Luftballons und Mutperlen helfen jungen Krebspatienten durch die Behandlung

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Luftballons und kleine Geschenke helfen bei der Chemotherapie. Mutperlen stehen für Therapieabschnitte, Freude und Schmerz. Luftballons und kleine Geschenke helfen bei der Chemotherapie. Mutperlen stehen für Therapieabschnitte, Freude und Schmerz. © Fotos: Thomas Oberländer | Helios Kliniken

Eine Chemotherapie ist für Tumorpatienten extrem belastend. Es gibt jedoch Handlungen, die den Betroffenen Kraft geben können und helfen, Therapien durchzustehen. Das betrifft vor allem Kinder.

Die Erzieherin Kerstin Walter und das Pflegepersonal vom Helios Klinikum Berlin Buch wollen jungen und besonders ganz jungen Patienten Mut machen: aufgeben gilt nicht! Wenn junge Patienten über viele Monate hinweg teils stationär, teils ambulant behandelt werden, sei das ein echter Kraftakt, der von den Kindern und Jugendlichen jede Menge Durchhaltevermögen erfordere, wissen die Kollegen aus ihrer täglichen Erfahrung. Ein Ritual kann in der schweren Zeit allen eine besondere Freude bieten, sagt Walter.

„Wenn die Kinder hier bei uns auf der Station fertig sind und ihre letzte Chemotherapie ansteht, dann wird der Infusionsständer geschmückt“, erzählt die Erzieherin. Aufgehängt werden daran Luftballons und kleine Geschenke wie ein Puzzle, ein Plüschtier oder Malutensilien, je nachdem, was die kleinen Patienten gern mögen. „Man lernt die Kinder ja über einen längeren Zeitraum kennen und weiß, womit sie sich beschäftigen und worüber sie sich freuen.“

Jetzt ist Schluss, ich hab‘s geschafft!

Ist die letzte Behandlung der Chemotherapie abgeschlossen, werden die Luftballons von den Patienten mit einer Kanüle zerknallt. Das bedeutet: Jetzt ist Schluss, ich hab es geschafft! Es sei zugleich für Kinder, die neu auf Station kommen und den geschmückten Infusionsständer bei einem anderen Kind sehen, ein persönlicher Ansporn, berichtet Walter. „Sie wissen dann: Da will ich auch mal hinkommen!“

Therapieverlauf auffädeln führt zum „Sammelfieber“

Rituale wie der geschmückte Infusionsständer oder das Gestalten von Mutperlenketten helfen jedoch nicht nur den Patienten, sondern auch dem Personal. Schließlich würden alle die Schicksalsschläge der Kinder und Jugendlichen Tag für Tag hautnah miterleben und über das Ritual durch strahlende Gesichter und leuchtende Augen ihrer jungen Patienten für ihren Einsatz und ihr Engagement belohnt, so Helios.

Das Mutperlenprojekt – eine Idee aus den Niederlanden, von der Deutschen Kinderkrebsstiftung nach Deutschland gebracht und inzwischen bundesweit genutzt – gehört in Buch ebenfalls zum Unterstützungskatalog für Erkrankte bis zum 18. Lebensjahr.

Statt ihren Krankheitsverlauf im Tagebuch zu dokumentieren, fädeln die Patienten ihren Therapieverlauf gewissermaßen auf. Für jede Behandlung und jede stationäre Aufnahme gibt es eine Perle. Die verschiedenfarbigen Perlen markieren den Beginn der Behandlung, die Stammzell-Sammlung, die Knochenmark-Transplantation, Prothese, Notaufnahme, aber auch einen schrecklichen Tag, einen tollen Tag und den Geburtstag. Gelb verdeutlicht Untersuchungen wie Röntgen, Ultraschall, MRT, Lila einen Verbandswechsel, Rot-Blau die Bluttransfusion, die Mützen-Perle markiert den Ausfall der Haare, zwei Mützen-Smileys gibt es für die Chemotherapie. So entsteht letztendlich eine sehr individuelle Kette. Im letzten Jahr berichtete eine kleine Patientin von einem regelrechten „Sammelfieber“. Finanziert werden die Perlen in Buch über den Verein ICKE, eine Initiative für chronisch kranke Kinder und deren Eltern.

