Investoren im Gesundheitswesen: Ärzte als Spekulationsobjekte

Niederlassung und Kooperation Autor: Cornelia Kolbeck

Extrem hohe Kaufpreise überzeugen Ärzte, die ihre Praxis aus Altersgründen aufgeben wollen. © Fotolia/Cherries

Investoren, die es in erster Linie auf Rendite abgesehen haben, fassen auch im Gesundheitswesen Fuß. Ärzte sind für sie besonders interessant. Die Mediziner sind angesichts der zunehmenden Zahl von Private-Equity-Gesellschaften beunruhigt.

Nach Ansicht von Arzt und Medizinhistoriker Professor Dr. Paul Ulrich Unschuld, Berlin, droht das System zu entgleisen: Die einstige Staatsmedizin werde zur Gesundheitswirtschaft. „Gesundheit wird zur Ware, Patienten werden zu Kunden und Sie werden zu Dienstleistern“, wandte er sich an die Ärzte in der Veranstaltung „Patientenversorgung unter Druck“ der Bundesärztekammer. Investoren würden Einfluss auf das System nehmen, indem sie Krankenhäuser kauften und im Umfeld Arztpraxen, die dann verpflichtet würden, den Krankenhäusern Kunden zu liefern.

Monopole vermeiden, die Wahlfreiheit erhalten

Der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery, bestätigt natürlich, dass ökonomisches Handeln im Gesundheitswesen seine Berechtigung hat. „Aber die Ökonomie muss den Zielen der Medizin dienen – und nicht umgekehrt“, sagt er. Eine qualitativ hochwertige Versorgung in Stadt und Land bedinge auch, dass Monopole vermieden und der freiberufliche Charakter der ärztlichen Tätigkeit sowie die Wahlfreiheit der Patienten erhalten bleiben. Er spricht sich zudem für Regelungen aus, mit denen die Größe von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und Ketten auf „ein für die Versorgung sinnvolles Maß“ begrenzt wird. Vorstellbar sei beispielsweise auch eine zeitliche Begrenzung der Zulassung von MVZ.

Auf dem Spiel stehe einer der wichtigsten Werte in der Arzt-Patienten-Beziehung: das Vertrauen. Denn die Entwicklung führe zunehmend bei Patienten zu der Frage, ob ein medizinischer Eingriff tatsächlich aus medizinisch-fachlichen Erwägungen durchgeführt werde oder aus Renditeerwägungen.

Angeblich zweistellige Gewinnmargen mit Kliniken

Im Krankenhausbereich, so Prof. Unschuld, würden Margen von 16 bis 18 % der verwendeten Pflichtbeiträge als Gewinn abgezogen. Dass die Politik der Macht der Finanzindustrie etwas entgegensetzt, sieht er nicht. Die Gesundheitswirtschaft sei jetzt Teil der Marktwirtschaft.

Dr. rer. nat. Franz-Robert Klingan, Partner der Münchner Unternehmensberatung Bain & Company, verstärkte mit seinem Vortrag unbeabsichtigt die Sorge der anwesenden Ärzte vor den Einflüssen der Finanzienstleis­ter. „Die Konsolidierung wird weitergehen“, sagte er mit Blick auf fast alle humanmedizinischen Bereiche. Es stehe viel Kapital zur Verfügung, etwa aus Pensionsfonds, Stiftungen und von Familienunternehmen. Die Gesundheitswirtschaft biete gute Anlagen mit weniger Risiken als z.B. die Pharmaindustrie.

In Europa seien die Leistungserbringer das wichtigste Investitionsziel, sagte Dr. Klingan. Ärzte in Deutschland würden medizinische Kompetenz und einen Patientenstamm in Praxen einbringen. Zugleich suchten Ärzte Praxisnachfolger, Arbeit als Angestellte und einen kostengünstigen Anschluss an verbundene Dienstleistungen. Hier setzen Investoren an.

