Mein Vorsatz: weniger Multitasking

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Wir halten Multitasken für erstrebenswerter und schwieriger, als Schritt für Schritt zu arbeiten. © Fotolia/Andrey Popov

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Multitasking: „Mir bereitet das Stress und Kopfschmerzen“.

Weihnachtszeit ist ja immer wieder eine Herausforderung. An mich und meine Multitasking-Fähigkeiten. Da quillt das Wartezimmer über, weil anscheinend alle Patienten im alten Jahr noch ihre sämtlichen gesundheitlichen Probleme mit mir besprochen und, wenn möglich, gelöst haben wollen. Da sind Weihnachtsgrüße an Freunde und Verwandte zu schreiben, Geschenke einzukaufen, Übernachtungen zu koordinieren und zu organisieren, zahlreiche „Weihnachtsfeiern“ zu besuchen und nicht zuletzt auch das alljährliche Praxis-Weihnachtsessen zu besprechen. Letzteres organisieren meine Angestellten selbst, da sie so ihre Wünsche und Vorstellungen am besten realisieren können. Die Chefin zahlt und mir ist diese Vorgehensweise mehr als recht. Natürlich sollten auch noch Praxis und Wohnbereich weihnachtlich dekoriert werden.

Kurzum: Ich weiß im Dezember manchmal nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Das weiß ich erst wieder nach Neujahr, wenn der normale Alltag wieder eingekehrt ist. Vielleicht liegt es daran, dass meine Multitasking-Fähigkeiten eher bescheiden sind und ich mich manchmal, gemäß einem populären Buch, das in den ersten Jahren dieses Jahrtausends erschienen ist, mit dem Satz „Ich habe halt ein männliches Gehirn“ entschuldige.

Da fiel mir kürzlich ein Artikel unter der Rubrik „Geist und Gehirn“ in die Hände, den ich natürlich auch erst nach Neujahr lesen konnte, obwohl er schon im Dezember erschienen ist. Dieser Artikel berichtet über eine Übersicht zu einer großen Zahl von Untersuchungen zu den Auswirkungen von Multitasking. Danach haben sog. „Multitasken“ und Mediennutzung seit 20 Jahren v.a. bei Kindern und Jugendlichen stark zugenommen, von 16 % der gesamten Medienzeit auf 29 %.

Schlechtere Gedächtnisleistung durch Multitasken?

Und die Autoren kommen nach wie vor zu dem schon bekannten Ergebnis, dass Personen, die viel Medien-Multitasking betreiben, nicht so gut bei einer Sache bleiben können und schlechtere Gedächtnisleistungen haben. Sie machen auch mehr Fehler, sogar bei leichten Aufgaben, und haben mehr Schwierigkeiten beim Aufgabenwechsel. Auch scheint es von der Menge der gleichzeitigen Aufgaben abzuhängen, wie viele Fehler gemacht werden. Soweit eigentlich nichts Neues.

Die Frage ist wohl eher: Wir kennen diese Ergebnisse, warum tun wir es dann trotzdem, das Multitasken? Eine Studie aus „Psychological Science“ gibt die Antwort: weil wir Menschen, zumindest in der westlichen Welt, mehr leisten, wenn wir eine Aufgabe für schwieriger halten. Weil wir also Multitasken für erstrebenswerter und schwieriger halten, als Schritt für Schritt eine Aufgabe zu lösen, denken wir uns eine Tätigkeit als zusammengesetzt aus mehreren Teilbereichen; wir betreiben also ein „Pseudo-Multitasking“. So sind wir leistungsbereiter und leistungsfähiger.

Die Studie ergab an 162 US-Studenten, dass diese weniger Fehler machten und besser abschnitten in den gestellten Aufgaben, wenn man ihnen vorher gesagt hatte, dass es darum ginge, Multitasking-Fähigkeiten zu testen. Und ihnen das Gefühl gab, sie müssten zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen. Sie hatten im Endeffekt auch mehr gelernt! Zur Kontrolle wurde noch eine Studie durchgeführt, in der die Probanden aus der Testinstruktion selber erkennen mussten, dass es um Multitasking ging. Auch da waren die Multitasker besser.

Ich werde weiter eine Aufgabe nach der anderen erledigen

Hat es also eher was mit Selbstmotivation, eigener Einschätzung, mit unserem Selbstbild, mit der Förderung und Verbesserung unserer eigenen Leistungsfähigkeit, mit unserem gesellschaftlichen Ansehen zu tun? Wollen wir unserer Umgebung nur zeigen, wie fleißig, gut und fähig wir sind? Sollen wir also, um besser zu sein, ständig Multitasking betreiben?

Nun zu Ersterem: Ich habe gezeigt, was ich alles leisten kann, wenn Weihnachten bevorsteht, und mein Ego damit befriedigt.

Zu Zweitem: Eine Aufgabe in Teilschritte zu zerlegen, um sie besser lösen zu können, das Pseudo-Multitasking, habe ich schon im Gymnasium gelernt. Auch wenn das damals nicht so hieß.

Zu Drittem: Mir bereitet ständiges „richtiges Multitasking“ Kopfschmerzen und Stresssymptome. Das halte ich nicht lange durch. Ich werde also weiterhin versuchen, eine Aufgabe nach der anderen zu erledigen. Und ich werde weiterhin ein Buch nach dem anderen lesen und nicht gleichzeitig fernsehen, whatsappen oder googlen. Das ist mein fester Vorsatz für 2019.