Lotsen auf Rezept: Betreuungsmodelle für geriatrische und multimorbide Patienten sollen Krankenhausaufenthalte vermeiden

Gesundheitspolitik Autor: Thomas Trappe

Gesundheitslotsen sollen Zugang zu den Fallakten haben, um die Patienten bestmöglich zu betreuen. © iStock.com/sturti

Jeder zweite Patient hat Schwierigkeiten, sich in den Angeboten der Gesundheitsversorgung zurechtzufinden. Patientenlotsen sollen Abhilfe schaffen, auch mit Blick auf die Kosten.

Patientenlotsen könnten helfen, schwer kranke und multimorbide Patienten besser zu versorgen und Ärzte zu entlasten. Davon geht die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Professor Dr. Claudia Schmidtke, aus. Bei einer Tagung ihrer Stelle wurde eine Studie vorgestellt, die skizziert, wie solche Lotsen in die Regelversorgung gebracht werden könnten. Sie wurde 2018 beim IGES-Institut beauftragt.

Studienleiterin Dr. Grit Braeseke betonte, dass „wir in der Versorgung eine stärkere patientenorientierte Alternative“ bräuchten. Ärzte sollten in die Lage versetzt werden, Lotsenleistungen bei Bedarf zu verordnen. Für die Studie wurden internationale und heimische Care-Management-Modelle untersucht. Es zeigte sich, dass Patienten mit Lotsen im Schnitt gesünder blieben und seltener ins Krankenhaus mussten und damit weniger Kosten verursachten. Dabei geht es vorrangig um Patienten, die Informationen schlecht auswerten können und nicht wissen, wo sie medizinische Angebote und unterstützende Stellen finden.

Stark fragmentierte Angebote, die schwer zu überblicken sind

Das ist keineswegs eine Minderheit, so die Patientenbeauftragte. Etwas mehr als die Hälfte der Patienten hierzulande verfüge nur über „eingeschränkte Gesundheitskompetenz“. Unter anderem deswegen wurde 2018 der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz beschlossen. Auch die Unabhängige Patientenberatung arbeitet in diese Richtung. „Das deckt aber nicht den grundsätzlichen Bedarf“, so Prof. Schmidtke.

Die Studie konstatiert ein „sehr stark fragmentiertes“ Beratungsangebot, dem immer mehr ältere und multimorbide Patienten mit Orientierungsbedarf gegenüberstünden. „Konkrete Leistungen zur Koordinierung gelten zudem meist nur für sehr spezifische Patientengruppen.“ Dort, wo Patientenlotsen oder Care-Programme etabliert seien, gebe es eine starke Vernetzung zwischen den pflegerischen und ärztlichen Einrichtungen. Die Koordination funktioniere nur mit Kooperation.

Anja Rethmeier-Hanke vom Klinikum Lippe bestätigte das. Zusammen mit dem Ärztenetz Lippe betreibt ihr Krankenhaus seit 2010 ein sektorübergreifendes Fallmanagement, aus dem sich eine gemeinsame Gesellschaft herausgeschält hat, in der Lotsinnen – es sind ausschließlich Frauen – etwa 1000 Patienten betreuen.

„Case-Management am Küchentisch“, fasste sie das etablierte Konzept zusammen. Im Kern gehe es darum, Hausärzte zu entlasten und das Entlassmanagement in der Klinik zu verbessern. Im Fokus stünden ältere und geriatrische Patienten, bei denen sich andeute, dass sie nicht mehr zum medizinischen Selbstmanagement fähig seien. Zusammen mit Patienten und Angehörigen erarbeiten die „Gesundheitshelferinnen“ einen Plan. Durch regelmäßige Besuche und Telefonate werde alles getan, „damit die Patienten möglichst lange im häuslichen Umfeld verbleiben können“. Eine Helferin betreut etwa 200 Patienten.

Dr. Ute Teichert, Vorsitzende des Verbands der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst, plädiert für die Einbindung der Gesundheitsämter in Lotsenprogramme und für eine frühe Einbeziehung der Hausärzte.

Die Lotsen könnten in der Praxis angesiedelt sein

„Der Widerstand bei Ärzten ist groß, wenn man so etwas nicht bei ihnen ansiedelt“, ergänzte Dr. Siiri Ann Doka von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe. Studienleiterin Dr. Braeseke empfiehlt ein Modell, in dem der Hausarzt die Lotsenleistung verordnet. Der Hilfeplan würde dann mit dem Arzt abgestimmt. Als Lotsen böten sich Gesundheitsfachkräfte mit Kenntnissen zu Sozialleistungen und einer Weiterbildung zum Case-Manager an. Die Lotsen könnten in den Praxen angesiedelt sein mit Zugang zu den Fallakten. Zur Frage der Finanzierung wurden keine Aussagen getroffen.

Medical-Tribune-Bericht