Kleine geldgierige schwarze Hausärztinnenseele

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Eine Dame behauptete, die Kolumnistin hätte die Besuchszeit verzögern wollen, um mehr Gebühr zu berechnen. © ryanking999 – stock.adobe.com

Springt der Arzt nicht auf Fingerschnippen, sind die Patienten oft wütend. Dies führt mitunter zu abenteuerlichen Anschuldigungen.

Alle reden vom Wetter. Nein, zutreffender wäre: Alle schimpfen auf das Wetter. Regnet es, beklagen sie Nässe und Kälte, die Wasserreservoire sind ja weit weg. Scheint im Sommer die Sonne, stöhnen sie wegen der Hitze und der Arbeit, die das Bewässern des Gartens macht. Am besten wäre es, wir hätten immer sonnige 25 °C. Aber auch da wäre es vermutlich einigen zu warm und einigen zu kalt. Das Wetter kann es niemandem recht machen.

Das trifft in ähnlicher Weise auch auf den Hausarzt bzw. die Hausärztin zu. Vermutlich folgt er/sie auf der Nörgelskala gleich hinter dem Wetter. Dass meine Fähigkeiten angezweifelt werden, wenn der Patient eine KHK und COPD entwickelt, nachdem ich ihm jahrzehntelang nahegelegt habe, das Rauchen einzustellen und sich mehr zu bewegen, kenne ich zur Genüge. Aber vergangene Woche erlebte ich nochmal was Neues:

Ich war in einem wunderschönen Sommerkonzert unter freiem Himmel. In der Pause rappelte mein Handy. Anruferin war die Tochter eines Patienten, den ich erst seit seiner akuten Erkrankung vor ein paar Monaten kenne und dem ich in diesem Rahmen meine Telefonnummer gegeben hatte. Ihr Vater leide seit gestern unter starken Rückenschmerzen, meinte die besorgte Tochter und bat um einen Hausbesuch.

Ich besprach mit ihr einige mögliche Sofortmaßnahmen, die sie natürlich alle schon versucht hatte. Ohne Besserung. Gutmütig wie ich bin – schließlich hatte ich keinen Bereitschaftsdienst – versprach ich ihr, in eineinhalb bis zwei Stunden noch vorbeizukommen.

Nein, das wäre zu spät, meinte sie. Der Hausbesuch müsse jetzt sofort erfolgen! Ich erklärte ihr geduldig, dass ich in einem Konzert sei und nach dessen Ende vorbeikommen würde. Alternativ könne sie gerne den Bereitschaftsdienst anrufen oder morgen mit ihrem Vater in die Sprechstunde kommen. Sie legte relativ abrupt auf, ihre Unzufriedenheit kam klar und deutlich durchs Telefon rüber.

Ich verfluchte innerlich, dass ich vergessen hatte, das Handy auszuschalten. Da mir aber solche unklaren Gesprächsenden immer noch eine Weile nachgehen, rief ich nach dem Konzert bei der Bereitschaftsdienstzentrale an und schilderte der Frau das Gespräch. Ja, die Dame hatte sich tatsächlich gemeldet und sich selbstverständlich über mich beschwert. Ich hätte die Hausbesuchszeit verzögern wollen, um die höhere Gebühr zur Unzeit ab 22 Uhr berechnen zu können. Ich war sprachlos. Unglaublich, so eine Unterstellung!

Die nette Frau von der Bereitschaftsdienstzentrale tröstete mich jedoch und meinte, solch Beschwerden hätten sie öfter und die Anspruchshaltung mancher Patienten sei einfach völlig überzogen und unrealistisch. Damit hätten auch sie in der Vermittlung zu kämpfen. Umso wichtiger sei die Klärung solcher Vorkommnisse.

Der gute und entspannende Effekt der schönen Musik war für mich natürlich erst mal weg. Ich war einfach stocksauer. Und habe mit meiner kleinen geldgierigen schwarzen Hausärztinnenseele gehofft, dass der Bereitschaftsarzt erst weit nach Mitternacht bei dem Patienten eingetroffen ist.