Erholsamen Urlaub kennen wir Ärzte nicht

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Als Arzt mal vollständig frei haben – meist ein Wunschtraum. © exclusive-design – stock.adobe.com; MT

Ob Erholung oder Abenteuer – der Urlaub sollte vom Alltag ablenken. Das gilt auch für Mediziner. Doch so einfach ist es nicht.

Bis zum Horizont ein Strand mit weißem Sand. Glitzerndes Wasser. Ein blauer Himmel, an dem sich nur die bunten Drachensegel der Surfer tummeln. Keine Wolke, nicht einmal ein Wölkchen. Traumhaft!

Nein, das ist leider nicht mein derzeitiger Aufenthaltsort, sondern ein wunderschöner glänzender Prospekt aus dem Reisebüro, den ich mir zur Ablenkung in mein Krankenbett geholt habe. Mich hat’s erwischt! Nach vielen Jahren ohne schweren grippalen Infekt hat es einer meiner lieben kleinen Patienten oder vielleicht sogar mein Enkel höchstpersönlich geschafft, mir einen typischen Kindergarteninfekt „anzuhängen“. Und da ich schon ein bisschen über das Kindergartenalter raus bin, hat es mich eben richtig gebeutelt: Fieber, Kopfschmerzen, extreme Müdigkeit, Muskelschmerzen, widerliche stechende Halsschmerzen und Schnupfen mit Sekreten aus allen Nasennebenhöhlen. Einfach scheußlich! Während mein Enkel außer einer Rotznase keine schwerwiegenden Symptome herumträgt.

„Was ein Glück“, sagte meine Freundin am Telefon, „dass Du jetzt sowieso Urlaub hast und die Praxis zu ist.“ Na, die kann leicht reden. Sie hat einen Partner in der Praxis, und wenn sie krank ist, kann sie nach Absprache mit ihm zu Hause bleiben. Zu meinem Kranksein mit allen unangenehmen Symptomen kommt auch noch der Ärger über die versäumten Urlaubstage, die ich auch lieber am weißen Strand beim Baden oder Spazierengehen zugebracht hätte. Und der Neid auf die komfortable Situation, in der meine Freundin lebt.

Für glückliche Urlaubsgestaltung haben wir Ärzte und Ärztinnen offenbar häufig kein Händchen. Kennen Sie nicht auch solche Beispiele? Ich denke da an eine liebe Kollegin, die viele Jahre nach einer fiesen Trennung und Scheidung einen neuen Mann kennenlernte und – ruck, zuck – mit ihm in den Urlaub nach Australien verschwand. Nach dreieinhalb Wochen kam sie zurück, völlig verschrammt und zerbeult. Nein, keine Gewalt in der Beziehung! Ihr neuer Partner war begeisterter Kite-Surfer und sie sollte und wollte in diesem Urlaub lernen, die Wellen und das Brett und das Segel zu beherrschen! Was nicht ohne Blessuren abging – ich bewunderte ihre Leidensfähigkeit im Stillen.

Mir fällt außerdem ein Kollege aus meiner psychiatrischen Klinikzeit ein, der mir immer vom Drachenfliegen vorschwärmte. Ich durfte dann als ziemlicher Neuling monatelang die gemeinsame Station betreuen, weil er sich mehrere komplizierte Knochenbrüche zugezogen hatte. Ich habe viel gelernt in diesen Monaten, zweifellos, aber so richtig dankbar war ich ihm doch nicht. Und dann denke ich an den Kollegen, der auf die Methode „Raus aus der Praxis, rauf auf den Berg“ schwor und nach einem Sturz mit einer Commotio cerebri zunächst bei der Arbeit ganz ausfiel und dann monatelang wegen seiner Kopfschmerzen keine Dienste machen konnte.

Irgendwie erscheint mir das alles nicht so überzeugend, was die Erholung von uns Ärzten und Ärztinnen und die Urlaubsfreuden betrifft. Müssen wir immer etwas Besonderes machen? Leistung bringen? Auf jeden Fall ist mein Urlaub im Krankenstand alles andere als unfallträchtig. Aber wann kriege ich es mal wieder so hin, dass es mir geht, wie einem Patienten meiner Praxis, der wegen einer schweren Depression in Behandlung ist. Auf meine Frage, wie denn sein Urlaub war, lehnte er sich entspannt zurück, lächelte und sagte ruhig: „Mir geht es so gut wie schon lange nicht mehr.“ Wann schaffen wir das?