Da wird aus Sturzsenkung mal eben Sturzneigung

Kolumnen Autor: Dr. Frauke Gehring

Patienten, die Arztbesuche als Freizeitbeschäftigung pflegen, nerven – und behindern die Versorgung „echter“ Erkrankungen. © iStock/Photodjo; MT

Die Krankenhäuser sind voll. Kein Wunder, dass das Klinikpersonal im Stress ist. Die Akkordarbeit führt zu mitunter abenteuerlichen Arztbriefen.

Die alte Dame schien gar nicht begeistert. Wackelig war sie auf den Beinen, blass um die Nase, und nun kriegte sie von uns auch noch gesagt, dass sie ins Krankenhaus müsse. Ihre Blutsenkung erreichte Höhen, die Malignes vermuten ließen. Und für die notwendige Spiegelung wollten wir sie doch lieber einweisen. So eine Koloskopievorbereitung ist für eine alte, alleinstehende Dame nicht ungefährlich. „Sturzsenkung“ stand auf der Einweisung, und die Bitte um Abklärung.

Schon zwei Tage später war sie wieder da: „Sie haben nichts Besonderes gefunden!“, sagte sie, und sah dabei immer noch blass um die Nase aus. „Das ging aber schnell!“, staunte ich, während ich den Arztbrief überflog. Ich war ja gewohnt, dass meine Patientinnen und Patienten immer schnell wieder nach Hause geschickt wurden, aber dies war nun doch übertrieben. „Abklärung Sturzneigung“ las ich nun, und vom wenig überraschenden Ergebnis: „Nichts Pathologisches gefunden.“ Sturzneigung? Ich hatte die Patientin doch wegen Sturzsenkung eingewiesen! Rein in die Klinik, raus aus der Klinik: Augenscheinlich gab es nicht einmal mehr Zeit, den Einweisungsgrund richtig zu lesen.

Ist Sturzneigung eigentlich ein Einweisungsgrund in die Innere? Versucht man es damit nicht besser in der Geriatrie oder Neurologie? Wie auch immer: „Leider muss ich Sie noch einmal ins Krankenhaus zurückschicken“, eröffnete ich der entgeisterten Patientin und ihrer Tochter. 24 Stunden später lag sie wieder im (erbettelten) Krankenhausbett, und ich wagte nicht mir vorzustellen, was dieses Vorgehen in der alten Dame für Verwirrung gestiftet hatte.

Ja, das Drehtürprinzip! In unsere Sprechzimmer humpeln frisch am Meniskus Operierte auf Gehstützen, Bauchoperierte mit noch offenen Wunden und noch Kränkere. Neulich zog ich nach einer Schulter-OP eine Redon-Drainage, die in der Eile der Entlassung übersehen worden war. Herzinsuffiziente werden einmal durch den Gerätepark geschleust, mit Medikamenten versorgt und wieder entlassen. Das waren noch Zeiten, als die Dekompensierten in ein, zwei Wochen auf die Beine kommen durften. Tempi passati, nun treffe ich sie nach drei Tagen Klinikaufenthalt japsend an der Supermarktkasse.

Manch einer geht dann bald wegen erneuter Dekompensation retour. Aber auch rasch entlassene chirurgische Patienten sehen wegen ihrer massiven postoperativen Knieschwellung oder Wundinfektion schnell das Krankenhaus von innen wieder.

Wer ist Schuld an dem Dilemma? Die Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus sicher nicht, die beugen sich den DRGs und wünschen sich eine geringere Arbeitsverdichtung. An ihren Arztbriefen kann man das unschwer erkennen, wenn Diagnosen (oder ganze Briefe) vertauscht, wichtige Medikamente vergessen oder Angaben nicht gemacht werden, wie es nun eigentlich weitergehen soll.

Wer früher im Krankenhausbett genesen konnte, liegt heute lange zu Hause, versorgt von Pflegedienst, Familie und Hausarzt. Manch ein Angehöriger ist damit so überfordert, dass er die alte Großmutter oder den gebrechlichen Vater im Wochentakt durch den Notarzt einweisen lässt, um ihn ein, zwei Tage später wieder retour zu kriegen.

Rein und raus gehen aber noch andere, die mir weniger Leid tun: Der Alkoholkranke, der im Wochentakt sturzbetrunken mit dem Notarztwagen als „hilflose Person“ eingeliefert wird. Der Hypochonder, der monatlich eine neue gesundheitliche Katastrophe ahnt und sich selber einweist. Der Chroniker, der nichts von Tabletten hält, sie gerne mal weglässt und dann regelmäßig dekompensiert – ob mit Herz, Blutdruck oder Blutzucker. Da sind mir doch die Tapferen, die nur zum Arzt gehen, wenn sie den „Kopp unterm Arm haben“, irgendwie lieber!