Tausche Prostatavorsorge gegen Dispensierrecht

Kolumnen Autor: Dr. Frauke Gehring

Die Apotheker sollten sich nicht nur die Rosinen rauspicken dürfen, findet Frau Dr. Gehring. © iStock/shapecharge; MT

Apotheken übernehmen immer mehr ärztliche Aufgabenbereiche. Und auch Dr. Google nimmt einiges vorweg. Unsere Kolumnistin findet das schädlich und unfair.

Ich mag meinen Apotheker! Wir arbeiten wunderbar zusammen und ich schätze seine Hilfe, wenn es zum Beispiel um Interaktionen von Medikamenten geht. Auch sind er und seine Mitarbeiterinnen verantwortungsbewusst. So erscheint auch heute mal wieder eine Dame, die aus ihrer Apotheke zu uns geschickt wurde. „Ich wollte nur etwas gegen meinen Durchfall holen“, sagt die Frau etwas ungehalten, „aber man wollte mir nichts geben, weil ich den schon zwei Wochen habe. Mein Magen ist eben empfindlich.“ Nun ja, der Magen sitzt etwas weiter oben ...

Die Vorsicht „meines“ Apothekenteams kann ich nur loben. Denn so etwas wie mit der Durchfallpatientin passiert nicht zum ersten Mal. Allerdings komme ich ins Nachdenken darüber, dass in anderen Apotheken gnadenlos alles Mögliche verkauft wird, ohne eine Sekunde innezuhalten und nachzudenken.

Meine Lieblingsgeschichte ist die einer jungen Frau, die in einem von mir betreuten Forum zum Thema Sexualität bekundete, dass sie die „Pille danach“ bekommen hätte. „Wir hatten Petting und beide die Hosen noch an“, hatte sie geschrieben, „aber er dann einen nassen Fleck auf der Jeans. Ich hatte Angst, dass das Sperma in meine Vagina gerät, und darum die Pille danach genommen.“ So weit, so unaufgeklärt, schlimm genug. Aber warum hat sie bei so einer Geschichte die Pille überhaupt verkauft bekommen?

Apotheker untersuchen Cholesterin, Zucker und Blutdruck, machen Venenmessungen oder bieten gar Paramedizinisches wie Bioresonanz an. Warum das „niederschwelliger“ sein sollte als der Gang zum Arzt, hat sich mir nie erschlossen. Ich habe eher das Gefühl, das vielen Leuten das Monitoring reicht und sie glauben, sich die Beratung von Dr. Google holen und den Arzt ganz umgehen zu können.

Zu allem Überfluss gibt es jetzt auch noch einen „Spahn-Plan“ zur Schwächung der Hausärzte: Apotheker sollen gegen Grippe impfen. Was für eine blöde Idee! Der aufgeklärte entschlossene Patient springt in die Apotheke und holt sich seine Impfung ab – ob indiziert oder nicht, siehe oben. Für uns bleiben die Zögerlichen („Ich hätte da noch einige Fragen...“), die Multimorbiden („Ich mache das doch lieber bei Ihnen, Frau Doktor, da fühle ich mich sicherer.“), die Allergiker („Im Falle eines Schocks bin ich doch lieber in Ihrer Praxis.“) und alle anderen, die medizinische Expertise, Zeit und Zuwendung brauchen. Die geben wir ja gerne, aber dann im Rahmen einer Mischkalkulation gemeinsam mit den „Pieks-und-Tschüss-Patienten“.

Ich hätte übrigens noch mehr Vorschläge, um das finanzielle Wohl der Apotheken zu fördern: die schnelle rektale Tastuntersuchung, die Palpation der Mammae („Heute wieder Feel-and-Go zum Sonderpreis“), das Hautkrebsscreening (anschließend kann man gleich Sonnenschutzprodukte verkaufen) und Kurz-Krankschreibungen für erkältete Patienten. Im Gegenzug möchte ich dann aber auch das Dispensierrecht haben!

Wie schön wäre es, die von mir häufig verschriebenen Präparate vorrätig zu haben und gleich herausgeben zu dürfen. Welche Erleichterung im Notdienst und auf Hausbesuchen, gleich eine kleine Auswahl von Antibiotika und Schmerzmitteln zur Hand zu haben! Vielleicht könnte ich dann – den Apothekern gleich – auch noch ein Sortiment meiner Lieblingskosmetika und -pflegeprodukte anbieten, schließlich traut man mir als Ärztin ja zu, eine gute Qualität zu wählen.

Vielleicht aber lassen wir die Kirche einfach im Dorf und die medizinischen Handlungen dort, wo sie hingehören: in die Hausarztpraxis. Dann vertraue ich weiterhin meinem Apotheker, er vertraut mir und unsere Patienten freuen sich, dass wir beide das tun, was wir am besten können.