Heiler und Klimaretter

Aus der Redaktion DGIM 2021 Autor: Michael Reischmann

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Wer ist für den Klimaschutz verantwortlich? Ärzte können zwar Anstoß geben, sollten aber auf ihre Kernkompetenzen vertrauen. Ein Kommentar.

„Die Klimakrise ist eine Herausforderung für die Ärzteschaft, die es notwendig macht, die Verantwortung gegenüber dem individuellen Patienten auch um eine gesamtgesellschaftliche Dimension zu erweitern.“ Das erklärte der DGIM-Vorsitzende Professor Dr. Sebastian Schellong beim Internistenkongress 2021. Angesichts der globalen Bedrohung der Lebensumstände könne es Teil des ärztlichen Auftrags werden, über die Gefahren des Klimawandels, aber auch über mögliche Lebensstiländerungen, etwa bei der Ernährung, aufzuklären.

Es ist gut und wichtig, dass die Ärzteschaft sich zu diesem existenziellen Thema positioniert, über den Stand des Wissens informiert und Empfehlungen für das eigene Handeln ausspricht. Auch der Deutsche Ärztetag wollte sich schon damit ausführlich befassen, was aber von der Pandemie verdrängt wurde. Je mehr Multiplikatoren sich dafür einsetzen, dass Menschen achtsam mit ihren und den weltweiten Ressourcen umgehen, desto besser. Aber seien wir realistisch: Es gibt andere Branchen und Berufe, bei denen die „individuelle und gesellschaftliche Verantwortung“ in der Klimakrise drängender und wirkungsvoller wäre. Die Landwirtschaft etwa, die Lebensmittelindustrie, der Handel, das Transportwesen, die Energieversorger usw.

Raubbau, Umweltverschmutzung und Artensterben finden in demokratisch wie autoritär organisierten Gesellschaften statt. Die menschengemachte Erderwärmung wird von zu vielen führenden Politikern und Managern ignoriert, klein geredet oder halbherzig angegangen, das eigene Tun grüngewaschen. Die Hoffnung ist überwiegend: Die Probleme werden wir mithilfe des technischen Fortschritts irgendwann in den Griff kriegen. Die Indus­triestaaten müssen einfach mehr investieren. Verzicht ist nichts, was die Mehrheit freiwillig anstrebt.

Es ist also lobenswert, die Ernährungsberatung um den Aspekt der klimaschädlichen Fleischgewinnung zu erweitern, mehr auf die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitzeperioden zu achten, die Praxis mit Ökostrom zu betreiben sowie Hausbesuche per Fahrrad zu absolvieren. Doch wie sieht es mit dem persönlichen Konsumverhalten und Urlauben aus? Mit der Verordnung fair gehandelter Ta­bletten? Mit der sozial und ökologisch korrekten Vermögensanlage?

Wer sich seine Kleidung, sein Handy oder sein Mittagessen anschaut, gerät ins Grübeln, wie das wohl zustande gekommen ist, wer dafür leiden musste und welche Alternative es gegeben hätte. Es ist schon eine gewaltige Aufgabe der Medizin und des Gesundheitswesens, Menschen heil auf die Welt zu bringen, sie gesund zu halten, zu heilen und ihre Leiden zu lindern, damit sie ein langes, lebenswertes Dasein haben. Bei der Rettung der Welt müssen sich meines Erachtens andere Leute mehr anstrengen. Es schadet aber sicherlich nicht, wenn sie von ihren Ärzten darauf mit Nachdruck hingewiesen werden.

Michael Reischmann
Ressortleiter Gesundheitspolitik

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