Limotrinken ist das neue Rauchen

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Coca-Cola steckt Millionen in die Werbung, foodwatch sieht Parallelen zum „Marlboro-Mann“. © Cornelia Kolbeck

Die Verbraucherorganisation foodwatch übt erneut heftig Kritik am Unternehmen Coca-Cola – wegen des vielen Zuckers in den Getränken, Produktwerbung für Kinder und Influencer-Marketing auf Youtube und Instagram.

Auf dem Cover des neuen „Coca-Cola-Report“ ist der aus der Zigarettenwerbung bekannte „Marlboro-Mann“ abgebildet. Denn foodwatch zieht Pa­rallelen vom Getränkehersteller zur Tabak-Lobby: Der Weltmarktführer für Zuckergetränke nehme mit millionenschweren Marketingkampagnen im Internet und im Fernsehen bewusst Kinder und Jugendliche als Zielgruppe ins Visier, so foodwatch Deutschland. Gleichzeitig versuche der Konzern durch gezielte Lobbyarbeit wirksame Regulierungen wie Werbeverbote oder Sondersteuern zu torpedieren. Er habe versucht, mit gekauften Wissenschaftlern Zweifel an der Schädlichkeit von zuckerhaltigen Getränken zu säen.

Deutschland liegt beim Zuckerkonsum ganz vorne

Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei foodwatch Deutschland und Autor des Reports, sagte, dass Deutschland bei Zuckergetränken mit 84 Litern pro Kopf und Jahr zu den Ländern mit dem höchsten Konsum zählt. 14- bis 17-Jährige seien mit 500 Milli- litern pro Tag Hochverzehrer. Die amerikanische Herzgesellschaft empfehle maximal 240 Milliliter. Zur Pressekonferenz hatte foodwatch verschiedene Getränke des Herstellers mit der jeweils zugesetzten Zuckermenge in Würfelzuckerform platziert (siehe Foto). 18,5 Stück Zucker entsprechen dem von der Weltgesundheitsorganisation angegebenen täglichen Maximalzuckerverbrauch pro Erwachsenem von 50 Gramm. Das heißt, mit einer Dose Energydrink (18,5 Stück Zucker) ist diese Menge bereits erreicht. 45,5 Stück Zucker enthält gar eine große Flasche Sprite.

„Coca-Cola ist ein flüssiger Krankmacher“

Für Huinziga ist Coca-Cola mitverantwortlich für die Epidemie ernährungsbedingter Erkrankungen weltweit. Heute seien mehr Menschen fettleibig als untergewichtig, sagte er und bezeichnete die zuckerhaltigen Getränke des Weltmarktführers als „flüssige Krankmacher“. Wissenschaftliche Studien hätten die Zusammenhänge zwischen unausgewogener Ernährungsweise, Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes bewiesen. In Deutschland sind mehr als 6,7 Mio. Menschen an Diabetes-Typ-2 erkrankt. „Daraus entsteht nicht nur millionenfach physisches und psychisches Leid bei den Betroffenen, sondern auch ein erheblicher volkswirtschaftlicher Schaden“, sagte Huinziga. Die gesamtgesellschaftlichen (direkte und indirekte) Kosten bezifferte er bei Adipositas auf 63 Mrd. Euro und bei Diabetes mellitus auf 35 Mrd. Euro.

„Zuckergebrauch ist die neue Zigarette und somit eines der größten Risiken für unsere Gesundheit“, mahnte foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Es handele sich nicht um ein Luxusproblem, äußerte er mit Hinweis auf Folgeerkrankungen. „Niemand hat Interesse, Zucker oder Coca-Cola zu verbieten, aber Fanta, Cola usw. sind keine Durstlöscher“, stellte er klar. Hier sei eine dringende Imagekorrektur nötig. Kritik übte Rücker auch an „Selbstverpflichtungen der Industrie, die das Papier nicht wert sind“, sowie Bewegungs-Kampagnen und irreführende Nährwertkennzeichnungen. Diese seien nur „Ablenkungsmanöver.“

Ob Ministerin Klöckner diesen Konflikt ausgleichen kann?

foodwatch fordert von Coca-Cola ein Ende des Kinder-Marketings und des Influencer-Marketings auf Youtube und Instagram. Die Regierung müsse Hersteller stark überzuckerter Getränken zudem verpflichten, eine Abgabe zu zahlen – wie in Großbritannien, Frankreich, Irland, Belgien oder Mexiko. Unterstützung kommt durch die Deutsche Adipositas-Gesellschaft, die Deutsche Diabetes Gesellschaft und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe. Vertreter erklären: „Zu den Aufgaben unserer neuen Ernährungsministerin Frau Klöckner gehört nicht nur die Sicherung der Absatzmärkte der Ernährungswirtschaft, sondern auch der gesundheitliche Verbraucherschutz. Wir sind gespannt, ob es Frau Klöckner gelingt, diesen Interessenskonflikt so auszugleichen, dass die Ernährungswirtschaft zukünftig weniger Teil des Problems ist, sondern Teil der Lösung wird – und so zum Schutz der Gesundheit unserer Kinder beitragen kann.“