Entlassmanagement: Klinik und Vertragsärzte standardisieren Dokumentation

Niederlassung und Kooperation Autor: Petra Spielberg

Der Arztbriefübermittlung per Patient kann eine Vorabinfomation per Fax oder digital vorausgehen. Der Arztbriefübermittlung per Patient kann eine Vorabinfomation per Fax oder digital vorausgehen. © iStock/thodonal
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Wie lässt sich ein schnelles und effektives Entlassmanagement für Patienten, deren Klinikaufenthalt endet, einrichten? Im Rheingau-Taunus-Kreis nehmen ein Krankenhaus und 80 Niedergelassene an einem Pilotprojekt teil. Und das hat Potenzial.

Eine gut funktionierendes Entlassmanagement mit einem raschen und zielgerichteten Informationsaustausch zwischen den Sektoren, wie vom Gesetzgeber seit 2017 vorgeschrieben, ist wesentlich, um Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt bestmöglich weiter versorgen zu können. Genau an diesem Punkt setzt ein gemeinsam entwickeltes Modellprojekt zwischen dem St. Josef-Hospital Rheingau (Joho Rheingau) und dem Gesundheitsnetz Rheingau e.V. an.

Seit Januar 2019 testet das 150-Betten-Haus in Rüdesheim zusammen mit den niedergelassenen Ärzten aus der Region, wie sich Informationslücken an der Schnittstelle stationär-ambulant mithilfe standardisierter Entlassdokumentationen und einheitlicher Meldewege schließen lassen. Die hessische Landesregierung unterstützt das bis Ende 2020 laufende Projekt mit 151 000 Euro. Die wissenschaftliche Evaluation erfolgt durch das Health Care Management Institute der EBS Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel.

Ein erster Probelauf fand bereits kurz nach Aufbau der Projektstrukturen mit zehn Mitgliedspraxen des Ärztenetzwerks statt. Im Sommer letzten Jahres folgte der flächendeckende Ausbau. Seitdem nehmen 80 Haus- und Fachärzte des Gesundheitsnetzes Rheingau am sektorenübergreifenden Entlassmanagement teil.

Mitteilung erfolgt bereits am Vortag der Klinikentlassung

„Kern unseres Projekts ist, dass unsere niedergelassenen Kooperationspartner auf der Basis einer strukturierten Dokumentation von uns alle notwendigen Informationen zur Weiterbehandlung eines Patienten bereits einen Tag vor dessen Entlassung erhalten“, erläutert Jens Gabriel, Geschäftsführer des Joho Rheingau. So könnten die Praxen die Weiterbehandlung rechtzeitig vorbereiten. Gemeinsam mit Mitgliedspraxen des Gesundheitsnetzes habe die Klinik im Vorfeld entschieden, welche Daten hierfür in erster Linie erforderlich sind.

„Herausgekommen sind zwölf Themenfelder, darunter zum Beispiel Informationen aus dem Sozialdienst, zum Medikationsplan, zu physikalischen oder pallitativmedizinischen Maßnahmen, zu bekannten MRE-Infektionen oder zur Betreuungssituation“, sagt Gabriel.

Eine eigens entwickelte Software ermögliche es den Klinikärzten, die notwendigen Informationen über den Patienten mittels Knopfdruck aus dem jeweiligen Datensatz des Krankenhausinformationssystems herauszufiltern und in die Entlassdokumentation einzuspeisen. „Diese wird an die weiterbehandelnde Praxis gefaxt“, so Gabriel. Voraussetzung sei die vorherige schriftliche Zustimmung des Patienten. Zwischen Juli 2019 und Ende Februar 2020 wurden auf diesem Weg 2500 Dokumentationen versandt.

Derzeit laufen die Vorbereitungen für eine digitale Übermittlung. „Eine vielversprechende Möglichkeit ist, hierfür das KV-SafeNet beziehungsweise KV-Connect zu nutzen“, so Gabriel. Mit der KV Hessen seien die Projektpartner hierzu bereits in Kontakt.

Bei den Praxen kommt das Entlassmanagement gut an. „Die Vorabinformation ist eine große Erleichterung und gibt uns niedergelassenen Ärzten Sicherheit mit Blick auf die erforderliche Weiterbehandlung“, sagt Dr. Ole Waller, Allgemeinarzt aus Oestrich-Winkel. Inzwischen klappe die Informationsübermittlung im Regelfall problemlos.

Mehr Transparenz im Behandlungsverlauf

Eine erste Zwischenbilanz des Projekts zeigt, dass das sektorenübergreifende Entlassmanagement auch für die Patienten mehr Transparenz im Behandlungsverlauf schafft und unnötige Wiederholungen von Untersuchungen sowie aufwendige Arztbesuche vermeidet. „Des Weiteren gewährleistet das Pilotprojekt eine zeitnahe und reibungslose Behandlung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Dies alles trägt zur Patientensicherheit, einer steigenden Behandlungsqualität und einem Informationsgewinn bei“, betont der Geschäftsführer der Klinik.

Wünschenswert wäre aus Sicht von Dr. Waller, wenn die niedergelassenen Ärzte auch nach Ende des Projekts den Mehraufwand erstattet bekämen. Derzeit erhalten die Praxen für die Auswertung der Entlass-Dokumentation eine Pauschale.

Die Barmer Ersatzkasse in Hessen hat ihre Unterstützung bereits bekundet. „Wir dürfen die Patienten nicht zwischen den medizinischen Versorgungssektoren alleine lassen“, so Martin Till, Landesgeschäftsführer der Barmer. Perspektivisch könne er sich eine Erweiterung des Projekts, etwa durch Einbeziehen von Pflegeheimen, vorstellen.

Die Kasse prüfe zudem derzeit die Möglichkeit, den dreiseitigen Kooperationsvertrag mit einem Selektivvertrag weiter zu festigen und auszubauen. „Auf der Grundlage eines Selektivvertrages sollen innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen Vertragsleistungen zu einem Konzept der sektorenübergreifenden Versorgung verdichtet werden“, sagt Till.

Medical-Tribune-Bericht


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