Arzt Dr. Göran Wild rechnet ab: 111 Gründe, kein Arzt zu sein

Rezensionen Autor: Dr. Anja Braunwarth

Der Mediziner würde den Beruf heute nicht mehr ergreifen. © iStock/Cimmerian; Schwarzkopf & Schwarzkopf Media GmbH

„111 Gründe, kein Arzt zu sein“: So lautet der Titel des Buches von Dr. Göran Wild. Der Unfallchirurg liefert damit eine äußerst unterhaltsame Lektüre, die den Finger in viele Wunden legt.

Vom Studium über die Assis­tenzzeit in der Klinik hin zur Niederlassung, den Patienten und dem Gesundheitssystem – der Parcours von Dr. Wild lässt keinen Bereich des Medizinerlebens aus. Die Idee zum Buch wurde langsam geboren. „Ich hatte immer öfter abends das Gefühl, es hätte ein schöner Tag sein können, wenn da nicht...“, berichtet der niedergelassene Kollege. Irgendwann kam ihm der Gedanke, den nervenden Kleinkram aufzuschreiben.

In einem halben Jahr das Buch geschrieben

Er rief beim Verlag an, der die Reihe „111 Gründe“ herausgibt, und fragte, ob eventuell Interesse bestünde. Der zeigte sich zunächst skeptisch. Dr. Wild überzeugte aber schließlich mit dem Argument, es gäbe doch schon „111 Gründe, Arzt zu sein“, da müsste es doch Platz für ein Contra geben. In jeder freien Minute setzte er sich danach – ohne Ghostwriter – an seine Aufzeichnungen, und nach etwa einem halben Jahr hielt er das Buch in den Händen.

Sein Vater, Gründer der Praxisklinik, in der der Sohn tätig ist, war zunächst voller Sorge, dass das Manuskript Auswirkungen auf die tägliche Arbeit hätte. Andererseits war Dr. Wild senior selbst lange krank und fühlte sich dem System hoffnungslos ausgeliefert. „Mein Vater musste viel Zeit im Krankenhaus verbringen und sagte immer, wenn man eine Ahnung davon hat, was da vor sich geht, ist es noch schlimmer, Laien können froh sein, dass sie vieles nicht wissen“, so der Junior. Und so zeigte sich der Vater letztlich doch mehr gespannt als ängstlich auf das Werk seines Sohnes.

Keine Kritik von Patienten, eher Signierwünsche

Tatsächlich erlebt Dr. Göran Wild durchweg positive Reaktionen. „Die Patienten finden es alle gut, keiner hat es bis jetzt kritisiert und mindes­tens ein bis zwei pro Tag wünschen, dass ich ihnen das Buch signiere.“ Von Kollegen in Leipzig kam bisher keine Reaktion und lediglich bei Amazon finden sich zwei negative Bewertungen. Damit kann der Unfallchirurg gut leben.

Wir haben für Sie eine Auswahl provokanter Thesen von Dr. Wild zusammengestellt:

„Ärzte denken, sie setzen die Natur außer Kraft.“

Immer mehr greift der Wahn um sich, neue Dinge zu entwickeln, z.B. um Heilungszeiten zu verkürzen. Bestes Beispiel: die Sportmedizin. Faszientherapie, Mitochon­driale Regeneration, Magnetfeldtherapie etc. sprießen da aus dem Boden. Doch nichts davon wird dazu führen, dass ein Sportler mit Kreuzbandverletzung nur einen Tag eher wieder einen Ball tritt.

„Patienten geben für ihre Haustiere mehr aus als für sich selbst.“

Für Hund, Katze und Auto wird bereitwilliger Geld locker gemacht als für das eigene Leben. Die Leistungen des Gesundheitswesens haben bitteschön umsonst zu sein. Aber immerhin: Für ein paar IGeL rücken manche jetzt doch schon kleine Scheinchen raus.

„Privatpatienten haben nicht nur Vorteile.“

Bei Privatpatienten kann man davon ausgehen, dass sie voll im Berufsleben und oft auch in höherer Position stehen. Ihre Wichtigkeit betonen sie aber dann gerne auch schon am Tresen der Praxis. Dazu kommt: Bei den privaten Kassen gab es in den letzten Jahrzehnten keine Anhebung der Honorare, es gibt also oft kaum noch einen Unterschied zum Honorar für Kassenpatienten.

„Man muss stets loben.“

„Chef, waren wir nicht gut heute, sie können ruhig mal danke sagen“, das hört man heute zum Feierabend. Es ist 18 Uhr, es gab keine Überstunden, keine schweren Fälle, niemand wurde angebrüllt, also der Arbeitsvertrag wurde einfach erfüllt. Aber Lob hat große Konjunktur, also kein Wunder, dass Kinder ohne tägliche Würdigung später alle am Burn-out erkranken.

„In diesem Beruf ist die Dichte an Profilneurotikern einfach zu hoch.“

Beispiel Kongresse, auf denen sich alle gegenseitig beweihräuchern und für ihre Studien loben, die ja in Wirklichkeit von schwitzenden Assistenten durchgeführt wurden. Beim Get-together werden die geschilderten erfolgreichen OPs immer größer.

„Anhebung der Sprechstundenzeiten führte nur zu Misstrauen und Missgunst.“

Finanziell ist es mir gar nicht möglich, weniger als 20 Stunden zu öffnen. Der Schnitt in den Praxen liegt bei 30 Stunden pro Woche. Das Bösartige an der Idee, mit einer Anhebung auf 25 Stunden mehr Termine zu schaffen, ist, dass nach der monatelangen Diskussion jeder Bürger denkt, dass die Ärzte nur 20 Stunden für ihr vieles Geld arbeiten.

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