Individuellere Patientenberatung durch digitale und technische Optionen

Interview diatec journal Autor: Manuel Ickrath

Im Team von Dr. Stefan Gölz wird besprochen, wer sich auf welches Gebiet spezialisiert. Im Team von Dr. Stefan Gölz wird besprochen, wer sich auf welches Gebiet spezialisiert. © zVg
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Dr. Stefan Gölz aus Esslingen schätzt den persönlichen Umgang mit seinen Patienten. Im Interview erläutert er, wie er dank Analysesoftware und einem eingespielten, technikaffinen Team in seiner diabetologischen Schwerpunktpraxis heute grundlegend besser beraten kann – und welche Entwicklungen er in der Zukunft erwartet.

Wie ist die Struktur Ihrer Praxis? Wie viele Ärzte und Beraterinnen sind dabei, wie ist die Anbindung an Krankenhäuser und andere Fachärzte, wie arbeiten Sie mit den Hausärzten zusammen?

Dr. Stefan Gölz: Es handelt sich um eine eigentümergeführte Praxis mit zwei angestellten Ärztinnen, die beide Diabetologinnen sind – eine davon Diabetologin DDG, sowie drei Vollzeit-Diabetesberaterinnen, einer Wundassistentin, fünf medizinischen Fachangestellten und drei Auszubildenden. In Zukunft werde ich auch eine Dia­betesassistentin beschäftigen. Eine mittelgroße Praxis, kann man sagen.

Wir können sehr viel selbst behandeln. Eine Einweisung ins Krankenhaus ohne Komplikationen oder Entgleisung kommt nur äußerst selten vor. Etwa mal bei einer psychischen Komorbidität, wenn Depressionen vorliegen – dann kooperiere ich mit dem Diabetes Zentrum Mergentheim oder mit der Fachklinik Bad Heilbrunn. Notfalleinweisungen schicke ich in das Krankenhaus Bad Cannstatt am Klinikum Stuttgart oder ins Marienhospital Stuttgart.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Zukunft der niedergelassenen Diabetologie? Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Dr. Gölz: Ich sehe die zunehmende „Kardiologisierung“ des Diabetes als Gefährdung. Nach der EMPA-REG-Studie scheint es bei vielen gar nicht auf die Einstellungsqualität anzukommen. Die Pille wird gegeben, und man verlässt sich auf die Wirkung. Hier braucht die Diabetologie mehr Langzeitstudien über 25 Jahre. Zum Beispiel passen über 80 % der Patienten einer normalen Hausarztpraxis mit Diabetes nicht in die Kategorie für dieses Medikament. Die Kardiologen sagen ganz schnell, lasst uns das mal machen. Das wird nicht gelingen.

Aber vielleicht schaffen wir mit Big Data mehr Transparenz beim Typ-2-Dia­betes. Ich bin fest davon überzeugt, dass durch die hohen Patientenzahlen und die immer komplexer werdende Therapie inklusive Behandlung des Lebensstils die Zukunft der niedergelassenen Diabetologie gesichert ist. Ich sorge mich nur um die Vergütungsstrukturen. Dass beispielsweise die App als Rezept funktioniert – da bin ich skeptisch.

Ich kann nur davor warnen, dass mit dem IQTiG (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen) das Gleiche passiert wie mit dem IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) bei den Medikamenten: Hier könnten ureigene ärztliche Leistungen weggelobt werden in die Technologie. Umso mehr muss in der Diabetologie die Vergütung an die Performance, die Ergebnisqualität gekoppelt werden.

Wie schätzen Sie im Augenblick die Lage ein? Sind Ihre Kollegen alle aufgeschlossen gegenüber den neuen Diabetes­technologien?

Dr. Gölz: Heute haben wir den großen Vorteil, nicht zu wenige Daten zu haben, sondern endlich intensiv analysieren zu können. Wenn jetzt ein Kollege die Daten nicht sehen will, dann verstellt er sich dem dia­betologischen Fortschritt und begibt sich zehn, fünfzehn Jahre in der Zeit zurück. Behandlungserfolg, Behandlungsqualität – ich weiß gar nicht, was ich ohne Technik da machen sollte.

Bei meinen Seminaren kriege ich schon mit, dass es tatsächlich Praxen gibt, die noch nicht auslesen, die Angst vor dem Internet haben. Aber es werden immer weniger, außer einigen Sektierern, die gibt es immer. Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen, sagte Nietzsche, da hat er recht gehabt. Die echten Schwerpunktdiabetologen nutzen alle die neuen Technologien.

Wie halten Sie es mit den Dia­betes-Management-Pro­- grammen? Setzen Sie alle ein, oder haben Sie sich auf eine bestimmte Software festgelegt?

Dr. Gölz: Wir arbeiten hauptsächlich mit Accu-Chek® Smart Pix (Roche) und machen damit circa 25 000 Downloads pro Jahr. Darin enthalten sind auch die, die aus Clarity® (Dexcom), CareLink™ (Medtronic), LibreView (Abbott) oder aus ­MySugr (Roche) kommen, die zuerst ausgelesen und dann über ein Software-Verwaltungssystem in die Smart-Pix-Software implementiert werden. Ich kann 99 % auslesen, da stört mich das eine Prozent nicht, wo es nicht klappt. Ich berate Patienten gern mit unterschiedlichen Management-Programmen, alle haben ihre Stärken und Schwächen. Seit Jahren verwende ich schon ­diasend® (Glooko) wegen der guten Darstellung der Daten.

Eigentlich soll die Digitalisierung ja besonders den Patienten zugutekommen. Wie gehen die denn damit um?

