MFA: Ärzteschaft soll sich als wichtiger Partner positionieren

Interview Autor: Anouschka Wasner

Frauendominierte Berufe haben sich sehr lange im Niedriglohnbereich bewegt. Rechts: Hannelore König, Vorsitzende des geschäftsführenden Vorstandes des VmF. © Fotolia/Robert Kneschke

Der Fachkräftemangel ist bei den MFA angekommen, jede fünfte Praxis ist auf der Suche. Spätestens jetzt ist also der richtige Zeitpunkt, sich Gedanken zur Attraktivität des Berufs zu machen. Hannelore König ist 1. Vorsitzende des geschäftsführenden Vorstands des Verbandes medizinischer Fachberufe. Wir haben mit ihr gesprochen.

Frau König, viele Praxen haben mittlerweile Schwierigkeiten, ihre MFA-Stellen zu besetzen. Woran liegt das?

Hannelore König: An den Ausbildungszahlen offensichtlich nicht. 2017 wurden fast genauso viele Neuverträge abgeschlossen wie im Jahr 2000. Allerdings lagen die Abbruchquoten zuletzt deutlich über 20 % und damit höher als in den Jahren zuvor. Es kommen also weniger MFA auf dem Arbeitsmarkt an. Im aktuellen DGB-Ausbildungsreport liegt die MFA bei der persönlichen Beurteilung der Ausbildungsqualität nur auf Platz 19. Dabei geht es z.B. um die korrekte Behandlung durch die Ausbilder und um Über- oder Unterforderung. Es muss jetzt in Ausbildung investiert werden! Engagierte MFA, die als feste Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen in die Ausbildung eingebunden werden, brauchen die zeitlichen Ressourcen, um Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln und die Kompetenzen für die berufliche Handlungsfähigkeit zu vermitteln. Nach unseren Einschätzungen verlieren wir außerdem viele MFA nach der Ausbildung, weil ihnen Wertschätzung und Perspektive in der Praxis fehlen und weil Rahmenbedingungen wie etwa das Gehalt nicht stimmen. Sie wandern in andere Branchen ab.

Die Verdienstmöglichkeiten als MFA sind tatsächlich immer noch recht gering. Gelingt es Ihnen als Gewerkschaft nicht, bessere Konditionen auszuhandeln?

König: Wir sind die einzige Gewerkschaft, die seit 1969 Tarifverträge für Medizinische Fachangestellte verhandelt. Wir sind stolz, dass wir seit Jahren den Anschluss an die Tarifsteigerungen anderer Gewerkschaften halten. Allerdings muss man berücksichtigen, dass sich die Gehälter der MFA als frauendominierter Beruf über Jahrzehnte im Niedriglohnbereich bewegt haben und somit die Ausgangswerte deutlich niedriger lagen als in anderen Gesundheitsberufen. Zudem kommt, dass die überwiegende Mehrzahl der MFA in Kleinstbetrieben arbeitet. Die gewerkschaftliche Vertretung ist damit um einiges komplizierter. Mit den Tarifsteigerungen rückwirkend zum 1. April 2017 um 2,6 % und zum 1. April 18 um 2,2 % liegen wir aber trotzdem über den Tarifsteigerungen in anderen Branchen. Und wir wissen aus unseren verbandsinternen Umfragen und den Ergebnissen der Studie vom Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung von 2016, dass die Akzeptanz der Tarifverträge bei 67 bis 69 Prozent liegt. Ein Problem für uns ist, dass die Ergebnisse der Honorarverhandlungen der KBV mit dem GKV-Spitzenverband und die Verhandlungen in den 17 KV-Regionen uns immer wieder als Obergrenze in den Gehaltstarifverhandlungen dargestellt werden. So gesehen haben wir in den letzten Jahren sogar sehr gut verhandelt: Die erreichten Gehaltssteigerungen liegen über diesen Verhandlungsergebnissen. Bewusst haben wir die Refinanzierung der MFA-Gehaltssteigerungen analog der Kranken- und Altenpflege durch die Kostenträger im Sommer des Jahres ins Spiel gebracht. Aus unserer Sicht werden wir als größte Berufsgruppe im ambulanten Gesundheitswesen als unverzichtbare Säule in den Arztpraxen immer wieder sowohl von der Politik als auch von den Kostenträgern vergessen. Ein Nachweis, dass die Gehaltssteigerungen auch tatsächlich bei den Mitarbeiter/innen ankommen, wäre aus unserer Sicht deshalb unverzichtbar.

Es ist derzeit viel von Anerkennung der Pflege die Rede. Was sagen Sie als Interessensvertretung der MFA dazu?

