Ökonomisierung der Medizin: Wirbelsäulenchirurgie leidet unter Fließbandarbeit

Gesundheitspolitik Autor: Petra Spielberg

Prof. Dr. Giovanni Maio (links) und Prof. Dr. Marcus Richter sind sich auf dem Deutschen Wirbelsäulenkongress in Wiesbaden einig: Die Leistung eines Chirurgen, sollte sich an der individuell zugeschnittenen Therapie des Patienten ausrichten. © Josefs-Hospital Wiesbaden

Das Gesundheitssystem orientiert sich immer mehr an der Industrie, kritisiert der Internist und Medizin­ethiker Professor Dr. Giovanni Maio. Er fordert Zeit für den individuellen Austausch mit dem Patienten bei der Suche nach der maßgeschneiderten Therapie.

Was ist sinnvoll für den Patienten? Das sei die Kernfrage einer guten Medizin, so Professor Dr. Giovanni Maio. „Nur im Gespräch mit dem Patienten kann der Chirurg herausfinden, ob ein operativer Eingriff tatsächlich erforderlich ist oder ob eine konservative Therapie ausreichend wäre“, sagt der Internist und Medizinethiker von der Ludwig-Albers-Universität Freiburg über das Spannungsfeld von Ethik, Qualität und Kommerz in der Medizin.

Die Medizin konzentriere sich heutzutage zu sehr auf das Machen und investiere zu wenig in das Verstehen. Grund hierfür seien Fehlanreize im Gesundheitssystem, die dazu führten, dass Kliniken sich in erster Linie am Erlös orientierten und weniger daran, welche Therapie zu welchem Patienten passt. Vor allem seit Einführung der Fallpauschalen vor 15 Jahren drifte die Medizin immer mehr in Richtung Industrialisierung ab, da diese das Erlös­denken der Ärzte förderten, während das Gespräch mit dem Patienten zusehends auf der Strecke bleibe.

„Dürfen nicht in Massenproduktionslogik verfallen“

Unter dieser Schieflage leide die Wirbelsäulenchirurgie ganz besonders. Die Folge seien neben steigenden Eingriffszahlen auch zunehmend misstrauische Patienten. Medizin dürfe aber nicht in Massenproduktionslogik verfallen. Um das zu verhindern, sei es sinnvoll, die vielen Disziplinen zur Therapie von Wirbelsäulenerkrankungen stärker zu vernetzen, sowohl die operativen als auch die konservativen, so Prof. Maio.

Damit der Arzt eine verlässliche Einschätzung des Einzelfalls vornehmen kann, ist zudem Zeit für das Durchdringen einer komplexen Krankengeschichte erforderlich, sagt der Medizinethiker. Eine individualisierte Behandlung des Patienten werde jedoch oftmals als unwissenschaftlich angesehen, zumal es einfacher und schneller sei, den Patienten in eine allgemeine Leitlinie zu pressen, anstatt sich die Zeit für eine Auseinandersetzung mit seiner Krankengeschichte zu nehmen. Zwar sind Checklisten und Leitlinien notwendig, reichen aber zur Einschätzung der jeweils passenden Therapie nicht aus, betont Prof. Maio.

Der Medizinethiker ist davon überzeugt, dass die Medizin kostengünstiger und nicht teurer würde, wenn Ärzte nach Zeit und für eine gute Beratung honoriert würden statt nach Eingriffszahlen. Er fordert daher eine Rückbesinnung auf Werte wie Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit und Geduld und appelliert an die Ärzte, sich hierfür einzusetzen. „Wir leiden unter dieser Entwicklung“, räumt Professor Dr. Marcus Richter, Präsident der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG), ein. Denn selbst diejenigen Ärzte, die nach bestem Wissen und Gewissen handelten, erlebten zunehmend misstrauische Patienten.

Kritischer Umgang mit neuen Erkenntnissen

Prof. Richter ist wie Prof. Maio der Ansicht, dass die Leistung eines Chirurgen darin bestehen müsse, die jeweils optimale Therapie für einen Patienten zu finden. Dies müsse nicht zwangsläufig in der Ablehnung eines chirurgischen Eingriffs münden. „Es gibt Patienten, die zu schnell operiert werden. Es gibt aber auch Patienten, bei denen zu lange gewartet wird“, so Prof. Richter. Die DWG bemühe sich deshalb in ihren Fortbildungen darum, einen kritischen Umgang mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu fördern, um die Ärzte für maßgeschneiderte Therapien zu sensibilisieren.

Die durch das DRG-System entstandenen Zwänge sieht Prof. Richter nicht ganz so kritisch wie Prof. Maio. Den Ärzten bleibe auch im engen Fallpauschalenkorsett ein gewisser Spielraum, um sich Zeit für Gespräche mit den Patienten und für individuelle Entscheidungen zu nehmen – auch wenn diese nicht vergütet würden, so der Wirbelsäulenchirurg.