Krankenkasse testet mit Diabetespraxis das elektronische Rezept

Verordnungen Autor: Antje Thiel

Beim eRezept geht es jetzt schnell. Die Apotheken sind in den Startlöchern, die Politik freut sich. © iStock/alvarez

Ein Meilenstein bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen ist das elektronische Rezept. Als Pflichtanwendung der elektronischen Gesundheitskarte soll es bis Mitte nächsten Jahres verfügbar werden. Auf regionaler Ebene geht es zum Teil schneller voran.

Die Techniker Krankenkasse (TK) in Hamburg hat beim eRezept das Planungsstadium mittlerweile hinter sich gelassen. Sie erprobt den Praxisbetrieb. Im Hamburger Stadtteil Wandsbek können seit einigen Monaten Patienten einer großen Diabetespraxis ihre Verordnungen als eRezepte auf ihre Smartphones erhalten. Als chronisch Kranke benötigen sie regelmäßig Folgeverordnungen für Insulin und andere Diabetesmedikamente.

Dr. Frank Verheyen, Arzneimittelexperte bei der TK, erklärt: „Wir haben für unser Pilotprojekt bewusst eine Diabetespraxis als Kooperationspartner ausgewählt. Die Patientinnen und Patienten solcher Praxen benötigen häufig Rezepte, für die nicht zwingend ein Arztbesuch erforderlich ist.“

Das Angebot muss technisch niedrigschwellig sein

Grundlage des Projekts ist ein Vertrag nach § 140a SGB V (besondere Versorgung), in den sich interessierte Patienten aktiv einschreiben müssen. Sie können sich dann bei jeder Verordnung aufs Neue zwischen Papier- und eRezept entscheiden. Für das eRezept benötigen sie nicht mehr als ein gängiges Smartphone, auf das sie die App „LifeTime“ herunterladen. „Das Ganze muss technisch niedrigschwellig sein“, betont Dr. Verheyen.

Die Arztpraxis wiederum benötigt eine Programmerweiterung für ihre Praxissoftware. Geht eine Bestellung für ein eRezept ein, werden die Daten in einem QR-Code verschlüsselt, der zusammen mit einem Bild des Rezepts ans Smartphone des Patienten geschickt wird. „Das Bild des Rezepts wäre technisch gesehen nicht nötig“, erklärt Dr. Verheyen, „doch in Workshops äußerten die Patienten explizit den Wunsch danach. Sie möchten selbst sehen können, was ihnen verschrieben wurde, nicht nur einen kryptischen Code.“

Den Code können die Patienten vorab online an die teilnehmenden Apotheken schicken und auf diese Weise sicherstellen, dass die benötigten Medikamente beim Abholen vorrätig sind. „Der QR-Code öffnet der Apotheke einen sicheren VPN-Tunnel direkt in die Praxissoftware des verschreibenden Arztes und zum hinterlegten Rezept“, erklärt Dr. Verheyen. Allerdings sei noch unklar, ob man diese technische Lösung langfristig nutzen werde, „das hängt auch von den Vorgaben der Gematik ab“.

In kleinem Rahmen Erfahrungen mit dem eRezept sammeln

Doch die genaue technische Ausgestaltung steht für die Krankenkasse auch gar nicht im Mittelpunkt des Projekts. Vielmehr will man in kleinem Rahmen Erfahrungen mit dem eRezept sammeln. „Es geht uns hierbei nicht um große Skaleneffekte, sondern um Erfahrungswerte. Wir wollen sehen, welchen Mehrwert das eRezept für die Patienten, Arztpraxen und Apotheken hat“, sagt der TK-Experte. Man strebt eine Zahl von einigen Hundert Versicherten an, die über das Diabetes-Zentrum Wandsbek am Projekt teilnehmen. „So können wir valide Erkenntnisse jenseits von zufälligen Effekten erzielen und das Projekt gleichzeitig klein und überschaubar halten.“

GERDA: Das Modellprojekt fürs eRezept im Südwesten

Auch in Baden-Württemberg startet ein Pilotprojekt zum eRezept – im Rahmen des von der KV initiierten Telemedizin-Projekts Docdirekt. Teilnehmende Ärzte aus dem Raum Stuttgart können ab November 2019 nach einer telefonischen oder Videochat-Beratung das eRezept GERDA ausstellen. Das Akronym steht für „Geschützter E-Rezept-Dienst der Apotheken“. Ab Februar 2020 soll der Einsatz von GERDA in ganz Baden-Württemberg möglich sein. Für den Deutschen Apothekerverband gilt Docdirekt als Testlauf für GERDA, um die bundesweite Einführung des eRezepts voranzutreiben.

Zum überschaubaren Rahmen gehört auch, dass sich alle Beteiligten regelmäßig austauschen – die räumliche Nähe zwischen dem Diabetes-Zentrum und der TK-Zentrale in Hamburg macht es möglich. „In der digitalen Welt könnte ich das Projekt auch von Neu Delhi aus betreuen“, sagt Dr. Verheyen, „aber wenn man einander seit vielen Jahren persönlich kennt und zusammenarbeitet, erleichtert das ein gemeinsames Pilotprojekt doch ungemein.“

Von Konzert-, Flug- oder Bahntickets längst bekannt

Die ersten Erfahrungen im Praxisbetrieb sind positiv. „Unsere Versicherten nehmen das eRezept als Innovation wahr, die ihr Leben mit Diabetes erleichtert. Sie sind es auch in anderen Lebensbereichen gewohnt, QR-Codes auf dem Smartphone zu nutzen – ob nun bei Flug-, Bahn- oder Konzerttickets“, resümmiert der TK-Experte.

Aktuell können Patienten ihre eRezepte zwar nur bei den Partner-Apotheken vor Ort einlösen. Doch sobald das System ausgerollt wird, kommen weitere Vorteile zum Tragen – beispielsweise wenn ein Patient am Flughafen feststellt, dass er ein wichtiges Medikament nicht eingepackt hat. Er kann dann schnell ein Rezept in seiner Praxis anfordern, erhält den QR-Code aufs Smartphone und kann es noch in der Flughafen-Apotheke einlösen.

Moderner Service und von Vorteil für den Praxisablauf

Aber auch für das Diabetes-Zentrum bringt das eRezept klare Vorteile mit sich. Die Patienten melden sich mal persönlich, mal telefonisch und mal per E-Mail mit ihren Rezeptwünschen. Das bringt Unruhe in die Praxisabläufe. Mit dem eRezept hingegen kann die Praxis die Organisation der Verordnungen effizienter gestalten – und gleichzeitig mit modernem Service bei den Patienten punkten.