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Individualisierte Therapie: Präzisionsmedizin in der Diabetologie

Autor: Maria Fett

Betroffene sind ihrer Genetik nicht schutzlos ausgeliefert. Individuelle Lebensstilanpassungen und Therapien können gegensteuern. Betroffene sind ihrer Genetik nicht schutzlos ausgeliefert. Individuelle Lebensstilanpassungen und Therapien können gegensteuern. © iStock/LeoWolfert
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In der Erforschung, Prävention und Behandlung von Diabetes zeichnet sich eine zunehmende Individualisierung und Personalisierung ab. Auf dem 55. Diabetes Kongress diskutierten Forschende ihre neusten Erkenntnisse zu Genetik, Epigenetik, Biomarkern und Klinik.

Mit Daten aus vielen verschiedenen Quellen wird versucht, den Diabetes mellitus selbst, aber auch die chronisch erkrankten Patienten so präzise wie möglich zu beschreiben, um ihnen die beste Therapie zukommen zu lassen. Schritt 1 auf dem Weg dorthin ist es, immer besser zu verstehen, wie sich die Stoffwechselstörung entwickelt. „Vieles davon passiert im Gehirn, von dem wir sagen können, dass es bei der Entstehung eines Diabetes eine Rolle spielt“, erklärte der Präsident des diesjährigen Dia­betes Kongresses, Professor Dr. Dr. Hendrik­ Lehnert­ von der Universität Salzburg.

In den letzten 25 Jahren sei man diesem Zusammenhang ein großes Stück näher gekommen. So könne man heute z.B. die Kommunikation zwischen ZNS, Appetit und Nahrungsaufnahme sehr gut nachvollziehen und damit die pathophysiologischen Prozesse der Adipositas genauer beschreiben. „Wir gehen davon aus, dass auch im zentralen Nervensystem die Ausbildung von Resistenzen gegenüber Hormonen, die vor allem eine anorexigene Wirkung haben, also die Nahrungsaufnahme verhindern, von entscheidender Bedeutung ist“, führte Prof. Lehnert aus.

Die Rolle von Resistenzen gegen sättigende Hormone

Neben Insulin sei hier das Fettgewebshormon Leptin zu nennen. Bei übergewichtigen Menschen kommt es häufig zu einer Mehrsekretion des Hormons, der sogenannten Hyperleptinämie. Analog zur Insulinresistenz führt die Resistenz gegenüber Leptin im Hypothalamus bzw. an der Blut-Hirn-Schranke dazu, dass es seine sättigende Wirkung verliert, ein entscheidender Faktor für die Entwicklung eines metabolischen Syndroms.

Flexibler und schneller als die Genetik

Im Gegensatz zur Genetik lässt sich die Epigenetik, die Genregulation, stark durch Umwelteinflüsse und den individuellen Lebensstil beeinflussen. Für die Entstehung von Typ-2-Diabetes bedeutet dies, dass die eigene Lebensweise das persönliche Risiko entscheidend prägt. Im Rahmen des Diabetes Kongresses erörterten Forschende unter anderem, welche veränderten epigenetischen Muster Menschen mit Diabetes in Leber, Muskelgewebe und Beta-Zellen aufweisen.

Für die individualisierte Therapie von Adipositas und Typ-2-Diabetes sind diese Erkenntnisse besonders spannend, so Prof. Lehnert. Denn sie erlauben z.B. die Frage, wie sich durch eine gezielte Erhöhung von anorexigenen Hormonen im Gehirn die Nahrungsaufnahme beeinflussen lässt. „Die intranasale Gabe ist sicher ein Weg, aber noch nicht ausreichend über einen langen Zeitraum untersucht worden.“ Auch epigenetische Faktoren werden zunehmen bei der Entstehung von Diabetes und Übergewicht untersucht. Bekannt ist, dass man ein bis zu 50%iges Erkrankungsrisiko „in die Wiege gelegt“ bekommt. Dies bedeute jedoch nicht, dass man diesem vermeintlichen Schicksal schutzlos ausgeliefert ist, machte Professor Dr. Henriette­ Kirchner­, Humangenetikerin an der Universität Lübeck, Hoffnung. Durch ihre Arbeit zur Epigenetik der Adipositas weiß sie, dass „die Veränderungen einer fett- und zuckerhaltigen Ernährung durch viel Bewegung, gesunde Ernährung und Gewichtsreduktion wieder rückgängig gemacht werden können.“

Quelle: Pressekonferenz Diabetes Kongress 2021

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