Die Kinderkrebshilfe der Niederlande bietet inzwischen auch eine Mutperlen-App an, verfügbar in den gängigen App-Stores. Diese zeigt den Kindern, welche Perle für welche Behandlung, welche Untersuchung, welchen Eingriff oder welches besondere Ereignis steht. „Damit werden nicht nur Einblicke in den Therapieverlauf, sondern auch Behandlungsschritte verständlich und nachvollziehbar“, ist bei www.kinderkrebsstiftung.de zu lesen.

Rituale für sterbende Kinder – der Wunsch ist entscheidend

Der Verein KINDERHILFE – Hilfe für krebs- und schwerkranke Kinder Berlin-Brandenburg verfügt über zwei ambulante Hospizdienste. Durch diese werden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene am Lebensende begleitet. Befragt nach Ritualen für die sterbenskranken Bewohner sagt Jürgen Schulz, Vorsitzender des Vereins, dass es nicht „das Ritual“ gebe, denn der Bedarf sei bei den jungen Kranken sehr unterschiedlich.

Manche Kinder wollten nur in Ruhe und allein von ihrer Familie Abschied nehmen. Andere würden jedoch Angebote gern annehmen. Zu diesen Angeboten gehört das Verfassen eines Testaments. Darin können die Kinder z.B. regeln, in welche Hände das geliebte Haustier übergehen soll oder dass die kleine Schwester den Lieblingsteddy erhält. „Wir fördern die Wünsche, die vom Kind geäußert werden“, so Schulz. Im Alter von vier Jahren hätten die Patienten schon ihre ganz eigenen Vorstellungen vom Abschiednehmen. Sie bemerkten bewusst und auch körperlich, dass sie gehen müssten: „Es ist erstaunlich, wie offen und mit welchem Wissen die Kinder ihre Wünsche formulieren.“ Der ambulante Kinderhospizdienst betreut die jungen Erkrankten in der gewohnten häuslichen Umgebung.

Keine allgemeingültigen Rituale für die Erwachsenen

Auch für Brustkrebspatientinnen hält das Helios Klinikum in Buch einen „Mutmacher“ bereit. Es handelt sich um ein „Herzkissen“ – anatomisch geformt und handgenäht. Es dient laut Helios nicht nur als Mutmacher in der schweren Zeit nach der Tumordiagnose. Es lindere auch unangenehme Druck- und Narbenschmerzen nach einer Operation. Zudem diene es zur Entlastung der Lymph­abflussbahnen in der Achselhöhle, helfe bei der Entstauung der operierten Seite, beeinflusse die Durchblutung positiv und biete auch eine angenehme Liegeposition. Betreut wird dieses Projekt durch die Brustkrebsschwestern.

Aber in der Onkologie der Erwachsenen gebe es eigentlich keine allgemeingültigen Rituale, sagt Gritt Schiller, Psychoonkologin in den Bereichen Gynäkologie, Sarkomzentrum und Strahlentherapie. „Der persönliche Umgang und die Auseinandersetzung mit der Erkrankung und der Therapie stehen im Vordergrund.“

Die Patienten würden jedoch durch eine gewisse Routine der Therapie mit der neuen, oft anstrengenden Lebenssituationen zurechtzukommen. Das beinhalte, Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren – was anfangs vielen schwerfalle –, und reiche bis zum Nachdenken über das eigene Leben und dessen Endlichkeit. „Die Palette ist so groß wie die Vielfalt der einzelnen Persönlichkeiten der Patienten“, so die Psychoonkologin.

Quelle: Medical-Tribune-Bericht