Triage am Tresen: Modell der koordinierten Inanspruchnahme entlastet Notaufnahme erheblich

Niederlassung und Kooperation Autor: Dr. Anja Braunwarth

Dr. Peter-Friedrich Petersen (l.): Spitze des Eisbergs in der ZNA ist gekappt. © Klinikum Höchst

Mit Dauerknieschmerzen mal eben in die Notaufnahme, weil es gerade so gut passt? So etwas funktioniert im Klinikum Frankfurt Höchst nicht mehr. Hier entscheidet qualifiziertes Personal vorab, wer wirklich eine Notfallbehandlung braucht und wer zum Bereitschaftsdienst kann.

Notaufnahmen überlastet, System vor dem Kollaps, Kliniken schlagen Alarm: Diese und ähnliche Schlagzeilen liest man in den vergangenen Jahren immer häufiger. Wie sich dieses Problem durch eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Klinik und kassenärztlicher Vereinigung (KV) deutlich eindämmen lässt, zeigt das „Höchster Modell“.

Ersteinschätzungsbogen bahnt den weiteren Weg

Das Klinikum Frankfurt Höchst ist nach der Universitätsklinik das zweitgrößte Krankenhaus der Stadt. Es versorgt jährlich mehr als 37 000 stationäre und 100 000 ambulante Patienten aus einem großen Einzugsgebiet, darunter über 40 000 Notfälle. Seit vor acht Jahren ein großer ärztlicher Bereitschaftsdienst in einem nahegelegenen Stadtteil geschlossen hat, lief die Notfallambulanz noch voller als vorher, berichtet Dr. Peter-Friedrich Petersen, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme (ZNA).

Auf der Suche nach Abhilfe nahm die Idee einer koordinierten Inanspruchnahme, sprich einer Zusammenarbeit zwischen Klinikum und Kassenärztlicher Vereinigung, immer mehr Gestalt an. Im Oktober 2017 war es dann so weit, das Modell ging an den Start.

Koalitionsvertrag verspricht hessenweite Einführung

Das Höchster Modell der Steuerung ambulanter Notfallpatienten wurde im Dezember 2018 in den Koalitionsvertrag der zweiten schwarz-grünen Landesregierung aufgenommen. Hier heißt es: „In der sektorenübergreifenden Notfallversorgung orientieren wir uns am Höchster Modell – bei dem in der Notaufnahme des Krankenhauses entschieden wird, ob die Patientinnen und Patienten im Krankenhaus verbleiben oder zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst bzw. zu einer durch die Kassenärztliche Vereinigung vermittelten Partnerpraxis weitergeleitet werden – und werden dieses bis Ende der Legislaturperiode flächendeckend einführen.“

Konkret sieht das so aus: Zu Fuß kommende Patienten ohne Einweisung oder einem Arbeitsunfall werden zunächst an einem zentralen Tresen von einer qualifizierten medizinischen Fachkraft begutachtet. Anhand eines Erst­einschätzungsbogens wird dann entschieden, ob der Patient ein Fall für die Notaufnahme oder einen niedergelassenen Arzt ist. Trifft Letzteres zu, verweist die ZNA an eine der zahlreichen Partnerpraxen in der Umgebung, die an dem Projekt mitwirken. Außerhalb der üblichen Sprechzeiten der Praxen* übernimmt der – im Klinikum ansässige – ärztliche Bereitschaftsdienst.

Das Konzept hat deutliche Auswirkungen auf die ZNA. „Wir verzeichnen dort seitdem etwa 30 % weniger ambulante Fälle“, sagt Dr. Petersen. Aber immer noch genug: Im Jahr 2018 lag die Zahl der hier versorgten Patienten bei insgesamt 43 700, ca. 13 000 landeten beim ärztlichen Bereitschaftsdienst.

Auffallend auch: In der ZNA gibt es eine Verschiebung hin zu kränkeren Patienten, wie es in einer Notaufnahme ja auch sein sollte. „Es ist uns auf elegante Weise gelungen, die Spitze des Eisbergs in der ZNA zu kappen und wir haben die Krawalle weg, die sonst wegen langer Wartezeiten herrschten“, so der Kommentar des Kollegen. Finanziell und personell gab es bislang keine wesentlichen Auswirkungen für das Krankenhaus.

Die Rate der Fehlentscheidungen liegt bei etwa 4 %, oft handelt es sich um Wunden. Doch die falsche Zuweisung erfolgt eher in Richtung Klinikambulanz, d.h., es wird eher zu vorsichtig als zu leichtsinnig ausgewählt.

Partnerpraxen werden viel zu selten in Anspruch genommen

Das Modell erhielt für zwei Jahre eine Förderung des Hessischen Gesundheitsministeriums, alle Beteiligten wünschen aber jetzt schon dringend, dass es weitergeht. „Die mögliche Finanzierung ist aber noch nicht spruchreif“, sagt Karl Roth, Pressesprecher der KV Hessen. Davon abgesehen befinden sich durchaus schon ähnliche Projekt auf Landesebene „im Kopf“. Schließlich haben alle gemerkt, dass das Projekt richtig gut läuft.

Sorgen bereitet allerdings noch das Partnerpraxensystem, das viel zu selten in Anspruch genommen wird. Darüber beschweren sich auch die betroffenen Ärzte selbst, manche von ihnen haben noch keinen einzigen aus der Klinik zugewiesenen Patienten gesehen.

Ein 24-Stunden-Bereitschaftsdienst im Krankenhaus selbst steht aber nicht zur Debatte. Laut Dr. Petersen würde er sich nicht rentieren. Ganz davon abgesehen wüsste niemand, woher man die dafür notwendigen Ärzte bekommen sollte, ganz zu schweigen von deren Bezahlung, betont Roth.

* Mi. und Fr. ab 14, sonst ab 19 Uhr bis Mitternacht, am Wochenende und feiertags 9–24 Uhr.