Ärztin bietet Videosprechstunde für Pflegeheimbewohner an

Praxismanagement , Praxisführung Autor: Cornelia Kolbeck

Das Pilotprojekt lotet die Möglichkeiten von Videosprechstunden zur Kompensation ländlicher, hausärztlicher Versorgungsengpässe aus. (Agenturfoto) Das Pilotprojekt lotet die Möglichkeiten von Videosprechstunden zur Kompensation ländlicher, hausärztlicher Versorgungsengpässe aus. (Agenturfoto) © iStock/Kemal Yildirim
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Von der Videotelefonie profitieren im Nordosten der Republik jetzt die Bewohner eines Pflegeheims. Die versorgende Hausärztin ging in den Ruhestand, eine Kollegin sprang mit digitaler und normaler Sprechstunde ein.

Per Pilotprojekt erprobt die AOK Nordost gemeinsam mit der Internistin Monique Salchow-Gille ab Oktober die hausärztliche Betreuung von Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohnern per Videosprechstunde. Grundlage ist ein Pflegeheim-Plus-Vertrag zwischen AOK und KV Meck­lenburg-Vorpommern mit dem evangelischen Pflegeheim „Hanna Simeon“, der entsprechend erweitert wurde. Ein Pflegeheim-Plus-Vertrag beinhaltet die wöchentliche ärztliche Präsenz eines festen Hausarzt-Teams sowie eine erweiterte hausärztliche Rufbereitschaft über die Praxiszeiten hinaus, am Abend und z.T. an den Wochenenden.

Nachdem eine Hausärztin im Februar aus Altersgründen aus dem Ärzteteam ausgeschieden war, entstand für 40 Bewohner des „Hanna Simeon“-Heims – eine vollstationäre Einrichtung für geis­tig schwerst-mehrfach behinderte Menschen – eine Versorgungslücke. Ärzte, die einspringen sollten, fanden sich trotz vieler telefonischer Nachfragen in der Umgebung nicht, wie Pflegedienstleiterin Ines ­Wegner berichtet. Salchow-Gille erklärte sich schließlich bereit, die Versorgung der Heimbewohner zu übernehmen. Sie bot die Videosprechstunde bereits anderen an.

Das Pflegeheim befindet sich im kleinen Örtchen Boock, eine Gemeinde unweit der polnischen Grenze im Landkreis Vorpommern-Greifswald. 580 Einwohner leben hier. Die Hausarztpraxis von Salchow-Gille befindet sich in Friedland, 75 Kilometer entfernt. Einmal pro Quartal kommt die Hausärztin jetzt in die Einrichtung zur „großen Sprechstunde“ für alle Patienten.

Weiterhin gibt es eine Präsenz-Sprechstunde für Akut­fälle und ab jetzt noch einmal in der Woche die hausärztliche Sprechstunde per Video. „Natürlich kann und soll die Video­sprechstunde den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt nicht ersetzen“, sagt die Internistin. Aber die Videotelefonie eigne sich ergänzend gerade im ländlichen Raum sehr, um Fragen zu beantworten, eine erste Einschätzung bei akuten Problemen zu geben oder den Verlauf des Heilungsprozesses bei z.B. chronischen Wunden zu kontrollieren.

Ein Raum im Haus sei für die Onlinesprechstunde umgerüstet worden, es sei auch viel getestet worden im Vorfeld, berichtet die Pflegedienstleiterin, das Netz vor Ort sei „ja auch nicht so berauschend“. Auch hätte die Zustimmung aller Betreuer der Bewohner eingeholt werden müssen.

Die schwerstbehinderten Bewohner sind nicht in der Lage, direkt mit der Ärztin zu kommunizieren. „Die Ärztin kann aber den Patienten sehen und sich mithilfe der Aussagen der Fachkräfte im Heim ein Bild von der gesundheitlichen Lage machen“, so Wegener.

Gesonderte Vergütung über KV-Anteil hinaus

„Es ist gut, dass Corona der Video­sprechstunde zu einem Schub verholfen hat“, bemerkt Marek Rydzewski, Bereichsleiter Versorgungsmanagement der AOK Nordost. Das sei hoffentlich kein kurzfris­tiges Phänomen: „Mit dem Piloten testen wir jetzt, ob die Videosprechstunde tatsächlich Engpässe in der hausärztlichen Betreuung von Pflegeheimen kompensieren kann und welcher Rahmenbedingungen es dafür bedarf.“ Videosprechstunden, die über den 20%igen KV-Anteil hinausgehen, vergütet die AOK im Rahmen des zweijährigen Pilotprojektes gesondert.

Medical-Tribune-Bericht

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