Hausärzte, Diabetespraxen und Psychotherapeuten besser vernetzen

Gesundheitspolitik Autor: Antje Thiel

Die Begeitung von Patienten mit Diabetes erfordert eine enge Zusammenarbeit von Hausarzt, Diabetespraxis und Psychotherapeut. Die Begeitung von Patienten mit Diabetes erfordert eine enge Zusammenarbeit von Hausarzt, Diabetespraxis und Psychotherapeut. © iStock/Chatchai Limjareon
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An die Stelle des HbA1c-Werts als einzig relevantem Parameter treten in der Diabetestherapie zunehmend multimodale Ziele wie Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen und psychosoziales Management. Das erfordert eine enge Kooperation von Hausarzt, Diabetespraxis und Psychotherapeut.

Genau an den Schnittstellen läuft es nach Einschätzung des Jeanaer Diabetologen Dr. Marin Reuter allerdings nicht rund. Zum einen seien die diabetologischen Schwerpunktpraxen regional sehr unterschiedlich verteilt; nicht überall hätten Menschen mit Diabetes Zugang zu ihnen.

Etwa 80 % der Patienten würden beim Hausarzt therapiert, der sie nur beim Nichterreichen der Therapieziele an die Diabetespraxis überweist. „Ich hingegen würde mir wünschen, dass auch Menschen mit Typ-2-Diabetes zumindest einmal nach der Diagnose zu uns die diabetologische Schwerpunktpraxis kommen, denn nur etwa die Hälfte aller Patienten sind bislang geschult“, sagte Dr. Reuter.

Für die psychosoziale Betreuung von Menschen mit Diabetes wiederum fehle es in der diabetologischen Schwerpunktpraxis häufig an Zeit, ausgebildetem Personal und auskömmlicher Finanzierung, kritisierte Dr. Reuter. Er plädierte für die Errichtung diabetologischer Kompetenzzentren, die gemeinsam mit Hausarztpraxen Schulungen anbieten. Sie sollten Ärzten, Diabetesberaterinnen und -assistentinnen eine psychosoziale Basisausbildung vermitteln und als Patienteninformations- bzw. Begegnungszentrum fungieren. Außerdem sollten sie therapeutisch mit allen relevanten Fachrichtungen zusammenarbeiten (Augenheilkunde, Neurologie, Kardiologie, Orthopädie, Chirurgie, Angiologie und Radiologie).

Eine vernetzte Begleitung könnte allerdings auch digital erfolgen, erläuterte Dr. Angela Smith. Sie leitet ein medizinisches Kompetenzzentrum zur Unterstützung des MDK bei der AOK Hessen.

Dr. Smith stellte die „Digitale Dia­betesstrategie 2020“ der AOK vor. Demnach erwarten Menschen mit Diabetes insbesondere in Orientierungs- und Umstellungsphasen digitale Angebote ihrer Krankenkasse. Die AOK reagiert hierauf mit der „Entwicklung einer digitalen Produktfamilie“ (www.aok.de/diabetes), die diabetesspezifischen Web-Content, einen Online-Coach für Menschen mit Typ-2-Diabetes und ein digitales Patiententagebuch umfasst.

Der Münchener Endokrinologe und Diabetologe Professor Dr. Rüdiger Dankwart konnte sich für das von Dr. Smith vorgestellte AOK-Modell allerdings nicht so recht begeistern: „Es gibt längst viele Absichtserklärungen, Leitfäden und Konzepte, warum muss trotzdem jede Kasse ihr eigenes Diabetesprogramm entwickeln?“

Kompetenzgerangel und politische Lethargie

Bereits 1989 hätten die Gesundheitsminister der Länder schriftlich zugesagt, die Ziele der St. Vincent Deklaration von Weltgesundheitsorganisation und Internationaler Diabetes Föderation umzusetzen. „Die Diabetologie hat geliefert“, betonte Prof. Dankwart und nannte ein paar Beispiele. So habe man viel Geld und Herzblut in die Entwicklung diverser Leitlinien gesteckt und im Rahmen der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten konkrete Ziele formuliert – etwa ein Tabakwerbeverbot, das Pflichtfach Gesundheit an allen Schulen, die tägliche Sportstunde in Kitas und Schulen, eine verständliche Nährwertkennzeichnung von Nahrungsmitteln, Trainings in Stressbewältigung, eine Fett- und Zuckersteuer sowie ein Ampelsystem für Lebensmittel. „Und alles, was dabei herausgekommen ist, ist der von Bundesministerin Klöckner widerwillig initiierte freiwillige Nutri­score!“, sagte Prof. Dankwart.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dietrich Monstadt ergänzte die lange Liste nicht umgesetzter Konzepte um die Nationale Diabetesstrategie, die zwar im Koalitionsvertrag verankert ist, aber seit einer halben Legislaturperiode nicht vorankomme, „weil Landwirtschaftsministerin Klöckner einfach nicht dieselbe Linie wie das Gesundheitsministerium vertritt“.

Doch neben Kompetenzgerangel und politischer Lethargie steht und fällt eine gute psychodiabetologische Versorgung natürlich auch mit einer angemessenen Finanzierung. Für die Münchener Psychotherapeutin Dr. Anke Pielsticker liegt der Schlüssel in der Integration psychosozialer Angebote in die Diabetes-DMP. Hier könnte das DMP Brustkrebs ebenso als eine Blaupause fungieren wie das vom Innovationsfonds geförderte NPPV-Projekt aus Nordrhein (nppv-nordrhein.de), das eine gestufte und koordinierte Versorgung von Menschen mit psychischen und neurologischen Erkrankungen sichern soll.

Strukturen vernetzen, Kompetenzen bündeln

Für den stationären Bereich plädierte der Psychologe Dr. Berthold Maier, Bad Mergentheim, für neue multimodale Komplexziffern, die bei der stationären Behandlung von Menschen mit Diabetes und psychischen Komorbiditäten abgerechnet werden können. Hier könnte die multimodale Schmerztherapie als Vorbild fungieren.

Professor Dr. Johannes Kruse vom Universitätsklinikum Gießen wiederum machte sich für das Modell der psychosomatischen Institutsambulanz stark, in der die Patienten multiprofessionell und interdisziplinär behandelt werden. Ein Rahmenvertrag sei bereits von der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem GKV-Spitzenverband unterzeichnet worden.

Alle Beteiligten waren sich einig, dass man Strukturen für die Vernetzung schaffen muss, in denen die Therapeuten zusammenkommen, ihre Kompetenzen bündeln und ihrem Versorgungsauftrag nachkommen können. Ob dies im Rahmen eines Modellprojekts, eines ambulanten Verbunds, eines stationären Angebots oder einer Institutsambulanz geschehe, sei letztlich sekundär: „Menschen mit Diabetes haben ein Anrecht nicht nur auf somatische, sondern auch auf psychosoziale Versorgung“, schloss Professor Dr. Bernhard Kulzer.

Zukunftstag Diabetologie der DDG

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