Keine Scheu vor der Praxis: Hausärztinnen erklären die Vorteile der Selbstständigkeit

Niederlassung und Kooperation Autor: Michael Reischmann

Unter anderem ein gutes Zeitmanagement ermöglicht genügend Freizeit – auch mit eigener Praxis. © iStock/javi_indy

Muss man in einer Praxis rund um die Uhr für die Kredite der Bank arbeiten? Ärztinnen, die mit einer Niederlassung liebäugeln, sich aber vor einem solchen Szenario fürchten, werden von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen beruhigt: Eine 40-Stunden-Woche mit einem Monatsbruttoentgelt von 14 000 Euro ist für Praxisinhaber machbar.

Zusammen mit einem Kollegen führt Dr. Carsten Köber in Bad Mergentheim eine Hausarztpraxis. Seit 2010 gehört auch ein Arzt – derzeit eine Ärztin – in Weiterbildung zum Konzept. Im Team mit acht MFA (4,5 Vollzeitstellen) stemmen sie die Versorgung von etwa 2250 Patienten pro Quartal (davon 1540 in der HzV, 530 KV und 180 PKV). Acht Pflegeheime betreuen sie (Visite alle zwei Wochen) sowie 30 Hausbesuchspatienten (Besuche alle vier Wochen). Als Selbstzahlerleistungen werden nur Reiseberatung und Atteste angeboten.

Bessere Planbarkeit durch ärztliches Schichtsystem

Die Praxis wird als reine Terminsprechstunde mit Pufferzeiten für Notfälle geführt. Die drei Ärzte arbeiten in einem Schichtsystem – das liefert Planbarkeit: Für jeden Arbeitstag ist festgelegt, wer in welchem Zeitraum welche Aufgaben übernimmt. Alle drei Wochen wiederholt sich der Ablauf. Das heißt, es gibt kurzfristige Wechsel, wer sich z.B. um die Post, Anfragen und Anträge kümmert, während die anderen Sprechstunde machen. Es gibt aber auch Schwerpunktaufgaben; so ist Dr. Köber beispielsweise für Praxissoftware und Buchhaltung zuständig.

Im Schnitt, so hat Dr. Köber ausgerechnet, verbringt ein Arzt pro Woche 27,5 Stunden mit Patientenkontakten. Auf ICD- und Abrechnungskontrollen entfallen z.B. 2,5 Stunden und 1,5 Stunden auf Büroarbeit. Letztlich summiert sich alles auf 41,25 Arbeitsstunden pro Woche. 30 Tage Urlaub im Jahr und alle drei Wochen ein langes Wochenende sind auch drin. Einnahmen und Ausgaben teilen sich die beiden Praxisinhaber halbe-halbe – unabhängig davon, wie viele Patienten jeder selbst behandelt hat.

Berufspolitik zu machen, hilft beim Networking

Mit einem solchen System ist ein Monatsbruttoentgelt von 14 000 Euro pro Inhaber möglich, erzählt Dr. Köber beim Workshop „Hausarztpraxis – work life und auch die Kohle stimmt“ auf dem Baden-Württembergischen Hausärztetag. Eingeladen hat das Forum Hausärztinnen. Und die Zielgruppe ist im Workshop auch gut vertreten.

„Der durchschnittliche Hausarzt in Deutschland ist 55 Jahre alt und männlich“, sagt die Pforzheimer Allgemeinmedizinerin Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Mitglied im Vorstand des Haus­ärzteverbandes BW. Dementsprechend dominieren Männer die Berufspolitik im Verband, in KV und Ärztekammer. Doch mittlerweile werden rund 60 % der Abschlüsse in Allgemeinmedizin von Frauen gemacht. Die hausärztliche Versorgung wird also künftig überwiegend von Ärztinnen sichergestellt werden. Diese für Praxis und Berufspolitik zu begeistern, hat sich das Forum vorgenommen.

So erzählt Dr. Doris Reinhardt, Friesenheim, wie sie den Weg von der Klinik in die Hausarztpraxis und dort ihre Work-Life-Balance gefunden hat. „Wir Frauen neigen dazu, perfektionistisch zu sein“, meint sie. Dabei könne man es manchmal mit dem Pareto-Prinzip halten: „80 % des Ergebnisses, die mit 20 % des Aufwandes erreicht werden, reichen auch.“ In puncto Zeitmanagement warnt sie vor Selbstausbeutung (innerer Auftrag) und der Vereinnahmung durch andere. Muss das Anliegen der MFA („ich hab da was“) wirklich sofort geklärt werden oder hat es sogar Zeit bis zur Teambesprechung? Für „extrem wichtig“ hält die Ärztin die Teilnahme an einer Balintgruppe. Und bezüglich der „Selbstwirksamkeit“ kann sie auch die berufspolitische Arbeit empfehlen: „Das ist Netzwerken, wir profitieren davon.“

Mit Checklisten die Aufgaben im richtigen Timing erledigen

Der Wunsch, selbstständig zu arbeiten, mehr Flexibilität und mehr Verantwortung zu haben, war es auch, der Dr. Susanne Fischer zusammen mit einer Kollegin zu einer Praxisneugründung in der Nähe von Karlsruhe bewog. Sie fanden wohnortnah eine renovierungsbedürftige Zahnarztpraxis mit guter Raumaufteilung. Gesellschaftervertrag, Mietvertrag, Finanzierung, Zulassungsbeantragung – es sind viele Dinge beim Start in die Selbstständigkeit parallel zu tun, sagt Dr. Fischer.

Niederlassungs-Checklisten und -Beratungen der KV, inklusive Förderungshinweise, sind eine Hilfe. Ebenso der Steuerberater und eine gute Anwaltskanzlei, die auch Regelungen für den Fall kennt, dass es später einmal im Praxisbetrieb oder privat „kracht“. Dazu kommen die lokale Personalsuche, die Wahl der Praxissoftware, die Praxishomepage, notwendige Versicherungen etc. Wer sich hierzu schlau machen möchte, dem empfiehlt Dr. Sauer den Besuch der „Werkzeugkasten“-Fortbildungen des Hausärzteverbandes.

Die betriebswirtschaftliche Praxisberatung der KV Baden-Württemberg gehört zum Aufgabengebiet von Julia Schenk. Die Ökonomin weiß, auf welche Kennzahlen im Fall einer Praxisübernahme zu achten ist und bietet als Service u.a. eine Mindestumsatzberechnung/Liquiditätsprognose an.

Im Schnitt macht ein Hausarzt in Baden-Württemberg einen KV-Umsatz von 180 000 Euro pro Jahr. Zuzüglich der Umsätze in der HzV und mit Privatpatienten sind es 330 000 Euro. Als Praxisgewinn vor Steuern bleiben einem Arzt in einer Einzelpraxis davon 55 % (ca. 180 000 Euro), in einer Berufsaus­übungsgemeinschaft etwas mehr. Der Workshoptitel „work life und auch die Kohle stimmt“ hat also nicht zu viel versprochen.

Quelle: 17. Baden-Württembergischer Hausärztetag