König: Wir sehen den dringenden Handlungsbedarf in der Pflege. Bei den arztentlastenden Tätigkeiten der NäPa/EVA/VERAH in den Heimen erleben unsere Kolleginnen und Kollegen die Auswirkungen des Fachkräftemangels hautnah. Wir begrüßen daher die Maßnahmen der Bundesregierung. Allerdings wünschen wir uns mehr Verständnis und Wertschätzung für die Situation der MFA. Die psychischen Belastungen im Arbeitsalltag sind inzwischen sehr hoch, nicht nur die Anforderungen kommen im Minuten-Takt, sondern auch die Erwartungshaltung der Patienten und auch der Angehörigen und Heime steigt permanent. Und während die Anforderungen und Belastungen immer größer werden, liegen die Einstiegsgehälter immer noch unter 2.000 Euro. Und wenn dann der Bundesgesundheitsminister 3000 Euro monatlich für examinierte Altenpflegekräfte in Aussicht stellt, steigt das Risiko der Abwanderung unserer Berufsangehörigen in Richtung Alten- und Krankenpflege natürlich weiter.

Eine Aufwertung hat der Beruf der MFA durch die Einrichtung von Zusatzqualifikationen wie etwa der NäPa oder Verah erfahren. Ist das der richtige Weg?

König: Diese Aufwertung des Berufsbilds MFA durch Qualifizierung im haus- und im fachärztlichen Bereich war dringend nötig. Kollegen und Kolleginnen, die in solchen Funktionen arbeiten, haben eine höhere Verantwortung und in der Regel auch eine höhere Arbeitszufriedenheit. Aber hier darf es keinen Stillstand geben. Diese Aufstiegsmöglichkeiten müssen ausgebaut werden. Berufsbegleitende Module haben sich dabei bewährt, aber ich denke da auch an eine akade­mische Weiterbildung im medizinischen Bereich etwa in Richtung Physician Assistant.

Vertreter der Interessen der medizinischen Fachberufe

Der Verband der medizinischen Fachberufe (VmF) wurde 1963 als Berufsverband der Arzthelferinnen e.V. (BdA) gegründet. Seit 1981 nimmt er auch die Interessen der Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen wahr. Seit 2006 firmiert er unter seinem jetzigen Namen, um damit verschiedene Berufsbilder sowie Frauen und Männer anzusprechen, mittlerweile können auch angestellte Zahntechniker/innen Mitglied werden.

Was glauben Sie, warum MFA in den Überlegungen zu Entwicklungen im Gesundheitssystem „übersehen“ werden? 

König: Medizinische Fachangestellte sind aus meiner Sicht zu leise! Um politisch wahrgenommen zu werden, müssen wir als MFA deutlich lauter werden. Aber statt für unsere eigenen Rechte und die Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen auf die Straße zu gehen, erledigen wir unsere Arbeit in der ambulanten Versorgung. Mit hoher fachlicher und sozialer Kompetenz managen MFA die Abläufe in den Arztpraxen, haben immer ein offenes Ohr und geraten oft zwischen alle Stühle, wenn z.B. Verordnungen oder Reha-Maßnahmen abgelehnt werden und die Patienten unwirsch reagieren. Ich würde mir wünschen, dass sowohl Politiker wie auch Vertreter anderer Institutionen im niedergelassenen Bereich hospitieren, um das Berufsbild der Medizinischen Fachangestellten kennenzulernen. Auch in der Öffentlichkeit wird viel zu oft „medizinisch“ in unserer Berufsbezeichnung kleingeschrieben. In den Medien wird oft der Begriff „Sprechstundenhilfe“ benutzt. Unsere Erklärung, dass dieser Begriff aus einer Zeit kommt, als der Beruf nicht staatlich anerkannt war, wird von Redaktionen oft nicht angenommen. Besonders irritiert uns dabei, dass selbst Ärzte, die bei Diskussionen mit auf dem Podium sitzen, dies nicht richtig stellen.

Was kann der einzelne Praxisinhaber tun, damit der MFA-Beruf in seinem Team und in der Gesellschaft angemessen wertgeschätzt wird? 

König: Jeder Praxisinhaber bzw. jede Praxisinhaberin kann jede MFA im Praxisteam wertschätzen und ihr im Team auf Augenhöhe begegnen. Jede/r MFA möchte entsprechend den Kompetenzen am richtigen Platz eingesetzt und leistungsgerecht vergütet werden. Auch selbstständiges Arbeiten und Fortbildungen erhöhen die Zufriedenheit. Daneben ist natürlich auch das Betriebsklima wichtig. Flexible Arbeitszeitmodelle und Kinderbetreuung sind nicht nur für Ärztinnen, sondern auch für MFA wichtig. Außerdem könnten alle Ärzte und Ärztinnen von ihrer/m MFA oder Medizinischen Fachangestellten sprechen und auf Begriffe wie ‚Mädchen‘ verzichten und bei falschen Berufsbezeichnungen korrigierend eingreifen, wäre dies ein großer Schritt in die richtige Richtung. Ach ja: Und natürlich wünschen wir uns eine klare und eindeutige Positionierung der deutschen Ärzteschaft zu den Medizinischen Fachangestellten als wichtigen Partner im niedergelassenen Bereich.