Der Mensch ist, was er misst

Kolumnen Autor: Dr. Jörg Vogel

Das Minimum liegt bei zwei Messungen pro Tag, das Maximum scheint noch steigerungsfähig. © Fotolia/Rawpixel.com

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Kollektive RR-Kontrolle darf auf keiner Party fehlen.

Wenn im Herbst die Natur ihren wohlverdienten Schönheitsschlaf beginnt, gilt das keineswegs für den Menschen. Er ist unverändert aktiv. Insbesondere der ältere Deutsche gleicht nun die fehlende Gartenarbeit durch Selbstvermessung und Arztbesuche aus. Was soll man auch machen in einem so langen und trüben November wie diesem? Also bekommt man als Hausarzt tagtäglich ellenlange Blutdruckmessreihen vorgelegt.

Die geistig agileren Senioren fertigen kunterbunte Excel-Tabellen an. Darauf zusätzlich festgehalten: außergewöhnliche Ereignisse mit Blutdruckrelevanz in Diagrammform, Medikamentenbedarf und -bestand nebst Ablaufdatum sowie Auffälligkeiten im Beipackzettel. Nur die Einnahme von alkoholischen Getränken bleibt unerwähnt. Die anderen liefern handschriftliche Dokumentationen ihres Blutdrucks auf Stapeln loser Zettel, in heimlich und unheimlich besorgten Blutdruckpässen der Pharmaindustrie oder in einer Kladde aus Uropas Zeiten. Für den Blutdruck ist sie allemal noch gut!

Die tägliche Anzahl der Messungen variiert von Mensch zu Mensch und ist auch abhängig von Gerätetyp und Batteriehaltbarkeit. Das Minimum liegt bei zwei Messungen pro Tag, das Maximum scheint sogar noch steigerungsfähig zu sein. Neulich legte eine Patientin ein Protokoll vor: drei Messungen pro Stunde, von 6 bis 23 Uhr, über sieben Tage. Selbst am Tage ihres Termins bei mir, um acht Uhr morgens, schaffte sie vorher noch sechs Messungen. Dabei maß sie sich selbst des Öfteren in die Krise, nach dem Motto: „150/80 – das kann doch nicht sein.“

Einige schaffen es auf diese Weise immer wieder bis in die Notaufnahme unseres Krankenhauses. Dann kommen sie mit völlig umgestellten Medikamenten zurück und haben nun eine neue Motivation: weiterzumessen. Mindestens genauso großes Ansehen wie der Blutdruck genießt der Puls. Überschreitet er die Siebzig, wittert man Gefahr. Schlägt er gar – insbesondere bei Handgelenksblutdruckgeräten – noch kurzzeitig unregelmäßig, sogar Lebensgefahr.

Bei mehreren meiner ziemlich beleibten Damen spielt der Puls vor allem nachts verrückt. Die meist dahintersteckende logische Ursache wollen sie jedoch nicht hören – dass nämlich der vollgegessene Magen samt dem schon vorhandenen „hohen Leib“ nach proximal fällt und den Thorax zusammendrückt, bis Herz und Lunge förmlich unter Platzangst stöhnen. Dasselbe passiert tagsüber auch beim Haushalten und Treppensteigen. Manche dieser Patientinnen haben sich regelrecht selbst „eingemauert“.

Auch die Jugend misst emsig mit. Ein junger Mann berichtete neulich begeistert von einer kollektiven Blutdruckmessung auf dem dreißigsten Geburtstag seines Freundes. Es gab zwar keinen ersten Preis, dafür aber stundenlang Gesprächsstoff über allerlei Krankheiten, die mit Blutdruck und Puls einhergehen. Ein gewisser Doktor Google war auch mit dabei.

Selbstverständlich bin ich nicht generell gegen häusliches Blutdruckmessen. Bei Patienten mit „Weißkittelhochdruck“ – und das sollen ja gut 30 % aller Hypertoniker sein – ist diese Art der Selbstkontrolle beinahe essenziell. Nur wenn es zum Breitensport wird, dann finde ich es bedenklich. Ich frage mich so manches Mal: Haben die Deutschen keine anderen Probleme?

Neulich hatte ich eine blendende Idee. Ich kaufte kräftig ein und entwarf ein Poster fürs Schwarze Brett: „Tausche Schrittzähler gegen Blutdruckmessgerät – laufen Sie ihrem Blutdruck davon!“ Der Erfolg dieser Praxisaktion sprach für sich. Seitdem besitze ich eine große Kiste mit Schrittzählern, aber kein einziges zusätzliches Blutdruckmessgerät. Es ist halt ein langer, trüber November.