Polypharmazie-Patienten: Aufnahme ins Krankenhaus ist ein riskanter Akt

Niederlassung und Kooperation Autor: Michael Reischmann

Das Projekt soll dem Informationsdefizit entgegenwirken und so die Patientensicherheit erhöhen. Das Projekt soll dem Informationsdefizit entgegenwirken und so die Patientensicherheit erhöhen. © iStock/Thomas Demarczyk
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Bei der Aufnahme ins und der Entlassung aus dem Krankenhaus gibt es häufig Informationsdefizite, die für Polypharmazie-Patienten schlimmstenfalls lebensbedrohliche Folgen haben können. Die Barmer möchte ab Oktober mit einem Innovationsfondsprojekt die Patientensicherheit erhöhen.

Das Problem ist altbekannt, seine Lösung soll ab Oktober das Innovationsfondsprojekt „TOP“ der Barmer bringen. Deren Arzneimittelreport bestätigt: Die Arzneitherapie-Informationen, die sich Klinik- und Vertragsärzte bei Polypharmazie-Patienten wechselseitig bereitstellen, sind oft unvollständig oder nicht aktuell. Daraus können lebensgefährliche Risiken bei der Weiterbehandlung resultieren. Die Mängel betreffen sowohl die Aufnahme ins Krankenhaus als auch die Entlassung nach Therapieumstellungen.

Der im Oktober 2016 eingeführte bundeseinheitliche Medikationsplan auf Papier hat daran offenbar nicht viel geändert. Diesen hatten bei einer Klinikaufnahme nur 29 % der Patienten im Alter von 65+ parat, die mindestens fünf Arzneimittel parallel einnehmen mussten.

Fehlende Hinweise auf notwendige Kontrollen

Dabei waren die Pläne häufig lückenhaft. 17 % der 2900 befragten Versicherten hatten gar keine aktuelle Aufstellung. Auch nur jeder dritte Patient, bei dem die Therapie im Krankenhaus geändert wurde, erhielt einen aktualisierten Plan. Laut Arznei-Report ist die Anzahl der Patienten, die nach der sog. Priscus-Liste eine für ihr Alter nicht geeignete Arznei erhalten, nach der stationären Behandlung sogar höher als zuvor.

Eine Befragung von 150 Niedergelassenen ergab, dass Therapieänderungen vom Krankenhaus nur bei jedem dritten betroffenen Patienten begründet werden. Hinweise auf notwendige Kontrollen, Nebenwirkungen und zu prüfende Therapieergebnisse fehlen regelmäßig.

„Es muss verhindert werden, dass Patienten aufgrund von Informationsdefiziten zu Schaden kommen“, sagt Barmer-Chef Professor Dr. Christoph Straub. Das will seine Kasse mit dem neuen Projekt TOP bewirken. Das soll eine sektoren­übergreifende Behandlung digital unterstützen. Bewährt es sich nach vier Jahren Erprobung, kommt es für die Regelversorgung in Betracht.

Die Kasse kündigt an, bei TOP den behandelnden Ärzten in 15 beteilig­ten Kliniken, alle relevanten Informationen zur Verfügung zu stellen, sofern die Patienten das möchten. Dazu gehören Vorerkrankungen und eine Liste aller verordneten Arzneimittel. Im Krankenhaus werden die Ärzte von Apothekern unterstützt. Empfehlungen von medizinischen Fachgesellschaften, koordiniert von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, sollen bei schwierigen Entscheidungen helfen.

Auch KVen, Apothekerkammern und -verbände sind an dem Projekt beteiligt. Die Patienten können ihren Medikationsplan über eine App selbst abrufen. Eine Verknüpfung mit der künftigen elektronischen Patientenakte soll möglich werden.

Mit den Hausärzten soll die Therapie der Polypharmazie-Patienten abgestimmt werden. Sie erhalten u.a. elektronischen Zugriff auf die Therapieempfehlungen der Klinik.

Quelle: Pressekonferenz der Barmer

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