Im Laborbereich seien bereits bis zu 40 % der Leistungen in Dritthand. Das Ende der Konsolidierung sei dort, wo Investoren Objekte nicht mehr weiterverkaufen können, erklärte Dr. Klingan. „Man muss immer einen Abnehmer haben, sonst gibt es keine Rendite.“

Weniger Patientenbindung im „Industriebetrieb Dialyse“

Wie der Wiesbadener Nephrologe Dr. H. Christian Piper berichtete, sind unter den rund 1000 Dialysepraxen in Deutschland nur noch etwa 60 % freie Praxen. 25 % der Praxen befinden sich in der Hand eines Kuratoriums, 15 % in der Hand von Konzernen. Aufgekauft würden die Praxen, wenn Inhaber aus Altersgründen ausschieden, wobei diese dann mit extrem hohen Kaufpreisen überzeugt würden, so Dr. Piper.

Das Arzt-Patienten-Verhältnis sieht er u.a. durch radikal geänderte Personalstrukturen nach dem Verkauf sehr wohl gefährdet. Die Patientenbindung gehe im Industriebetrieb Dialyse sehr schnell verloren. Mit 4 % Gewinn könne man noch hinkommen, erklärte ein Kollege.„Höhere Gewinnmargen machen uns Sorgen.“ Vor allem, wenn damit z.B. Einsparungen beim Personal verbunden seien. „Ärzte müssten sich deshalb solidarisieren“, mahnte ein weiterer Diskutant.

Junge Ärzte vom Vorteil einer eigenen Praxis überzeugen

Dazu äußerte sich nochmals Prof. Unschuld. Er bekräftigte die Forderung eindringlich. Denn in der Politik hätten Ärzte keinen Verbündeten mehr, weil sie nicht steuerbar seien. Verbündete hätten sie auch nicht in den Krankenkassen. Diese bezahlten Studien, um Ärzten Fehlverhalten vorzuwerfen und sägten damit bewusst an deren Image.

Ärzte müssten für ihre Selbstständigkeit kämpfen und für freie Praxen statt Medizinische Versorgungszentren, mahnte eine Ärztin mit Blick auf junge Kollegen, die anfangs eine Anstellung bevorzugen. Hoffentlich könne man hier noch etwas stoppen, sonst würden es diese Ärzte später schwer haben, sich in Praxen zu etablieren.

Bonus bei Erreichen von mehr als 300 ambulanten Eingriffen

„Es gibt keinen Grund, warum nicht auch Sie investieren“, meinte Unternehmensberater Dr. Klingan hinsichtlich einer möglichen Einflussnahme der Ärzteschaft.

Dass Klinik-Unternehmen noch immer über auf Ärztetagen kritisch diskutierte Zielvereinbarungen Einfluss auf die Versorgung nehmen, zeigte der Vortrag von Dr. Heidrun Gitter, Mitglied des Vorstandes der Bundesärztekammer. Verankert seien hier beispielsweise Bonuszahlungen beim Erreichen von mehr als 300 ambulanten Eingriffen oder die Beteiligung eines Arztes der Plastischen Chirurgie an Liquidationseinnahmen, einschließlich medizinisch nicht-indizierter Leistungen in Höhe von 35 % nach Abzug der Abrechnungskosten.

Professor Dr. Gerd Witte, ehemals Ärztlicher Direktor der Asklepios-Klinik Hamburg-Wandsbek, beschrieb mit erschreckender Offenheit, wie im Krankenhausbetrieb Druck auf unliebsame Mediziner ausgeübt wird. Diese würden selbst bei gerechtfertigter Kritik von Konzernen verklagt. Chefärzte würden vor die Tür gesetzt, innerhalb einer Stunde seien Schlüssel und Laptop abzugeben. Selbst vor strukturellen Maßnahmen werde nicht Halt gemacht. So könne ein Geschäftsführer angesichts eines unliebsamen leitenden Kinderarztes entscheiden, dass das Krankenhaus keine pädiatrische Abteilung mehr benötige und diese schließen. Konkrete Namen wollte Prof. Witte allerdings nicht nennen – um nicht verklagt zu werden.