Was bringt die Künstliche Intelligenz der Medizin?

e-Health Autor: Dr. Susanne Gallus

Hand in Hand zum medizinischen Erfolg? © iStock/AndreyPopov

„Gehen Sie direkt in den OP, gehen Sie nicht zum Arzt, holen Sie keine zweite Meinung ein“ – klingen so bald Computer-Anweisungen an Patienten? Wahrscheinlich nicht. Aber Künstliche Intelligenz hat in der Medizin längst Einzug gehalten. Unser Beispiel: die Augenheilkunde.

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde – ist sie bald auch in den Praxen? Beim Melanomscreening und der Interpretation von Röntgenbildern hätten Deep-Learning-Systeme bereits ihr Können gezeigt, berichtet Professor Dr. Horst Helbig von der Universitätsaugenklinik Regensburg. In den USA würden intelligente Geräte schon zur regelmäßigen Augenkontrolle von Diabetikern angewendet. Und die Firma Google/Deep Mind hat ein Programm entwickelt, das Schnittbilder des Augenhintergrundes (OCT) analysiert. Der Algorithmus erkennt, bei welchen Patienten der Verdacht auf eine Netzhautkrankheit besteht und wann eine Abklärung durch den Augenarzt erforderlich ist.

Dafür sind weder invasive Maßnahmen noch ein medikamentöses Erweitern der Pupillen notwendig, auch Laien können diese Bilder aufnehmen. Zusammen mit dem Morrfields Eye Hospital kam man zu dem Ergebnis, dass der Computer dabei genauso gut war wie Netzhautspezialisten und wesentlich besser als Optometristen.

Was ist Künstliche Intelligenz?

„Künstliche Intelligenz“ (KI) heißt, Computer so zu programmieren, dass sie eigenständig und menschenähnlich Probleme bearbeiten können. „Machine Learning“ als Teilgebiet der KI lässt den Rechner selbstständig Algorithmen entwickeln, die generalisierte Prinzipien aus Daten extrahieren. Konventionelle Programmierung analysiert Daten dagegen nach vorgegebenen Regeln. „Deep Learning“ ahmt sogar die biologischen Strukturen des Nervensystems nach und führt die Analyse durch Transformation und Abstraktion des Signals in mehreren Schichten durch.

Eine KI wird den Arzt aber auch in Zukunft nicht ersetzen können, beruhigt Prof. Helbig seine Kollegen. Ärztliche Entscheidungen seien zu komplex, um sie als selbstlernenden Algorithmus zu formulieren. Der Arzt sieht den Patienten als Ganzes und nicht nur als Schnittbild. Insbesondere in einem Heilberuf ist das menschliche Gespür ein entscheidender Faktor.

Personalisierte Werbung je nach medizinischem Befund

Ein intelligenter Algorithmus könnte dem Arzt aber bei der Bildinterpretation helfen, wodurch dieser mehr Zeit für den Patienten hätte, meint Prof. Helbig. Eigenständige Screening-Stationen seien trotzdem mit Vorsicht zu genießen. Denn bei einer flächendeckenden Einführung könnte das bedeuten, dass Praxen zwar die Untersuchung nicht mehr selbst durchführen müssen, aber von verunsicherten Patienten mit unklaren Befunden überschwemmt werden.

Dabei scheint eine Untersuchung durch eine Kamera zwar anonym – allerdings nur was zwischenmenschliche Berührungen betrifft. Für Konzerne wie Google ist Anonymität eine relative Größe – dass künftig Werbung nicht nur auf den Browserverlauf, sondern auch auf den letzten medizinischen Befund personalisiert sein könnte, lässt bei Datenschützern die Haare zu Berge stehen. Denn in manchem Bild stecken mehr Informationen als Mensch denkt: In Studien konnte die KI z.B. anhand von detaillierten Aufnahmen des Augenhintergrundes sowohl Geschlecht, Alter, Blutdruck als auch Rauchgewohnheiten ermitteln.


Quelle: Pressekonferenz Augenärztliche Akademie Deutschland (AAD) 2019