistenzarzt dagegen bleibt bis zu drei Jahre und übernimmt nur einen Teil ihrer Arbeiten, fügt sich also eventuell leichter in die Struktur ein.
  • Einen Kollegen anzustellen, ist dagegen eine Überlegung, bei der die weitere Perspektive eine Rolle spielt. Wer mit seiner Einzelkämpfer-Position glücklich ist und Chefin bleiben will, kann damit gut beraten sein.
  • Die Entscheidung für eine Berufsausübungsgemeinschaft sollte nicht nur anlässlich der Schwangerschaft getroffen werden, da sich damit die Bedingungen auf lange Sicht stark verändern. Sprechen auch weitere Gründe für die Idee – etwa dass man des Einzelkämpferinnen-Daseins müde geworden ist –, ist es aber eine Option.
  • Auch Job-Sharing kann unter Umständen ein Option sein.
  • In Einzelfällen kann es sinnvoll sein, eine Zulassung ganz oder hälftig ruhen zu lassen, sodass man die Praxis für einen bestimmten Zeitraum ganz oder teilweise schließen kann. Auch eine Teilzulassung kann eine dauerhaft passende Lösung sein.

Am effektivsten sei jedoch meist, die Gelegenheit zu nutzen, mehr Delegation in die Praxis einziehen zu lassen und nicht-ärztliche Tätigkeiten auszulagern, so die Erfahrung der Steuerberaterin. Doch gerade damit tun sich viele Frauen schwer: Sie wollen nicht zur Last fallen oder denken, sie müssten alles selbst machen, damit es gut wird.

Sprechstunde auf Arbeitszeit des Mannes abgestimmt

Die Hausärztin aus dem Rhein-Main-Gebiet hat viele der Ratschläge ihrer Steuerberaterin aufgegriffen: Sie hat früh ihre MFA zu Verbündeten gemacht, ihre Stunden aufgestockt und Fortbildungen angeregt und gefördert. Sie hat ihre Sprechzeiten entsprechend den Arbeitszeiten ihres Mannes angepasst und sie hat die Patienten frühzeitig über den Grund dafür informiert.

Sie hat über Beratungsgespräche die für sie richtige Entlastungsform in der Praxis gefunden. Und sie hat die Buchhaltung, die sie bis dato selbst geführt hatte, delegiert: Ihr Mann scannt die Belege ein, das Steuerbüro übernimmt die umfassende Bearbeitung. „Unsere Besprechungen erfolgen jetzt quasi nur noch über Mail und Online-Sprechstunde, dazwischen telefonieren wir“, erklärt die Steuerberaterin.

Das Kind ist heute übrigens zwei Jahre alt und die Ärztin immer noch glückliche Einzelärztin. Sie will weiterhin ihr Arbeitsumfeld alleine gestalten. Und sie sagt: „Als Selbstständige trage ich ganz alleine die Verantwortung. Wenn ich nicht funktioniere, funktioniert nichts! Also brauche ich Ruhezeiten.“ Haushaltshilfe und Ganztagsschule würden zwar Geld kosten. Aber nur so bliebe noch Qualitätszeit für die Familie. „Und ich breche nicht irgendwann zusammen.“

Medical-Tribune-Recherche

Dominique C. Pontani, Steuerberaterin, Dipl.-Betriebswirtin (FH) Dominique C. Pontani, Steuerberaterin, Dipl.-Betriebswirtin (FH) © Privat
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