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Corona-Antikörpertests: IGeL-Information von Hausärzten in der Kritik

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Von wegen absolut sicher: Bei den Corona-Antikörpertests scheitert es an der schlechten Aufklärung. Von wegen absolut sicher: Bei den Corona-Antikörpertests scheitert es an der schlechten Aufklärung. © Maksim Šmeljov – stock.adobe.com
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Nach einem pandemiebedingten Durchhänger im Frühjahr legen die IGeL jetzt wieder zu. Auch Corona-Antikörpertests wurden offenbar als Geschäftsfeld erkannt. Der Medizinische Dienst moniert allerdings: Auf Risiken und Nebenwirkungen der Selbstzahlerleistungen weisen Ärzte nicht ausreichend hin.

Der IGeL-Report 2020 hat zwei Teile: die reguläre Übersicht zum Angebot Individueller Gesundheitsleistungen (IGeL) sowie einen Überblick zu SARS-CoV-2-Antikörpertests als privat zu zahlende Leistung. Laut Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbandes (MDS), ist der IGeL-Markt seit 2018 explodiert. Die Top-10 der am meisten verkauften IGeL blieben allerdings nahezu unverändert.

„An der Spitze stehen nach wie vor die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt und der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung – bei beiden überwiegt der mögliche Schaden den Nutzen“, so Dr. Pick. Vorne mit dabei ist auch der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs, den der IGeL-Monitor des MDS ebenfalls kritisch bewertet.

Weitere Kritik leitet Dr. Pick ab aus auf einer Umfrage unter 20- bis 69-Jährigen zur Aufklärung und Information in der Arztpraxis, ab. Die Regeln hierzu gingen aus dem Patientenrechtegesetz, dem Bundesmantelvertrag-Ärzte sowie aus einer Empfehlung von Bundesärztekammer und KBV hervor. Beachtet würden sie dennoch nicht von allen Ärzten.

IGeL-Aufklärung lückenhaft

  • Nur 57 % der Befragten waren schriftlich über die Kosten informiert worden.
  • Nur 49 % haben vor der Leistung unterschrieben, dass sie die IGeL möchten.
  • Bei 49 % der Befragten wurde die IGeL positiver als die Kassenleistungen dargestellt.
  • 19 % erklärten bei der Entscheidung für oder gegen eine Selbstzahlerleistung zeitlich unter Druck gesetzt worden zu sein.
  • In 12 % der Fälle wurde eine Behandlung nach Kassenleistung vom vorherigen Kauf einer IGeL abhängig gemacht.

Quelle: IGeL-Report 2020

Dies betont Dr. Pick insbesondere wegen der Antikörpertests zu COVID-19, die zunehmend in Praxen offeriert werden. „Es ist notwendig, auf die Unsicherheit und begrenzte Aussagekraft dieser Tests hinzuweisen“, mahnt der MDS-Geschäftsführer. Patienten dürften sich nicht in falscher Sicherheit wiegen und auf die notwendigen Vorsorge- und Schutzmaßnahmen verzichten.

26 von 50 Praxen bieten Antikörpertest als IGeL an

Die Kritik des MDS richtet sich konkret gegen Hausärzte. Der IGeL-Monitor hat anhand der Angebote auf Praxiswebseiten den Umgang mit Antikörpertests genauer beleuchtet. Bei der letzten Recherche Ende Juli zeigte sich, dass 26 von 50 Praxen einen Antikörpertest anbieten, berichtet Dr. Michaela Eikermann, MDS-Bereichsleiterin „Evidenzbasierte Medizin“. Nur zwei der 50 Praxen lehnten solche Tests explizit ab. Für den Labortest werden zwischen 20 und 52 Euro verlangt, hinzu kommen meist noch Kosten für Blutabnahme und Beratung.

Problematisch findet die MDS-Mitarbeiterin, wie manche Ärzte Antikörpertests online anpreisen. So heiße es in zwei Beispielen:

  • „Wir verfügen über einen Corona-Antikörper-Schnelltest. Dieser, aus einem Tropfen Blut gewonnene Test zeigt auf, ob Sie bis ca. 10 Tage zuvor eine Corona-Infektion durchgemacht und Langzeit-Antikörper entwickelt haben. Beschrieben ist eine Zuverlässigkeit des Nachweises von Langzeit-Antikörpern von fast 100 %.“
  • „[Der Test] ist schnell (Ergebnis nach ca. 10 Min.) und hat im Gegensatz zu privat erhältlichen Abstrichtests eine Genauigkeit von 98,6 % ... Zu Ihrem Wohl, Ihrer Gewissheit und auch dem Wohle und der Gewissheit aller. Denn sobald das menschliche Immunsystem Antikörper gegen das COVID-19-Virus gebildet hat, kann eine erneute Infektion so gut wie ausgeschlossen werden ...“

Eine solche Darstellung sei irreführend, so Dr. Eikermann. Robert Koch-Institut, WHO und DEGAM rieten aufgrund der Unsicherheit der Tests übereinstimmend von Schnelltests ab. Patienten in die Verantwortung zu nehmen, sich „zum Wohle und der Gewissheit aller“ einem Antikörperschnelltest zu unterziehen, sei zudem mehr als fragwürdig.

Keine Gesamtbewertung wegen unzureichender Daten

Sieben systematische Übersichtsarbeiten und 37 Studien hat das Team des IGeL-Monitors zu Antikörpertests identifiziert. Eine diagnostische Sicherheit von 100 % würden diese nicht belegen, so Dr. Eikermannn. „Da es sich um ein aktuell stark beforschtes Thema handelt, zu dem in schneller Folge neue Erkenntnisse veröffentlicht werden, haben wir uns entschlossen, keine Gesamtbewertung abzugeben, sondern die aktuelle Evidenz darzustellen. Wichtig ist es uns aber, über die Interpretation der Testergebnisse zu informieren.“

Laut der aktuellen MDS-Befragung wurde ein Drittel der per IGeL Getesteten nicht über die Unsicherheit aufgeklärt, die mit dem Ergebnis eines Corona-Antikörpertests einhergeht. Die Information, dass trotz eines positiven Testergebnisses die Möglichkeit besteht, noch nicht erkrankt gewesen zu sein, fehlte bei 40 % der Getesteten. Jeweils etwa ein Viertel der Befragten gab an, keinen Hinweis erhalten zu haben, dass unklar ist, ob es eine Immunität gegen das Coronavirus gibt bzw. wie lange diese anhält.

Quelle: Pressekonferenz des MDS


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