Dr. Gölz: 60 % Typ 2, 20 % Typ 1, 15 % Gestationsdiabetes, der Rest sind andere Diabetesformen – so ist die Struktur in meiner Praxis. Facebook-Gruppen geben mittlerweile bei uns in Stuttgart Empfehlungen weiter, wenn Diabetologen neue Technologien einsetzen. Da werde ich wohl schon genannt. Deshalb stelle ich fest, dass viele meiner Patienten aufgeschlossen sind.

CGM(kontinuierliches Glukosemonitoring)-Geräte können natürlich nur an intensiviert insulinspritzende Patienten gegeben werden. Wir haben oft Patienten, die sich ein oder zweimal im Quartal einen günstigen Sensor kaufen, da geht der Trend nach oben. Auch bei der Neueinstellung wird von den Kliniken jetzt öfter ein Probesensor gegeben. Es gibt wenig Typ-2er hier, auch hier geht die Nutzung nach oben. Natürlich ist das Interesse bei den Jüngeren größer, aber man darf nicht verallgemeinern. Ich habe 80-jährige Patienten, die absolut versiert in der neuen Technik sind.

Haben Sie schon erste Erfahrungen mit der Telematikinfrastruktur und den neuen Konnektoren gemacht?

Dr. Gölz: Ich habe alles installiert und kann die Kritik meiner Kollegen nicht nachvollziehen. Es funktioniert bei uns, und ich bin gespannt, was kommt. Im Augenblick stört es nicht.

Was müssen Ihre Beraterinnen und die MfA können? Sind sie alle technikaffin und kennen sich aus?

Dr. Gölz: Jede Mitarbeiterin sollte die Routine beherrschen und sich auf einem Gebiet spezialisieren. Das besprechen wir im Team. Am spannendsten ist es bei der Diabetesberatung mit der Unterscheidung in Typ-1- und Typ-2-Beraterinnen. Man muss schon die Programme durch die Routine professionell bedienen können. Falls nicht, fällt das den Patienten unangenehm auf. Aber ohne Smart-Pix-Kenntnisse kann man in meiner Praxis nicht arbeiten.

Was bedeutet in Ihrer Praxis der Einsatz von neuer Diabetes­technologie im Hinblick auf Ihr Verhältnis zum Patienten? Wenn Sie an Telemedizin denken?

Dr. Gölz: Es hat sich schon ein bisschen was verändert. Einige Patienten fühlen sich gläsern. Das hängt aber von der Beratung ab. Den CGM-Kurven sieht man jetzt an, dass man eigentlich 10 oder 15 Minuten früher bolen sollte. Das überrascht die Patienten dann. Manche wollen nicht, dass irgendwie etwas gespeichert wird. Ansonsten sind wir jetzt noch näher am Patienten dran, weil wir mehr sehen. Wir können viel besser beraten. Die berühmte Augenhöhe ist notwendig für ein funktionierendes Arzt-Patienten-Verhältnis, wenn sie sich auf den respektvollen, menschlichen Umgang bezieht.

Ich vermute, dass mein diabetologisch-wissenschaftliches Know-how sich von dem des Patienten unterscheidet. Es wäre aber auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Wenn wir hier auf Augenhöhe wären, sollte ich besser kein Arzt sein. Natürlich ist das „Berater-sein ex cathedra“ für mich aber passé.

Telemedizin ist für mich persönlich nicht so interessant. Ich bin ein Freund des persönlichen Umgangs. Grundsätzlich eine gute Sache, keine Frage, aber für mich im Augenblick noch nicht.

Heute hilft die Technologie, die Daten schneller zu analysieren. Was machen Sie denn mit der freigewordenen Zeit?

Dr. Gölz: Ich behandle mehr Patienten in der gleichen Zeit. Das sehe ich nicht nur ökonomisch. Heute schaffe ich es, einen Patienten mit einem ganz komplexen Problem, bei dem mir meine Mitarbeiterinnen alle Daten perfekt ausgelesen haben, für einen Beratungstermin zur Therapieoptimierung „dazwischen zu quetschen“, wo ich früher sagen musste, das schaffe ich nicht, da habe ich jetzt keinen freien Termin, er muss in vier Monaten wiederkommen.

Früher habe ich in 40 Minuten zwei Pumpenpatienten betreut, weil ich selbst hätte auslesen müssen, heute weiß ich genau, dass ich sagen kann: Kommen Sie in 10 Tagen vorbei, wir sehen uns die Situation ganz genau an. Natürlich komme ich auch schneller in die Lifestyle-Beratung, weil ich nicht mehr so viel „graben“ muss.

Was erwarten Sie von Ihrer Fachgesellschaft, der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), bezüglich Digitalisierung?

Dr. Gölz: Die DDG ist für mich eine unverzichtbare Plattform mit ihren Kongressen, unverzichtbar für das Netzwerken und den Austausch. Letztendlich ist das, was mit dem Code of Conduct Digital Health der DDG geschaffen wurde, lesenswert und wertvoll, präzise formuliert und wie geschaffen, dies auch in die Industrie zu tragen. Denjenigen, die sich permanent weigern, Interoperabilität anzubieten, kann man irgendwann dann auch nicht mehr helfen.

Wie sieht Ihre Praxis in fünf Jahren aus? Wie kann Ihnen eine vernünftige Software helfen, die Abläufe in der Praxis zu verbessern?

Dr. Gölz: Also ich hoffe, dass meine Praxis in fünf Jahren so aussieht wie heute – mit einem schlanker funktionierenden Daten-Management-Programm und mit noch besserer Schnittstellenvernetzung. Ich bin überzeugt davon, dass es ein Personalisiertes Diabetes-Management (PDM) wie PDM One (Roche) oder ein ähnliches Tool geben wird, weil sonst die Ergebnisqualität dauerhaft nicht abbildbar ist. Aber es muss funktionieren!


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