Coronapandemie hat viele Defizite offensichtlich gemacht

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Ein Konsortium aus verschiedenen Fachärzten sowie Experten weiterer Bereiche wäre zielführender gewesen. Ein Konsortium aus verschiedenen Fachärzten sowie Experten weiterer Bereiche wäre zielführender gewesen. © iStock/DrAfter123
Anzeige

Nach anderthalb Jahren Pandemie wird zunehmend Bilanz gezogen zur Bewältigung derselben. Sachverständige und Praktiker üben dabei zum Teil heftige Kritik. Und das betrifft viele Bereiche im Gesundheitssystem.

Das Parlamentarische Begleitgremium Covid-19-Pandemie hat am 8. Juli in einer öffentlichen Sitzung Experten zur Pandemie gehört. Die Meinung, Deutschland wäre auf die derzeitige Krise gut vorbereitet gewesen, sei Gemeingut, man wisse inzwischen, dass das nicht so gewesen sei, stellte der Vorsitzende Rudolf Henke (CDU/CSU) zu Beginn der Sitzung klar. Es sei deshalb besonders wichtig, Lehren zu ziehen und Konsequenzen zu ergreifen: „Alles gehört auf den Prüfstand.“

DIVI-Intensivregister – ein „äußerst primitives System“

Kritisch bewertete Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, die Situation in den Krankenhäusern. Sie forderte zukünftig eine aktive regionale Krankenhausplanung, auch hinsichtlich einer möglichen weiteren Epidemie oder Pandemie. Derzeit wäre „alles auf Kante genäht“. Wenn schon im Normalfall Ressourcen zu 90 % ausgelastet wären, sei eine Pandemie nicht zu schultern. Vor vielen Jahren wären in Kliniken zur Isolation Schleusen gefördert worden, die dann aber teilweise wegen Nichtnutzung gar nicht mehr vorhanden gewesen seien. „Wir müssen deshalb wissen, was wir haben, und wir müssen aktiv planen und Vorhaltung fordern.“ Das sagte die Ärztin auch hinsichtlich Personalsituation und der Finanzierung der Kliniken.

Eine Nationale Gesundheitsreserve – wie bereits im Aufbau – mache Sinn, meinte der Sachverständige Professor Dr. Wolfgang Greiner, Universität Bielefeld. Allerdings müsse die Politik auch entscheiden, welche Produkte es betreffe und wie lang die Lagerfristen seien. Über ein „rollierendes System“ sollten Produkte ausgetauscht und am Ende entsorgt werden, was allerdings ein ethisches Problem wäre.

Kritik am DIVI-Intensivregister übte der Informatiker und Datenanalyst Tom Lausen. Es sei „ein äußerst primitives System“. Es gebe signifikante Fehlerquellen bei der Erhebung der Daten und signifikante Fehlinterpretationen der Zahlen des Gesundheitssystems. Die schlechten, daraus abgeleiteten Prognosen hätten ständig nachgeschärft werden müssen. Das müsse bis zur nächsten Welle anders werden. Der Intensivmediziner Professor Dr. Christian Karagiannidis (DGIIN) sprach sich für eine bessere automatisierte Zuleitung der Daten aus den Kliniken aus. „Wir brauchen dringend eine Debatte zur Datennutzung ... keine falsche Datenschutzdebatte“, mahnte Gutachter Sebastian Zilch vom Bundesverband Gesundheits-IT. Bei 25 Millionen Nutzern der Luca-App bestehe Luft nach oben.

In der Veranstaltung „Bad Nauheimer Gespräche“ äußerte sich der ehemalige Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt am Main, Professor Dr. Dr. Rene Gottschalk, zu Problemen der Gesundheitsämter in der Pandemie. Die Ämter hätten immer nur eine marginale Rolle gespielt, sagte er, sie seien als dritte Säule nie recht wahrgenommen worden. „Unser Fehler war, dass wir offensichtlich nicht früh genug klargemacht haben, was wir leisten können“. Das Gesundheitsamt Frankfurt hätte verschiedene Software entwickelt, die teils genutzt, teils seit 2013 aber „wie sauer Brot“ angeboten werde. „Möglicherweise ist das jetzt der Beginn einer neuen Ära des Öffentlichen Gesundheitsdienstes“, so Prof. Gottschalk.

Kritisch bewertete der Mediziner politische Entscheidungen. Zu viel sei auf „immer das gleiche Fachwissen“ gehört worden. Besser wäre ein Konsortium aus verschiedenen Fachärzten sowie Experten weiterer Bereiche.

Medical-Tribune-Bericht


Prof. Dr. Dr. René Gottschalk, ehem. Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt/Main Prof. Dr. Dr. René Gottschalk, ehem. Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt/Main © Gesundheitsamt ­Frankfurt/Salome Roessler
Anzeige