Jeder quatscht mal Quatsch

Kolumnen Autor: Dr. Jörg Vogel

Auf den Merkzettel gehören die Geheimwaffen Diät und Bewegung. © Aaron Amat – stock.adobe.com; MT

Wie gibt man dem Patienten das Gefühl, etwas besonderes zu sein? Wie wäre es mit einer außergewöhnlichen Diagnose?

In der Medizin wird manchmal Unsinn geredet, wenn der (Sprech-)Tag lang ist. Vereinzelt macht so etwas die Patienten sogar richtig stolz. So berichtete mir eine Frau, die wegen einer Pneumonie statio­när behandelt wurde, dass selbst der Chefarzt „so eine ausgeprägte Lungenentzündung noch nie gesehen hätte“.

Ich kann mir das nicht vorstellen. Man sollte doch meinen, dass so ein Chefarzt diesen Job schon eine ganze Weile macht und viele Pneumonien behandelt hat. Und die Patientin lag nicht auf der Intensivstation. Wozu dann diese Äußerung? Vielleicht dachte sich die Frau das aber auch aus, um mit „etwas ganz Seltenem“ bewundert zu werden. Es gibt ja immer mal Patienten, die ihre Krankheit regelrecht „pflegen“.

Vorsichtiger sind die ärztlichen Kollegen inzwischen mit Prognosen über Krankheitsdauer und Verlauf. Gott sei Dank! Denn so mancher Patient kam schon zu mir mit der Aussage: „Er hat mir noch ein halbes Jahr gegeben, und ich lebe immer noch!“ Das ist schön für den Patienten, aber irgendwie auch peinlich für uns Ärzte. Immer wieder ist die Natur für eine Überraschung gut. Positiv wie negativ. Deshalb sollten wir demütig bleiben, auch wenn wir noch so viel Erfahrung mit einem Krankheitsbild haben.

Fragwürdiges kommt auch aus der Physiotherapie. Ähnlich wie beim Friseur wird dort während der Behandlung wahrscheinlich viel erzählt und geschnattert. Meist noch vor dem Ende der Sechserserie erscheinen dann die Patienten bei mir mit immer der gleichen Aussage der Therapeutin: „Bei Ihnen ist ja alles noch total verklebt“ oder „Es ist alles noch unglaublich fest“.

Neulich erst schaute ich mir so einen Rücken noch mal an und dachte spontan: „Hey, die Frau hat ja Hosenträger an!“ Fehldiagnose meinerseits! Die Patientin war über und über mit bunten Tapes beklebt. Und siehe da, es stimmte: Darunter war alles fest. Hinter all dem leuchtet natürlich der Wunsch von Patient und Therapeutin durch nach einer Verlängerung der Behandlung trotz WS1a oder EX1a. „Ihnen wird schon was einfallen, Herr Doktor ...“

Nun wissen wir ja alle, dass die Heilmittel-Richtlinien in Wirklichkeit ein Physiotherapie-Begrenzungsgesetz darstellen. Sie drücken den (wirtschaftlich verständlichen) Wunsch der Krankenkassen aus, eben nicht jede Büro-Verspannung mit Dutzenden von Massagen zu bekämpfen. Vielmehr fordert es von den so „Verklebten“ auch mal Eigeninitiative, z.B. in Form einer Bewegungssportart nach Feierabend.

Insofern bin ich mit diesen Richtlinien im Grunde genommen einverstanden, zumal ich dadurch auch mal Nein sagen kann. Nur warum immer ich? Weshalb schicken mir die lieben Therapeutinnen, die ja diese Richtlinien auch kennen, häufig solche Leute? Weil sie die Guten sein wollen?

Was aus einer anderen Richtung – nämlich aus Apotheken – derzeit zu hören ist, klingt nicht nach Unsinn, sondern nach Wahnsinn. Selbst banale Medikamente wie Ibuprofen oder Metformin seien „im Moment nicht lieferbar“! Ja, wo leben wir denn? Oder aber: Wo leben wir denn bald nicht mehr? Und wirklich keiner hat eine schlüssige Erklärung für diesen Dauernotstand. Nicht mal unserem Minister scheint dazu etwas Gescheites einzufallen.

Selbstkritisch muss ich jedoch zugeben, dass auch ich mich schon dabei ertappt habe, Unsinn zu erzählen. Insbesondere an Montagen in der Grippezeit, wenn man sich in Form von immer gleichen Ratschlägen zur nicht-medikamentösen und Selbstkauf-Therapie regelrecht den Mund fusselig geredet hat. Was macht ein schreibender Arzt dann am besten? Er kritzelt alles auf Zettel, z.B. Diät-Grundsätze beim Magen-Darm-Infekt, und teilt diese an die Patienten aus. Bis es so viele Zettel sind, dass daraus ein Büchlein entsteht. Dann könnte man es wie Erich Kästner halten, der einst sinngemäß sagte: „Wer nicht hören will, muss lesen!“