Kammern treten Coronaleugnern innerhalb der Ärzteschaft entgegen

Gesundheitspolitik Autor: Anouschka Wasner

Einzelne Ärzte nehmen eine prominente Rolle bei den Protesten ein und beglaubigen damit Verschwörungstheorien. Einzelne Ärzte nehmen eine prominente Rolle bei den Protesten ein und beglaubigen damit Verschwörungstheorien. © farbkombinat – stock.adobe.com
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Was kann eine Ärztekammer gegen Ärzte unternehmen, die Corona verharmlosen und öffentlich dazu aufrufen, keine Maske zu tragen? Diese Frage wurde zuletzt oft an die Kammern herangetragen. In der Selbstverwaltung hat man begonnen, dem Problem entgegenzutreten.

In ganz Deutschland agitieren sie. Sie stellen sich vor Schulen und verbreiten Fake-Informationen gegen die Maskenpflicht und verteilen Angst und Unsicherheit schürende Flyer in bundesdeutschen Briefkästen. Absender sind zum Beispiel die sogenannten „Ärzte für Aufklärung“ mit ihren Gründern, den Hamburger Ärzten Walter Weber, Heiko Schöning und Olav Müller-Liebenau. Sie warnen u.a. vor einer angeblichen „Corona-Zwangsimpfung“. Man müsse mit 80 000 Toten und vier Millionen „Impfgeschädigten“ rechnen.

Noch „populärer“ unter ihnen ist Dr. Bodo Schiffmann, HNO-Arzt aus Sinsheim und eine der Leitfiguren der demonstrierenden Wissenschaftsleugnern. Er stellt ein Video nach dem anderen von sich online. Eine seiner aktuellen Verschwörungserzählungen handelt von Kindern, die durch die Maske gestorben sind. Diese Geschichte erzählt er weinend. In seiner letzten Videobotschaft musste er dann von der Durchsuchung seiner Praxisräume berichten. Das Amtsgericht Heidelberg hatte einen Durchsuchungsbefehl ausgestellt. Es bestehe der Verdacht, Schiffmann habe in mindestens drei Fällen unrichtige Gesundheitszeugnisse ausgestellt, ohne ärztliche Untersuchung.

Eine Handvoll Ärzte gehört zu den Drahtziehern der Proteste

Auch einzelne andere bieten mehr oder weniger offen Maskenpflicht-Atteste ohne Untersuchung an. Einige agitieren „nur“ in ihren Praxen gegen die Coronamaßnahmen und die angeblichen hintergründigen Ziele von Politik und Presse. Andere gehören zu den Drahtziehern der sich immer offensiver gebärdenden Proteste gegen die Coronamaßnahmen (s. MT 29/2020, „Wenn Ärzte von der Coronakrise als einer kriminellen Inszenierung sprechen“).

Unter anderem vor diesem Hintergrund kündigte die Bundesärztekammer im September berufsrechtliche Schritte gegen Mediziner an, die bei Demonstrationen gegen die Corona-­Maßnahmen Kollegen verunglimpfen. Die Landesärztekammer Thüringen hatte daraufhin begonnen, ein Verfahren gegen den Arzt und AfD-Bundestagsabgeordneten Dr. Robby Schlund aus Gera zu prüfen. Er hatte auf der Anti-Corona-Demonstration Ende August in Berlin ein Transparent getragen, auf dem der Berliner Virologe Professor Dr. Christian Drosten in Sträflingskleidung mit der Aufschrift „Schuldig“ zu sehen war.

Auch die Ärztekammer Hamburg sieht Handlungsbedarf und geht nun falschen Attesten zur Befreiung von der Maskenpflicht nach. Die Atteste würden gegebenenfalls berufsrechtlich aufgearbeitet und abhängig vom Einzelfall sanktioniert.

Der Ärztekammer Nordrhein liegen knapp 20 Fälle von Gefälligkeitsattesten oder Verstößen gegen die Maskenvorschrift in Arztpraxen vor. „Mit Blick auf die 60 000 Ärzte, die wir vertreten, sprechen wir noch von Einzelfällen, die uns zugetragen werden“, so eine Sprecherin. Jeweils abhängig vom Fall wurden Maßnahmen ergriffen.

Verschwörungsmythen bergen gefährliche Denkmodelle

Die Ärztekammer Schleswig-Holstein hat sich derweil auf die Suche nach Lösungen im Umgang mit Skeptikern und Leugnern gemacht und dazu Vertreter ärztlicher Institutionen und der Wissenschaft an einen Tisch gebracht. Neben dem Präsidenten der Ärztekammer Professor Dr. Henrik Herrmann nahmen die KV-Vorsitzende Dr. Monika Schliffke, der Chef des Haus­ärzteverbandes Dr. Thomas Maurer, der Virologe Professor Dr. Helmut Fickenscher der Universität Kiel und der Infektiologe Professor Dr. Jan Rupp der Universität Lübeck teil. Eine hochkarätige Besetzung – und damit eine erste Antwort auf die Frage nach einem sichtbaren Schulterschluss der Akteure aus Standespolitik und Wissenschaft, um ein Zeichen gegen lauter werdenden Verschwörungsanhänger zu setzen, die das schleswig-holsteinische Ärzteblatt in seiner Novemberausgabe stellt.

Prof. Herrmann unterstrich in diesem Rahmen: Ärzte dürften ihre Meinung frei äußern und vertreten wie jeder andere Bürger auch. Aber im Patientenkontakt müsse das ärztliches Handeln auf wissenschaftliche Erfahrung gestützt sein. Gefährliches ärztliches Handeln dürfe man nicht tolerieren.

KV-Vorsitzende Dr. Schliffke bekräftigte, dass man Ärzten gegenüber, die vorliegende wissenschaftliche Erkenntnisse nicht anerkennen, die ganze Bandbreite an berufsrechtlichen Mitteln aufzeigen und anwenden müsse – ohne sie allerdings in der öffentlichen Diskussion in den Fokus zu rücken.

Gesprächsbereite Skeptiker ließen sich durch wissenschaftliche Argumente überzeugen, ergänzte Prof. Herrmann. Doch bei Leugnern bliebe nur der öffentliche Widerspruch: „Hinter den Verschörungstheorien stecken Denkmodelle, die nicht nur bei Corona gefährlich sind.“

Medical-Tribune-Bericht


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