Keine Lust auf Ebola und Machetenmann: Gesundheitsämter unterbesetzt

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Nicht nur Bürokratie und der schlechte Lohn machen den Job als Amtsarzt unbeliebt. © iStock/Sadeugra; Jezper – stock.adobe.com

Haben Sie als Niedergelassener es satt, sich mit vollem Wartezimmer, Abrechnungsproblemen und immer neuen Vorgaben zu beschäftigen? Dann werden Sie doch Amtsarzt. Die Chance auf eine Stelle ist gut. Die Bezahlung ist allerdings eher schlecht. Und das Image könnte auch besser sein.

Ob Berlin, Thüringen oder Schleswig-Holstein – bundesweit fehlen in Gesundheitsämtern Mediziner, die in Städten und Gemeinden Aufgaben des öffentlichen Gesundheitswesens wahrnehmen. Das kann schwerwiegende Folgen haben. Darauf machten 2018 drei Amtsärzte in der Berliner Zeitung „b.z.“ aufmerksam. Sei er im Urlaub, würde z.B. im Fall eines Ebola-Infizierten niemand eine Anordnung auf Unterbringung in der Isolierstation der Charité ausstellen können, mahnte Dr. Raimund Pitzing, Amtsarzt des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Einen Stellvertreter hat er nicht.

Flotte Einweisung in die geschlossene Psychiatrie

Ein weiteres Beispiel: ein mit Machete durch die Stadt laufender psychisch Kranker (in Berlin durchaus denkbar). Hier muss spätestens am Folgetag ein Psych­iater des Gesundheitsdienstes eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie verfügen. Doch Psychiater fehlen ebenso wie Kinder- und Jugendpsychologen, Kinderärzte, Hygienemediziner, Gynäkologen, Sozialarbeiter und Logopäden.

In Berlin gibt es zwölf Gesundheitsämter. Jedes wird, wie Dr. Pitzing erläutert, von einem Amtsarzt geleitet. Für die Übernahme dieser Leitungsfunktion ist die Anerkennung als Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen eine gesetzlich vorgeschriebene Voraussetzung. Insgesamt gibt es laut Senatsverwaltung für Gesundheit 348 ärztliche Vollzeitstellen in den Ämtern, 73 Stellen waren Ende 2018 nicht besetzt.

Als Hauptproblem für den Medizinermangel im Öffentlichen Dienst wird vom Verband der Berliner und Brandenburger ÖGD-Ärzte eine Entgeltdifferenz von ca. 1500 Euro brutto gegenüber anderen tarifbeschäftigten Ärzten benannt. In anderen Ländern beträgt die Differenz etwa 1000 Euro. Ver.di nennt eine tarifliche Bruttogrundvergütung (monatlich) von 4180 bis 5879 Euro.

Mit Ärzten in kommunalen Kliniken tariflich gleichstellen

„Der Öffentliche Gesundheitsdienst ist Opfer seines eigenen Erfolgs“, glaubt Dr. Susanne Johna, Mitglied im Vorstand der Bundes­ärztekammer und Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Öffentlicher Gesundheitsdienst“. Politiker würden regelmäßig Verdienste des ÖGD um Gesundheitsschutz, Prävention und Gesundheitsmanagement würdigen und zugleich neue Aufgaben aufladen, obwohl die personellen und finanziellen Ressourcen abnähmen. Die Zahl der berufstätigen Ärzte in den Gesundheitsämtern sei in den vergangenen 18 Jahren bundesweit um ein Drittel zurückgegangen, berichtet der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD).

„Ändern können wir diese Situation nur, wenn wir den Ärzten mehr Gehalt bieten können“, meint die BVÖGD-Vorsitzende Dr. Ute Teichert-Barthel. „Wir fordern daher ein Ende der Verweigerungshaltung der kommunalen Arbeitgeber und die tarifliche Gleichstellung mit den Ärzten in den kommunalen Krankenhäusern durch einen Tarifvertrag mit dem Marburger Bund.“

Kollegen entdecken die Weiterbildung erst per Zufall

Der BVÖGD verweist darauf, dass die Gesundheitsministerkonferenz mehrmals die Finanzminis­terkonferenz aufgefordert hat, die Bezahlung zu verbessern, doch passiert sei immer noch nichts. Ohne bessere Tarife sei der ÖGD jedoch beim Werben um qualifizierten fachärztlichen Nachwuchs aus Krankenhäusern nahezu chancenlos.

Die schlechte Vergütung ist allerdings nur eine Ursache für das mangelnde Interesse an Amtsarzt & Co. Christian Schulze, Leiter des Fachbereichs Gesundheit im brandenburgischen Landkreis Oberhavel, nennt im Gespräch mit Medical Tribune weitere Hürden für den Einstieg. Das Problem fange schon an der Universität bei der Grundausbildung im Studium an. Hier würden junge Kollegen gar nicht erfahren, dass es den ÖGD gibt. „Deshalb entdecken viele Ärzte die Weiterbildung erst per Zufall“, so Schulze.

Wer behandeln will, scheut die Verwaltung

Zudem sei das Image des Amtsarztes etwas verstaubt. Bürger sähen den „Kontrolleur der Pommes-Bude oder den Bürokraten mit Ärmelschoner“, dabei sei die Arbeit eines Arztes im Gesundheitsamt sehr vielfältig und interessant. Bedauerlicherweise sei dies auch nicht allen Ärzten bewusst. „Wir Amtsärzte werden gelegentlich geringschätzig bewertet nach dem Motto: Jetzt lassen Sie mal einen richtigen Arzt ran“, so Schulzes Erfahrung.

Manche Ärzte, die gern Patienten behandeln, scheuten sich auch, in die Verwaltung zu gehen, bemerkt der Brandenburger Amtsarzt. Negativ wirke sich weiterhin aus, dass zusätzliche Aufgaben zu übernehmen sind, sobald Kollegen wegen Krankheit oder Mutterschaft ausfallen, Stellen unbesetzt bleiben oder Ärzte in Teilzeit arbeiten. In seinem Bereich seien inzwischen von drei Kinderärzten fünf in Teilzeit. Die verbleibenden 0,4-Vollzeitstellen auszuschreiben, könne man sich angesichts der Vergütung sparen. Allerdings sei die Arbeitsverdichtung auch in der Klinik an der Tagesordnung.

Schulze rät, über eine Entlastung bei ärztlichen Aufgaben nachzudenken: „Was sind ärztliche Kernaufgaben, was können wir anderen Berufsgruppen zutrauen?“ Als Krux bezeichnet er, dass z.B. der Landkreis dann auch das Geld für die entsprechenden Stellen im Gesundheitsbereich zur Verfügung stellen müsste. Für klamme Kommunen sei dies aber schwierig, zumal es ähnliche Personalprobleme im Bauwesen, bei der IT oder im Rechtsbereich gebe.

Ein Lichtblick: Am 22. Mai haben sich nach bundesweiten Ärzteprotesten Verhandlungsführer von Marburger Bund und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände auf eine Erhöhung der Gehälter der Klinikärzte um 6,5 % verständigt. Die Tarifzuständigkeit des Marburger Bundes für Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst und anderen kommunalen Diensten wurde anerkannt. Bis spätestens Ende Oktober sollen für diese Gruppe separate Tarifverhandlungen aufgenommen werden.

Medical-Tribune-Recherche