Onkologe über die Corona-Krise: „Ich erlebe eine unerwartete Solidarität“

Interview Autor: Dr. Moyo Grebbin

Wie sieht ein Onkologe die Corona-Krise? Wie sieht ein Onkologe die Corona-Krise? © crevis, Aldeca Productions – stock.adobe.com

Das Coronavirus SARS-CoV-2 stellt aktuell alle vor völlig neue Herausforderungen – ganz besonders Risikogruppen wie Krebspatienten und ihre behandelnden Ärzte. Fragen dazu beantwortet Prof. Dr. Andreas Schneeweiss, Leiter der Gynäkologischen Onkologie am NCT in Heidelberg.

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie werden viele OPs aufgeschoben. Sollten auch Onkologen in Betracht ziehen, riskante Maßnahmen wie Knochenmarktransplantationen zu verschieben?

Prof. Schneeweiss: Das ist immer eine Risikoabwägung. Wenn jemand ein Kandidat für eine Knochenmarktransplantation ist, dann ist das immer eine sehr schwerwiegende Erkrankung mit hohem Mortalitätsrisiko. Angesichts dessen ist das Risiko durch eine potenzielle Corona­virus­infektion als viel geringer einzuschätzen. Das heißt man wird so eine Therapie niemals aufschieben.

Wie steht es mit der Gabe von beispielsweise Chemotherapien?

Prof. Schneeweiss: In der Regel geben wir auch solche Therapien in einer Situation, in der die Betroffenen darauf wirklich angewiesen sind. Das höhere Sterberisiko ohne die Behandlung ist in meinen Augen immer wesentlich größer, als das durch eine potenzielle Coronavirusinfektion. Selbst nach Kontakt mit einem an COVID-19 Erkrankten muss abgewogen werden: Wenn Sie etwa einen Krebspatienten haben, bei dem ein Organausfall droht, müssen Sie trotzdem behandeln – auch mit einer Chemotherapie, wenn das die einzige Option ist. Wenn allerdings genug Zeit ist, würde man natürlich 14 Tage abwarten.

Wie gesagt, es ist immer eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung. Aber das machen wir ja ständig, denn viele Therapien sind ohnehin mit einem hohen Risiko behaftet, da kommt jetzt nur eine weitere Variable hinzu.

An den täglichen Behandlungsentscheidungen ändert sich also kaum etwas?

Prof. Schneeweiss: Nein, bei uns in der gynäkologischen Onkologie eigentlich nicht. Ich habe heute gerade eine junge Frau mit neu diagnostiziertem Brustkrebs gesehen, die dringend eine Therapie braucht. Sie war weder in einem Risikogebiet noch hatte sie Kontakt mit einem Coronavirus-Infizierten. Da beginnen wir natürlich mit der Behandlung, auch wenn sie immunsuppressiv sein sollte.

Das waren bisher rein medizinische Überlegungen. Doch es gibt auch praktische Aspekte, etwa die Verfügbarkeit von Schutzbekleidung. Ist das in der Onkologie ein Problem?

Prof. Schneeweiss: Es ist natürlich ein ganz heißes Thema, wie man mit limitierten Ressourcen im Gesundheitswesen umgeht. Doch das ist im Moment nicht aktuell. Ich finde die Aussage sehr gut: „Wir fahren auf Sicht, aber auf Weit-Sicht“. In Heidelberg hätten wir selbst unter den schlimmsten Prognosen bis Ende nächster Woche genügend Beatmungsplätze. Ich glaube, man sollte ein bisschen gegen die Hysterie arbeiten. Diese Pandemie wird sehr schnell sehr viele Menschen betreffen, aber die meisten Erkrankungen laufen asymptomatisch oder sehr milde. Wir versuchen uns mit Weitsicht weiter vorzubereiten. Theoretisch ist es natürlich möglich, dass die Ausrüstung knapp wird, aber in Deutschland unwahrscheinlich.

Seit Kurzem sind Schulen und Kitas geschlossen. Könnten nicht Personalengpässe wegen der erforderlichen Übernahme der Kinderbetreuung auftreten?

Prof. Schneeweiss: Da haben Sie natürlich vollkommen recht, aber ich erlebe eine unerwartete Solidarität in der Bevölkerung. Es gibt wirklich eine Flexibilität und ein Engagement, was ich so nicht erwartet hätte. Jeder schaut zunächst im Kleinen, wie er seine Probleme lösen kann: Der Nachbar oder die Nachbarin passt auf, oder das Kind geht mit einem anderen Kind und dessen Eltern in einen Urlaub auf einen Bauernhof. Es gibt wirklich die interessantesten Lösungen.

Auf der anderen Seite versuchen wir – das gesamte Gesundheitssystem in Deutschland und eben auch wir in Heidelberg – Leute zu akquirieren, die ausgebildet sind, z.B. als Krankenschwestern, aber derzeit nicht mehr in ihrem Beruf gearbeitet haben. Ich habe in meiner Abteilung auch viele Study Nurses, die ausgebildete Pflegekräfte sind. Auch die werden angefragt, ob sie wieder als Krankenpfleger oder -pflegerin arbeiten würden. Ich bin mir sicher, wir werden genug Personal finden.

Auch die pharmazeutische Produktion ist von der Corona-Krise betroffen. Haben Sie Bedenken, dass irgendwann die Krebsmedikamente knapp werden könnten?

Prof. Schneeweiss: Wenn ich ehrlich bin, ich weiß es nicht. Ich glaube das zwar nicht, aber da die Produktionsketten international eng verzahnt sind, ist nicht ausgeschlossen, dass irgendwo eine Lücke entsteht. Was mich sehr zuversichtlich macht, ist, dass die Neuerkrankungen in China zurückgegangen sind. Das Land ist wenn man so will eine der Werkbänke der Welt, gerade was Grundstoffe betrifft. Deswegen glaube ich persönlich, dass wir genug Ressourcen und Medikamente haben, bis die Produktion wieder richtig anläuft.

In Deutschland haben wir natürlich auch das große Glück, dass wir extrem gut ausgestattet sind: Nicht nur mit Krankenhäusern, sondern auch mit Apotheken und Logistik. Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir diese Strukturen nicht ausgedünnt. Das ist jetzt ein riesiger Vorteil.

Wo können sich Ihre Kollegen weiter zum Thema Coronavirus in der klinischen Praxis informieren?

Prof. Schneeweiss: Es gibt die Empfehlungen der DGHO, die ich sehr gut finde. Außerdem eine sehr schöne Stellungnahme von Onkopedia, auch im Netz, die ein bisschen ausführlicher ist und auch immer aktualisiert wird. Und dann würde ich einfach empfehlen, regelmäßig auf die Seiten vom Robert Koch-Institut zu gehen. Prinzipiell kann ich nur raten, nicht in Panik zu verfallen und soweit es geht Normalität zu üben.

Medical-Tribune-Interview


Professor Dr. Andreas Schneeweiss; Sektionsleiter Gynäkologische Onkologie Universitätsklinikum und Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg Professor Dr. Andreas Schneeweiss; Sektionsleiter Gynäkologische Onkologie Universitätsklinikum und Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg © Universitätsklinikum Heidelberg