Telemedizin im Wattenmeer

e-Health , Telemedizin Autor: Antje Thiel

Die Bewohner der Halligen leben nahe am Wasser und am Wetter. Eine direkte medizinische Versorgung ist dadurch nicht immer möglich. Telemedizin kann echte Hilfe bieten. © wikipedia/Ra Boe, wikipedia/Martha Pohl, DRF Luftrettung

Nach Baden-Württemberg hat jetzt auch die Ärztekammer Schleswig-Holstein das Fernbehandlungsverbot gekippt. Zwar muss die neue Berufsordnung erst noch vom Landesgesundheitsministerium genehmigt werden, in der Notfallbehandlung ist dann aber kein persönlicher Arzt-Patient-Kontakt mehr erforderlich.

Die Neuausrichtung in Sachen Fernbehandlungsverbot kommt den Projektpartnern von HALLIGeMED entgegen, ein Projekt, das Mitte März 2018 die Weichen für die telemedizinische Notfallversorgung auf den Halligen neu gestellt hat. Maßgeblich angestoßen wurde es von Matthias Piepgras, Bürgermeister der Hallig Hooge, die mit gut 100 Einwohnern die größte der zehn Halligen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer ist. Auf keiner der Inseln gibt es ein akutmedizinisches Versorgungssystem aus Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeug wie auf dem Festland. Für das gesundheitliche Wohl der Bürger sorgt ausgebildetes Krankenpflegepersonal.

Bei Sturm oder Nebel ist der Pfleger auf sich alleine gestellt

Piepgras erklärt: „Als Bürgermeister bin ich auch Vorgesetzter unseres Krankenpflegers. Wenn wir bei Sturm oder Nebel einen medizinischen Notfall auf der Hallig haben und vom Festland aufgrund der Wetterlage keine schnelle Hilfe erwarten können, muss unser Krankenpfleger den Patienten alleine stabilisieren.“ Dabei gibt es oft Grenzfälle, in denen sich die Versorgungslücke mit Telemedizin schließen ließe. Wenn ein Arzt aus der Ferne die Möglichkeit hat, eine feste und sichere Diagnose zu stellen, erhöht das die Patientensicherheit vor Ort auf der Hallig.

Der Hooger Bürgermeister weiß aus eigener Erfahrung, wovon er spricht. Er wurde im Sommer 2016 mit Verdacht auf Herzinfarkt in die Klinik eingeliefert: „Der Notruf wurde um 9 Uhr morgens abgesetzt, da lag die Hallig im Nebel und der Hubschrauber konnte nicht fliegen. Danach war Niedrigwasser, sodass der Seenotrettungskreuzer nicht anlegen konnte.“ Es dauerte insgesamt fünf Stunden und erforderte ein großes Aufgebot an Rettungskräften, bis die Ärzte im Krankenhaus Entwarnung gaben: kein Herzinfarkt. „Wenn mir unser Krankenpfleger in Absprache mit Ärzten auf dem Festland etwas hätte spritzen dürfen, hätte ich gar nicht von der Hallig weggemusst“, erzählt der 62-Jährige.

Der aufwendige Transport von Notfallpatienten aufs Festland ist nicht nur teuer für das Gesundheitssystem, sondern auch belastend für die Betroffenen. „Ich war im Zuge meiner Notfallversorgung notgedrungen fünf Tage auf dem Festland, ohne Personalausweis oder Geld, das waren auch für mich unnötiger Aufwand und vor allem vermeidbarer Stress“, erinnert sich Piepgras.

Der Bürgermeis­ter suchte also nach Wegen, die medizinische Versorgung auf den Halligen zu verbessern und gleichzeitig Ressourcen zu schonen, und wurde dabei auf die medizinische Notfallversorgung in OffShore-Windparks aufmerksam. Dort werden seit geraumer Zeit telemedizinische Konzepte genutzt, mit denen Ersthelfer vor Ort leichte Erkrankungen von lebensbedrohlichen Verletzungen und schwierigen Rettungssituationen unterscheiden und die jeweils erforderlichen Schritte einleiten können.

An diesen Konzepten will man sich bei dem neuen Projekt, das mit 750 000 Euro für drei Jahre vom Land Schleswig-Holstein gefördert wird, orientieren. Projektpartner auf dem Festland ist das Institut für Rettungs- und Notfallmedizin (IRuN) des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein.

„Wenn künftig ein Patient mit Brustschmerz in die Krankenpflegestation auf Hooge kommt, kann der Krankenpfleger ein EKG machen, das er an die Uniklinik weiterleitet. Wenn es ein typisches Herzinfarkt-EKG ist, können wir das schnell erkennen und sofort vorbereitende Maßnahmen einleiten“, erklärt Projektleiter Dr. Niels Renzing, Oberarzt im IRuN.

Brustschmerzen und Unfälle via Datenbrille behandeln

Auch bei Fahrradunfällen, wie sie auf den im Sommer von Touristen bevölkerten Halligen häufig vorkommen, kann die Telemedizin gute Dienste leisten. „In so einem Fall könnten unsere Spezialisten dem Krankenpfleger via Datenbrille über die Schulter schauen und ihm Tipps für die Akutbehandlung und Schmerzmedikation geben“, sagt Dr. Renzing.

Nachdem nun die Fördermittel bewilligt sind, stehen die konkrete Bedarfsanalyse und die Projektausschreibung für die technische Infrastruktur auf der Agenda der HALLIGeMED-Initiatoren. Sobald alle Partner feststehen, sollen die Krankenpfleger auf den Halligen und die Mitarbeiter im IRuN des UKSH geschult werden. „Wir rechnen mit einem Start in 2019“, meint Dr. Renzing.

Aus Sicht des Arztes sind die Halligen, die im Jahr an 20 bis 30 Tagen aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen rettungsdienstlich nicht erreichbar sind, auf jeden Fall ein Paradebeispiel für eine telemedizinische Anwendung. „Doch letztlich gibt es in Schleswig-Holstein eine ganze Reihe strukturschwacher ländlicher Regionen, für die telemedizinische Unterstützung in der Notfallversorgung interessant wären“, ergänzt er.