KV-Projekt: „docdirekt“ mit Tele-Ärzten geht online

e-Health , Telemedizin Autor: Maya Hüss

In der Schaltzentrale der KVBW nehmen fünf MFA die Anrufe und Nachrichten von Patienten entgegen. © Maya Hüss

Das Fernbehandlungsverbot ist aufgeboben und die Leitungen sind offen – seit dieser Woche können sich Patienten in den Testregionen Tuttlingen und Stuttgart erstmalig von Tele-Ärzten beraten lassen. Rezepte und Krankmeldungen gibt es online aber vorerst keine.

Für den Anfang erwarten wir täglich an die 30 bis 40 Anrufe“, schätzt Dr. Norbert Metke, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) bei der Vorstellung des neuen Telemedizin-Projekts „docdirekt“. Im zweijährigen Modellversuch sollen sich GKV-Patienten aus dem Landkreis Tuttlingen und dem Stadtkreis Stuttgart entweder per App oder Telefon unter der Nummer 0711/96589700 bei einer Akuterkrankung direkt zu einem teilnehmenden Tele-Arzt schalten können.

Das Besondere an diesem Projekt: Ein vorheriger persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt ist nicht notwendig. Damit betritt die KV bundesweit Neuland im Bereich der Telemedizin für gesetzlich Versicherte. „Mit docdirekt gehen wir neue Wege in der Patientenversorgung. Online-Sprechstunden sind seit vielen Jahren in anderen Ländern längst etabliert, nur Deutschland hinkt weit hinterher“, berichtet Dr. Metke. Zum Projektstart hat die KV insgesamt 35 Tele-Ärzte gewinnen können, die sich auch schon zur neuen Software haben schulen lassen.

Pro Fernberatung gibt's 25 Euro extrabudgetär

Doch wie genau funktioniert docdirekt? Erkrankt ein Patient aus Tuttlingen oder Stuttgart zum Beispiel akut an einer Erkältung und erreicht seinen regulären Hausarzt nicht, so kann er sich entweder per Chat, Telefon oder Videotelefonie zunächst in das docdirekt-Center der KVBW verbinden lassen. Insgesamt fünf MFA nehmen werktags in der Zeit von 9 bis 19 Uhr die Anrufe entgegen, erfassen die Personalien sowie die Krankheitssymptome. Handelt es sich nach Ermessen der MFA um einen Notfall, so wird der Patient an die 112 weitergeleitet.

Ist es kein Notfall erstellt die MFA ein sogenanntes Ticket, auf das der Tele-Arzt über eine webbasierte Plattform Zugriff hat. Innerhalb von 30 Minuten setzt sich dann ein Arzt, der gerade Zeit hat, mit dem Patienten in Verbindung und spricht Empfehlungen für die Behandlung aus. Sollte der Patient Medikamente, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung oder eine persönliche Vorstellung bei einem Arzt benötigen, so kann er in eine „patientennah erreichbare Portalpraxis“(PEP) verwiesen werden, in der niedergelassene Haus- und Fachärzte Termine bereithalten.

Pro Beratung kann der Tele-Arzt 25 Euro extrabudgetär abrechnen, die weiterbehandelnden Haus- und Fachärzte erhalten extrabudgetär einen Fallwertzuschlag in Höhe von 20 Euro.

Patienten, die in einem Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung eingeschrieben sind, können ebenfalls docdirekt in Anspruch nehmen.

Den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt möchte man mit diesem Projekt keinesfalls ersetzen. Vielmehr soll das von den baden-württembergischen Krankenkassen und der KV finanzierte Modell die Notfallambulanzen entlasten und dem drohenden Ärztemangel in ländlichen Regionen entgegenwirken.

"Wir werden keine Einsicht in Patientendaten haben"

Die technische Infrastruktur für eine App und eine Plattform, mit der der Tele-Arzt seine Fälle dokumentieren kann, liefert das Münchner Unternehmen TeleClinic, das sich derzeit in einem anderen telemedizinischen Projekt mit Privatversicherten erprobt. In der App kann jeder Patient seine Gesundheitsakte anlegen, in die er auch Werte von Wearables eintragen kann.

„Wir werden keine Einsicht in die Patientendaten haben“, sagt Professor Dr. Reinhard Meier, Medizinischer Direktor der TeleClinic. Die Daten der Patienten werden laut Prof. Meier dreifach gesichert und sollen auf IBM-Servern in Ehingen und Frankfurt, aber auch bei der KVBW selbst auf Servern gespeichert werden.

Letztlich hat aber die Landesärztekammer (LÄK) Baden-Württemberg im vorletzten Jahr den Weg für docdirekt frei gemacht; mit dem Kippen des Fernbehandlungsverbotes geht die LÄK nun laut KV-Vize Dr. Johanes Fechner „einen neuen und mutigen Weg“. Die wissenschaftliche Evaluation übernimmt das Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Lübeck.

Schwachstelle: Versicherten-Identifizierung

Eine den Initiatoren bekannte Schwachstelle hat das Projekt allerdings: Zwar werden die Daten wie Name, Anschrift und auch Versichertennummer von der MFA zu Beginn vom Patienten abgefragt, die KV und auch die Tele-Ärzte haben aber keine Möglichkeit die Nummer zu verifizieren und somit den Patienten zu identifizieren.

Auch lasse sich nicht nachweisen, ob der anrufende Patient wirklich aus einer der zwei Modellregionen stammt, wenn er dafür sein Handy benutzt. Für den KV-Vorstand sei dies aber kein Grund gewesen, das Projekt nicht zu starten.

Beim Thema E-Rezepte hegt die KV allerdings – trotz Ausnahmeregelung des Landessozialminis­teriums für die Verordnung von verschreibungspflichtigen Medikamenten innerhalb von Telekonsultationen – noch Zweifel. Mit den künftig kooperierenden Apotheken stehe man aber in der Diskussion, erklärt Dr. Metke.

Telemedizin auf dem Vormarsch

Zwei weitere telemedizinische Projekte sind bereits von der Landesärztekammer Baden-Württemberg genehmigt worden.

Seit letztem Oktober können sich Privatversicherte der Debeka und der Barmenia zunächst für zwei Jahre via App, Web-Plattform oder Festnetztelefon fernbehandeln lassen. Das von der TeleClinic München getragene Projekt stellt somit bundesweit das erste Fernbehandlungsmodell ausschließlich für PKV-Patienten dar.

Zukünftig sollen auch Gefängnisinsassen telemedizinisch betreut und behandelt werden. Das vom baden-württembergischen Justizministerium initiierte Projekt ist zunächst für sechs Monate vorgesehen und soll mithilfe eines Ärztepools aus verschiedenen Fachrichtungen aufwendige Verlegungen von Häftlingen vermeiden.