Universität will erstmals einen Lehrstuhl für alternative Heilmethoden einführen

Interview Autor: Maya Hüss

In Baden-Württemberg soll eine neue Professur für alternative Heilmethoden entstehen. © iStock.com/Darunechka

Die Universität in Tübingen wagt sich auf Neuland: Ab dem Wintersemester 2019/20 könnte es für Medizinstudierende einen Lehrstuhl für alternative Heilverfahren geben. Medizin-Dekan Professor Dr. Ingo Autenrieth erklärt im Interview, welche Voraussetzungen Professur-Bewerber mitbringen sollten und wie er Kritikerstimmen begegnet.

Wie soll der neue Lehrstuhl heißen und wie weit ist die Entwicklung?

Prof. Dr. Ingo Autenrieth: Der Lehrstuhl hat noch keinen Namen. Derzeit handeln wir die Verträge zur Finanzierung der Professur aus. Üblicherweise dauern solche Berufungsverfahren sechs bis zwölf Monate. Tritt die gewählte Kommission zusammen, wird zunächst die Stelle ausgeschrieben. Wenn dieser Prozess gut läuft, könnten schon im Wintersemester 2019/20 Studierende das Angebot wahrnehmen. Der neue Lehrstuhl soll anfangs eher als kleine Einheit auftreten und nur zwei bis drei Mitarbeiter beschäftigen. Also: klein, aber schlagkräftig.

Welche Inhalte sollen gelehrt werden?

Prof. Autenrieth: Das Curriculum des Medizinstudiums ist gesetzlich über die Approbationsordnung festgelegt. Hier gibt es Querschnittsbereiche. Einer dieser beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Thema Naturheilkunde. Hier wäre es sicherlich eine sehr gute Möglichkeit, mitzuwirken. Aber praktisch in allen Fächern könnte diese Professur tätig werden.

„Naturheilkunde“, wie wir sie uns vorstellen, muss genauso evidenzbasiert, wirksam und sicher sein, wie dies auch für alle anderen Therapieverfahren zu gelten hat. Deshalb kann es aus unserer Sicht keine „Komplementärmedizin“ geben, sondern nur „evidenzbasierte, sichere und effektiv wirksame Medizin“. Für Homöopathie ist dies nachweislich nicht der Fall, sie scheidet daher von vornherein als Thema für die Forschung aus.

Wie wird der Lehrstuhl finanziert?

Prof. Autenrieth: Der Lehrstuhl wird von der Robert-Bosch-Stiftung für die ersten fünf Jahre finanziert. Anschließend erfolgt eine Evaluation, die in der Regel über universitäre Gremien mit nationalen und internationalen Gutachtern läuft. Am Ende soll feststehen, wie erfolgreich so eine Einrichtung gewirkt hat. Langfristig soll die Professur dann vom Land Baden-Württemberg finanziert werden.

Welche Anforderungen stellen Sie an diejenigen, die sich auf die Professur bewerben?

Prof. Autenrieth: Wir sind uns darüber im Klaren, dass das Bewerberfeld überschaubar sein wird. Denn wir definieren das Anforderungsprofil sehr genau: Wir suchen eine Person, die evidenzbasiert, international und wissenschaftlich arbeitet. So kann die Stelle entweder durch eine Ärztin oder einen Arzt oder auch von Natur- oder Sozialwissenschaftlern besetzt werden. Die Lehrformate werden sich am Tätigkeitsschwerpunkt der ausgewählten Person orientieren. Ein Argument, dass klar für eine Ärztin oder einen Arzt, gerade auch aus dem Klinikbereich, sprechen könnte, ist die Patientennähe.

Auf welche kritischen Stimmen sind Sie gestoßen, was sagen Ihre Kollegen?

Prof. Autenrieth: Die Etablierung des neuen Lehrstuhls wird inner- und außerhalb unserer Fakultät kontrovers diskutiert. Zum einen gibt es Applaus von der falschen Seite, beziehungsweise es gibt viel Voreingenommenheit. Und das sowohl von denen, die eine solche Professur befürworten als auch von der Seite, die die Thematik grundsätzlich ablehnt. So ist vielen unklar, warum wir uns mit dem Thema der alternativen Heilmethoden überhaupt beschäftigen.

Zum anderen wird moniert, dass man das Geld doch lieber in Verfahren investieren sollte, die bereits wissenschaftlich belegt worden sind. Die grün-schwarze Regierung in Baden-Württemberg hat das Thema, die Alternativmedizin zu stärken, aber als politische Vorgabe im Koalitionsvertrag verankert. Diese setzen wir somit um. Außerdem haben wir eine Stiftung gefunden, die dieses Vorhaben finanziert, weil sie sich dafür interessiert.

Ein weiterer Grund, der für den Lehrstuhl spricht, ist, dass das Thema besonders Patienten interessiert. Gerade im Bereich der Krebstherapie wissen wir, dass 70 bis 80 % der Patienten komplementärmedizinische Verfahren in Anspruch nehmen oder sich intensiv damit auseinandersetzen. Dazu zählen zum Beispiel pflanzliche Therapien, anthroposophische Medizin, Homöo­pathie, klassische Naturheilverfahren oder Akupunktur.

Außerdem geht es nicht darum, dass die Studierenden die Inhalte später unbedingt praktizieren müssen. Sie sollen vielmehr lernen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich eine eigene wissenschaftlich fundierte Meinung zu bilden, um mit dem Thema umzugehen und als künftige Ärzte mit Patienten darüber sprechen zu können.

Medical-Tribune-Interview