Selbstregulation, Wirtschaft oder Politik – wer ist für eine gesunde Ernährung verantwortlich?

Gesundheitspolitik Autor: Petra Spielberg

Neun von zehn Personen sa­gen, dass ihnen eine gesunde Ernährung wichtig ist. Die Realität sieht aber anders aus. Neun von zehn Personen sa­gen, dass ihnen eine gesunde Ernährung wichtig ist. Die Realität sieht aber anders aus. © iStock/YinYang
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Immer mehr Menschen machen sich Umfragen zufolge Gedanken über eine gesunde Ernährung. Die Zunahme an Adipositas, Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrank­ungen spricht dagegen eine andere Sprache. Experten fordern daher einen Paradigmenwechsel in der Politik.

Dem aktuellen Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zufolge ist 91 % der Bevölkerung eine gesunde Ernährung wichtig. Die Realität scheint dem allerdings zu widersprechen. Denn die Krankheitslast der Deutschen durch ernährungsbedingtes Fehlverhalten hat in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen, wie zum Beispiel Daten der Global-Burden-of-Disease-Studie oder Erhebungen der OECD belegen.

Besserer Schutz von Kindern vor Social-Media-Marketing

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMEL fordert daher in einem aktuellen Gutachten einen neuen, integrierten Ansatz in der Ernährungspolitik, der stärker auf eine faire Ernährungsumgebung und auf einen Mix von Politikinstrumenten setzt.

Es genüge nicht, den Verbraucher mittels Flyer, Broschüren oder ähnlichen bildungspolitischen In­­­­stru­­menten über eine gesunde und ausgewogene Ernährung aufzuklären, sagt der Beiratsvorsitzende Professor Dr. Achim Spiller, der an der Georg-August-Universität Göttingen Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte lehrt. Anstatt vorrangig auf die Eigenverantwortung des Einzelnen für eine gesunde Ernährung zu setzen, sei eine stärker ordnungspolitische Ausrichtung der Ernährungspolitik notwendig.

Die Politik sei auf allen Ebenen gefordert, den Bürgern, und insbesondere vulnerablen Gruppen wie Kindern und ärmeren Bevölkerungsschichten, die Wahl für eine gesunde und ausgewogene Ernährung so leicht wie möglich zu machen. Als Beispiel nennt Prof. Spiller das flächendeckende Angebot einer qualitativ hochwertigen und möglichst beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung.

„Auch der bessere Schutz von Kindern vor Werbung und Social-Media-Marketing für ungesunde Lebensmittel ermöglicht für diese verwundbare Gruppe de facto erst eine Wahlfreiheit“, so der Marketingexperte. Finanzielle Anreize durch beispielsweise höhere Steuern auf tierische Produkte oder Süßwaren gehören nach Ansicht des wissenschaftlichen Beirats ebenfalls zum staatlichen Interventionsmix dazu.

Deutschland habe hier im Vergleich mit anderen Ländern noch Nachholbedarf, meint Klaus ­Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes. Auch die Prägung der Ernährungsgewohnheiten von Kindern dürfe nicht komplett individualisiert und ausschließlich auf die Sorge­berechtigten oder gar auf die Kinder selbst abgewälzt werden. „Sie darf sich auch nicht allein in Bildungsangeboten für Verbraucherinnen und Verbraucher erschöpfen, sondern muss zu einer Veränderung des Lebensmittelangebots und Lebensmittelmarketings führen“, so Müller.

Neuere Forschungen zeigen dem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats zufolge, dass die Ernährungsumgebung – etwa durch eine gut sichtbare Platzierung von gesunden Produkten wie Obst oder Gemüse – und die breite Verfügbarkeit von nachhaltigen Produktvarianten, wie kostenlosem Trinkwasser im öffentlichen Raum, eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung für oder gegen eine ausgewogene Ernährung spielen.

Das Anordnen von gesunden Lebensmitteln auf Augenhöhe sei auch aus Sicht der Verhaltenswissenschaften wichtig, um Menschen einen Anstoß für eine vernünftige Ernährungsentscheidung zu liefern, erklärt Professor Dr. ­Ralph ­Hertwig, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Allerdings komme ein solches „Nudging“ (Anstupsen) als staatliche Intervention dort an seine Grenzen, wo Menschen komplexen und manipulativen Einflüssen auf ihr Ernährungsverhalten ausgesetzt seien und eigenverantwortlich Entscheidungen treffen müssten, wie z.B. in Supermärkten.

Daher sei es sinnvoll, Menschen, ob jung oder alt, zusätzlich mit Kompetenzen auszustatten, die ihre Entscheidungsautonomie stärken, so Prof. Hertwig. Innerhalb der Familie könnten Kinder Wissen für eine gesunde Ernährung erlangen, indem die Eltern ihnen eine gesunde Ernährungsweise vorleben und sie in die Essenszubereitung einbinden.

Auch die Lebensmittelverbände wehren sich gegen zu viel staat­liche Steuerung des Ernährungsverhaltens. Sie sehen die Hauptverantwortung für eine gesunde und ausgewogene Ernährung vor allem beim Bürger. Aus ihrer Sicht kommt einer sachgerechten und verständlichen Verbraucherinformation eine wesentliche Rolle zu. Dies sei auch der Leitgedanke des europäischen Lebensmittelrechts, erklärt Rudolf Streinz, Lehrbeauftragter für Internationale Politik und Neueste Geschichte an der Hochschule für Politik München.

Für den Kieler Philosophie-Professor Dr. Ludger Heidbrink liegt der Schlüssel in einer sinnvollen Teilung der Verantwortlichkeiten zwischen Bürgern, Industrie und Staat. „In dieser Dreiecksbeziehung muss die Hauptverantwortung beim Verbraucher liegen“, da dieser generell eine Fürsorgepflicht für sich trage.

Die Eigenverantwortung umfasse auch das Pflichtbewusstsein, sich Wissen über eine gesunde Ernährung anzueignen und das eigene Kauf- und Nutzungsverhalten zu reflektieren. Prof. Heidbrink fordert deshalb, bereits in der Grundschule mit der Ernährungsbildung zu beginnen. Denn nur, wenn Verbraucher früh und umfassend Tugenden für eine gesunde Ernährung entwickeln könnten, seien sie auch in der Lage, sich gegen unternehmenspolitische Entscheidungen, die eine ungesunde Ernährungsweise fördern, zu ­wehren.

Auch an Agrarpolitik und Klimaschutz denken

Den Fokus bei der Unternehmensverantwortung sieht Prof. Heidbrink auf dem Angebot gesunder Lebensmittel, wozu auch eine transparente Kommunikation gehöre. Als nachrangig bezeichnet er dagegen die Lenkungsaufgabe des Staats zur Förderung gesunder Ernährungs­tugenden.

Die ehemalige Bundesminis­terin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate ­Künast (Grüne), würde dagegen dem Staat ein größeres Gewicht bei der Ernährungsverantwortung zubilligen wollen. Bei der Neugestaltung der Ernährungspolitik müsse auch an die nachfolgenden Generationen, unter Einbeziehung weiterer Politikbereiche wie der Agrar- und der Klimaschutzpolitik, gedacht werden.

Quelle: Jahrestagung des Deutschen Ethikrats

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